Samstag 18. Mai 2013, 18:46

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Trotz babylonischem Sprachenchaos: Ein Plädoyer für unsere Paradeiser

Brüssel macht wieder einmal Ferien, und daher wollen wir uns heute, wie sich das für die mediale Saure-Gurken-Zeit im August geziemt, einem langfristig tiefgreifenden Thema von allgemeiner Bedeutung zuwenden: Die etwas mehr als 500 Millionen Bürgerinnen und Bürger in den 27 EU-Mitgliedsstaaten sprechen nicht weniger als 23 Sprachen sowie eine Unzahl teilweise völlig unverstehbarer regionaler Dialekte.

Europäischer Tag der Sprachen am 26. September
Europäischer Tag der Sprachen am 26. September
Bild: EC
Zuletzt wurden vor fünf Jahren auch Irisch, Bulgarisch und Rumänisch als offizielle Amtssprachen anerkannt. Die Gefahr, dass sich die vereinigten Europäer vielfach gar nicht verstehen, häufig missverstehen oder unentwegt falsch interpretieren und aneinander vorbei reden, ist naturgemäß gewaltig. Dass es mit einer einzigen Sprache um Häuser einfacher ginge, hüpfen uns die Vereinigten Staaten vor.

Trotzdem ist an dieser Stelle eine Art Lobeshymne fällig: Die Union legt  erklärtermaßen großen Wert darauf, die Sprachenvielfalt am so genannten Alten Kontinent zu respektieren und zu erhalten, womit auch die Minderheitensprachen im EU-Raum automatisch geschützt werden. Es gibt nicht den leisesten Versuch, die babylonische Sprachverwirrung auf Kosten kleinerer Länder mit kaum bekannten Sprachen in den Griff zu bekommen. Und etwa lettisch oder maltesisch nicht wirklich ernst zu nehmen bzw. zu ignorieren. Das heißt: Alle Staatsbürgerinnen und -bürger haben das Recht, sämtliche Gremien der Europäischen Union in einer der 23 Sprachen zu kontaktieren - und sie werden überall mit Sicherheit auch verstanden. Reden im Europäischen Parlament können ebenfalls in jeder Amtssprache gehalten werden - die Abgeordneten anderer Staaten bekommen via Kopfhörer die Simultanübersetzung der Dolmetscher geliefert. Die übrigen EU-Institutionen verwenden Englisch, Französisch und Deutsch als interne Arbeitssprachen, um die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern nicht allzu kompliziert zu gestalten, wobei man sich je nach Institution auf eine der genannten Sprachen konzentriert - bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt etwa wird nicht deutsch, sondern englisch gesprochen.

Sprachen - des Rätsels LösungAlles in allem keine einfache, aber letztlich doch halbwegs kontrollierbare Prozedur: In Brüssel arbeiten für die Kommission, den Rat und ein paar andere zentrale EU-Dienststellen mehr Dolmetscher bzw. Übersetzer pro Quadratmeter als sonst wo auf der Welt. Allein im Dienste der Generaldirektion Dolmetschen sollen rund 600 angestellte Dolmetscher und etwa 400 freiberuflich tätige Kollegen, die einen Netto-Tagessatz von knapp 400 Euro erhalten, bei täglich 50 bis 60 Sitzungen für eine möglichst reibungslose Verständigung sorgen. Das Europäische Parlament in Straßburg und der Europäischen Gerichtshof in Luxemburg verfügen über eigene, großzügig ausgestattete und honorierte Dolmetscher-Dienste. Die beträchtlichen Aufwendungen, die sich allein in Brüssel auf 140 Millionen Euro belaufen, werden gerne in Kauf genommen.

Noch gar nicht mitgerechnet sind die ungefähr 2.500 Mitarbeiter der Generaldirektion Übersetzung. Sie haben in Brüssel und Luxemburg beispielsweise alle von der Kommission verfassten oder ihr übermittelten Gesetze, Strategiepapiere, Berichte, Schreiben und sonstige Texte in sämtliche Sprachen zu übersetzen. Ihre Jahresproduktion liegt bei etwa 1,3 Millionen Seiten. Es gibt so viel zu tun, dass die EU schon seit geraumer Zeit Probleme hat, genügend Sprachexperten für die teilweise hochspezifischen Aufgaben zu finden. Dem Heer aus tausenden Übersetzern und Dolmetschern ist es  jedenfalls zu verdanken - auch wenn die Qualität der Dienstleistung bisweilen heftig kritisiert wird und zahlreiche Texte an Kompliziertheit einfach nicht mehr zu überbieten sind -  dass die Union zumindest in sprachlicher Hinsicht halbwegs zu funktionieren scheint.

Der Sprachwandel ist nicht dufte

Da die eigene Sprache einen enorm wichtigen Teil der Identität jedes Bürgers ausmacht, darf daran seitens eines Staatenbundes nicht annähernd gerüttelt werden. Ein exzellentes  Beispiel hierfür ist die typisch österreichische Sprache, eine Variante der deutschen. Österreich hat ja bekanntlich schon im Zuge der 1994 begonnenen Beitrittsverhandlungen mit der EU verlangt, dass 23 typische Austriazismen aus dem Bereich der Lebensmittel sozusagen als Kulturgut geschützt werden. Seither befinden wir uns in der angenehmen Situation, wie gewohnt Eierschwammerl, Erdäpfel, Karfiol, Marillen, Paradeiser oder Topfen essen zu dürfen, während die Deutschen Pfifferlinge, Kartoffel, Blumenkohl, Aprikosen, Tomaten oder Quark zu speisen pflegen. Die EU macht‘s möglich und hat gottlob auch gar nix dagegen.

Prinzipiell sind damit unzählige spezifisch österreichische Ausdrücke, die bestenfalls auch in Bayern Verwendung finden, aber im übrigen Deutschland als ulkige Einlagen provinzieller Ösis verstanden werden, nicht gefährdet: Wir dürfen beispielsweise abpaschen (statt „weglaufen“), jemanden angreifen(statt „anfassen“), uns ausrasten (statt „ausruhen“), einzwicken (statt „einklemmen“), fortgehen (statt „ausgehen“) oder sudern (statt „uns beklagen“). Bei uns gibt es noch Beisln (statt „Kneipen“), Dippeln (statt „Beulen“), Feschaks (statt „fesche Männer“), Gelsen (statt „Stechmücken“), Krampen (statt „Spitzhacken“), Patschen (statt „Pantoffel“) sowie Semmeln (statt „Brötchen“) und Sessel (statt „Stühle“).  Schließlich  heißt es bei uns umgangssprachlich immer noch blad (statt „dick“), kiefeln (statt „nagen“), terisch (statt „schwerhörig“) und baba (statt „tschüss“).

Der Wiener Germanist Peter Wiesinger fand kürzlich in einer Studie allerdings heraus, dass das österreichische Deutsch - leider, fügen wir hinzu - immer mehr an Boden verliert. Nicht, weil es die EU so verordnet hat, sondern aus ganz anderen Ursachen: So etwa weichen Schulbücher immer stärker auf das Norddeutsche aus, orientieren sich Jugendliche immer stärker einerseits an Englisch, anderseits am Hochdeutschen, und nicht zuletzt passt man sich in Touristenregionen, etwa in Tirol oder Kärnten, primär an die deutsche Klientel an, um besser verstanden zu werden. Schließlich leistet auch die Wirtschaft einen markanten Beitrag zum schleichenden Sprachwandel in Österreich, indem sie zum Beispiel bevorzugt „Tomatensaft“ oder „Tomatenmark“ produziert und auf diese Weise die Paradeiser zum allmählichen Aussterben zwingt. Diese Entwicklung ist jedoch überhaupt nicht dufte: Wir Österreicher sollten keineswegs schmähstad werden und versuchen, krampfhaft die Deutschen zu imitieren.

Vielmehr können wir heilfroh sein, zur Europäischen Union zu gehören und nicht in der Ukraine zu leben: Dort ist soeben das umstrittene Sprachengesetz in Kraft getreten, dem zu Folge Ukrainisch nicht mehr die einzige Amtssprache des Landes ist. Gemäß dem Wunsch von Staatspräsident Viktor Janukowitsch werden gleich 18 Minderheiten-sprachen, darunter Ungarisch, Bulgarisch und Polnisch, in jenen Regionen aufgewertet, wo mehr als zehn Prozent der Bevölkerung einer solchen Sprachgruppe angehören. Das Schlimme daran: Russisch ist gleich in 13 der insgesamt 27 Regionen zur Amtssprache geworden. Das neue Gesetz wird - obzwar Russisch für jeden dritten Ukrainer Russisch die Muttersprache ist - heftig kritisiert, vor allem von den Oppositionsparteien: Sie befürchten, dass damit sämtliche Bemühungen, eine gesamt-ukrainische Identität zu schaffen, wieder zunichte gemacht werden. Und obendrein ein Keil zwischen dem ukrainischsprachigen Westteil und dem russisch geprägten Osten des Landes getrieben werde, wo die Popularität von Janukowitsch zuletzt stark gesunken sind.

Dank der neuen Regelung ist es nunmehr für die russisch-sprachige Bevölkerung im Osten nicht mehr so wichtig, Ukrainisch zu lernen. Der Wahnsinn an dieser Strategie: Die konkrete Umsetzung des Gesetzes werde laut vorliegenden Schätzungen jährlich umgerechnet bis zu 1,7 Milliarden Euro kosten - eine stolze Summe, die in der Ukraine einfach nicht vorhanden ist. Janukowitsch, dem die Opposition  schlichtweg banalen Stimmenfang vorwirft, könnte sich diesbezüglich von der EU so einiges abschauen. Sie  geht einen anderen - vernünftigeren und weitaus billigeren - Weg: Brüssel hat nämlich bereits im Jahr 2001 in Kooperation mit dem Europarat die Initiative „Europäisches Jahr der Sprachen“ erfunden. Ziel ist, den riesigen sprachlichen Reichtum Europas stärker öffentlich bewusst zu machen. Der gleichzeitig eingeführte „Europäische Tag der Sprachen“ verfolgt u.a. den Zweck, möglichst viele Bürgerinnen und Bürger, insbesonders junge, zu ermuntern, Fremdsprachen zu erlernen. Heuer wird es am 26. September EU-weit wiederum zahllose Veranstaltungen und Events geben - von Konferenzen und Workshops über Kinderprogramme bis Radio- und TV-Sendungen - , die zumindest hoffen lassen, dass sich die Unions-Bürger in Zukunft ein bisschen besser verstehen ...
 


 




Babylon vs Europäische Union - die größe Aufgabe für Brüssel

Englisch als "interne Amtssprache" zu verwenden ist eine gute Idee. International kommt man damit wohl am weistesten. Auch im Bezug auf Veröffentlichungen der Brüsseler Spitzen und Behörden sehr schlau. Um aber die Bürger für die Belange der Union zu interessieren, sollte dabei allerdings berücksichtigt werden, dass nicht alle 500 Millionen Europäer die erforderlichen Sprachkenntnisse mitbringen, um alle Veröffentlichungen (Beispiel: Ausschreibungen, Förderansuchen um EU-Zuschüsse für die Programme der Kommission) auch lesen und verstehen zu können. Hier stellt sich eine Frage zu einer der größten Herausforderungen für die Gemeinschaft. Die Einführung eines hochqualitativen Fremdsprachenunterrichts für alle EU-Bürger bereits im Kindergartenalter wird immer wichtiger. Bei näherer Betrachtung wird diese Aufgabe aber schwer zu lösen sein, dies zeigen die Erfahrungen mit den Spraschkenntnissen von Zuwanderern.

Auch die besten Programme zur Beiseitigung dieser Hürde haben bisher keine wirklich zufreidenstellenden Ergebnisse gebracht. Zu Hause wird verständlicher Weise meist doch die Muttersprache der Eltern hochgehalten, was wiederum bei der Integration der Zuwandererkinder zu Verständigungsproblemen führt.

Als zweiten Punkt möchte ich hier den Umstand anführen, dass (speziell im Bereich der Einzel- und Kleinstunternehmen, die die Mehrheit der Unternehmen in Europa darstellen) nicht alle Inhaber einer Gewerbeberechtigung gleichzeitig auch die erforderlichen Business-Englischkenntnisse mitbringen um ungehinderten Zugang zu EU-Informationen, die nicht in alle 23 Amtssprachen übersetzt wurden zu erhalten.

Die Sprachenvielfalt Europas ist und bleibt nach wie vor eine Herausforderung für den Bestand der EU.

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