Samstag 19. April 2014, 11:24

Interviews

Themistoklis Dimidis: „Griechenland steht vor einer Flucht von Wissenschaftlern“

Trotz harter Sparprogramme und Milliardenhilfen ist Griechenland nach wie vor das Sorgenkind Nummer eins in der EU. Der griechische Botschafter in Österreich, Themistoklis Dimidis, erläutert, wie sein Land aus der Krise kommen will.

Themistoklis Dimidis: „Griechenland steht vor einer Flucht von Wissenschaftlern“
Themistoklis Dimidis: „Griechenland steht vor einer Flucht von Wissenschaftlern“
Bild: Griechische Botschaft
In Österreich gibt es nicht nur Zustimmung zu den Milliardenhilfen für Griechenland. Welche Argumente halten Sie den Kritikern entgegen?

Sowohl die EU-Partner als auch europäische und amerikanische Experten sind sich darüber einig, dass ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone einen Dominoeffekt verursachen würde, welcher alle südeuropäischen Staaten betreffen würde. Die Kosten einer solchen Entwicklung wären gewaltig. Auch die starken Euroländer würden nicht verschont bleiben und es würde die große Gefahr eines Zusammenbruchs der Währungsunion bestehen.

Die deutsche Bundeskanzlerin wurde bei Ihrem Besuche in Athen massiv angefeindet. Wie ist die Einstellung der Griechen dem Geberland Österreich gegenüber?

Während des Besuchs der Bundeskanzlerin Merkel in Athen ist es tatsächlich zu Demonstrationen gekommen, weil die schwächeren Bevölkerungsschichten angesichts der Sparprogramme unter massivem Druck stehen; viele Griechen haben bei den Einsparungen ihre Grenzen erreicht und halten Deutschland für den Sparkurs verantwortlich, der bis jetzt zu keiner Verbesserung der Lage geführt hat. Außerdem haben sich in der Vergangenheit deutsche Offizielle und Medien besonders kritisch und spöttisch gegenüber Griechenland geäußert, was von vielen Griechen als Demütigung empfunden wurde. Deswegen hat es auch extreme Formen von Protest gegen Deutschland gegeben, die aber weder die griechische Regierung noch die Mehrheit der griechischen Bevölkerung begrüßen. Auch Österreich hat oft unangenehme Kritik geübt; Bundeskanzler Faymann hat hingegen Griechenland bei seinen Spar- und Reformbemühungen mit seinen Aussagen besonders unterstützt.

Hierzulande sind viele Menschen der Ansicht, dass die Sparmaßnahmen in Griechenland die Falschen, nämlich die sozial Schwachen, treffen. Teilen Sie diese Ansicht?

Das ist die Wahrheit. Der Grund dafür ist, dass die Troika zu zu harten Maßnahmen in zu kurzer Zeit gedrängt hat, was die letzten Regierungen seit 2010 zu drastischen horizontalen Einsparungen gezwungen hat. Folglich haben die schwächeren Bevölkerungsschichten die größten Opfer aufbringen müssen. Jetzt versucht die Regierung aber, Maßnahmen zu ergreifen, die nach wirtschaftlicher Kraft der Bürger differenzieren.

Kampf gegen Flucht des Schwarzgeldes

Nicht nur in Österreich sorgen Berichte über vermögende Griechen, die ihr Geld ins Ausland geschafft haben, anstatt mit ihren Steuern zur Besserung der Situation beizutragen, für Empörung. Täuscht der Eindruck, dass zu wenig unternommen wird, um die Kapitalflucht zu unterbinden?

Hier muss man zwischen legaler und illegaler Kapitalflucht unterscheiden. Alle Griechen –wie auch alle Europäer- haben das Recht, ihr Geld ins Ausland zu bringen, nachdem alle vorgesehenen Steuern bezahlt worden sind; dies kann nicht verhindert werden, wenn so oft über ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone spekuliert wird. Das, was die Regierung jetzt durch Intensivierung der Kontrollen zu bekämpfen versucht, ist die Flucht des „schwarzen Geldes“ zu ausländischen Banken. Man muss dabei auch anmerken, dass es nicht leicht ist von der Schweiz Namen der Kontoinhaber zu bekommen.

Laut einer Umfrage unter Finanzinvestoren mittelgroßer Unternehmen gelten Investitionen in Griechenland riskanter als in Syrien. Was unternimmt die Regierung, um dem entgegenzuwirken?

Ich möchte auf den jährlichen Bericht der Weltbank „Doing Business 2013“ verweisen. Laut diesem Bericht wurde für Griechenland eine beeindruckende Verbesserung der Verhältnisse für Investitionen verzeichnet. Diesem Bericht zufolge gehört Griechenland zu den 10 Volkswirtschaften, die ihr Geschäftsklima im vergangenen Jahr am meisten verbessern konnten. Die größten Fortschritte weist das Land im Bereich der Baugenehmigungen, der Offenlegungspflichten vor Investitionen und im Insolvenzrecht auf. Zu dieser Umfrage, der zufolge ausgerechnet Syrien weniger riskant als Griechenland sein sollte, möchte ich mich nicht äußern. 

Hoteliers aus dem Salzkammergut sind kürzlich in Griechenland auf die Suche nach Personal für die Gastronomie gegangen. Was halten Sie von dieser Aktion?

Wie die österreichische Presse berichtet hat, gibt es derzeit hierzulande ca. 6000 offene Arbeitsplätze im Bereich der Gastronomie. Es ist also nachvollziehbar, dass die Unternehmer nach Fachkräften im Ausland suchen, nicht nur in Griechenland sondern auch in Spanien und Portugal. Diese Entwicklung könnte natürlich ein Ausweg für viele junge Griechen sein, die in ihrer Heimat keine Arbeitsperspektiven haben.

Wie groß ist generell die Bereitschaft der Griechen ins Ausland zu gehen, um dort ihr Geld zu verdienen?

Sehr groß. Immer mehr Griechen verlassen das Land, um eine bessere Zukunft in anderen europäischen Staaten, sowie in den Vereinigten Staaten oder in Australien anzustreben. Das Problem ist, dass es sich um gut ausgebildete junge Menschen handelt, d.h. Griechenland steht vor einer Flucht von Wissenschaftlern.

Streiks und Proteste werden anhalten

In Griechenland kommt es immer wieder zu Streiks gegen die harten Sparmaßnahmen. Wird das auch in der nächsten Zeit der Fall sein?

Angesichts der Abstimmung über das neue Sparpaket im Parlament haben bereits massive Demonstrationen stattgefunden, denn die Stimmung in der Bevölkerung ist noch sehr angespannt. Die Streiks und die Proteste werden erst nachlassen, wenn endlich Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist und eine Verbesserung der Situation erkennbar wird.

Aktuell wird wieder über einen Schuldenschnitt bzw. eine Fristerstreckung für die Sparziele diskutiert. Wie groß sind aus Ihrer Sicht die Chancen, dass EU und der IWF Griechenland entgegenkommen?

Zum Schuldenschnitt werden unterschiedliche Ansichten geäußert - sowohl dafür als auch dagegen. Was die Fristerstreckung betrifft, so ist diese unseres Erachtens notwendig, damit Griechenland etwas Luft zum Atmen bekommt und die Rezession, die die Wirtschaft abwürgt, endlich nachlässt.

Für wie hoch halten Sie die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland in einem Jahr noch mit dem Euro zahlen wird?

Die Wahrscheinlichkeit der Rückeinführung der Drachme ist genau so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass die EU-Partner ein Dominoeffekt zu lassen, der den Bestand der Währungsunion bedrohen wird.

In Österreich verstehen viele Menschen nicht, warum Griechenland so viel Geld für sein Militär ausgibt. Wären hier nicht größere Einsparmöglichkeiten gegeben?

Die Grenzen Griechenlands sind zugleich die südlichen Außengrenzen der EU. Nicht zuletzt befindet sich Griechenland in unmittelbarer Nähe von Ländern in Nordafrika und dem Nahen Osten, die derzeit politische und gesellschaftliche Umwälzungen durchlaufen. Griechenland muss sowohl sich selbst als auch die südlichen Grenzen der EU vor möglichen Auswirkungen dieser Turbulenzen schützen. Daher kommt dem Militärbudget eine große Bedeutung zu. Das Verteidigungsministerium hat dennoch eine Reduzierung seiner Ausgaben für das kommende Jahr angekündigt, und zwar um 14,3% im Vergleich zu 2012.

Griechenland hat als Urlaubsdestination für Österreicher an Attraktivität verloren. Wie will man verlorenes Terrain zurückgewinnen?

Die Krise hat dazu geführt, dass wir konkurrenzfähiger geworden sind. Die Hotels sind günstiger, die Preise haben sich angepasst, die gewohnte griechische Gastfreundschaft tritt in den Vordergrund mit dem Resultat dass alle, die heuer Griechenland besucht haben, begeistert zurückgekommen sind und als Botschafter Griechenlands in Österreich agieren. Darüber hinaus wurde am 1. November von der neuen Tourismusministerin, Olga Kefalogianni, und dem Generalsekretär der Griechischen Fremdenverkehrszentrale in Athen, Nikos Karachalios, eine neue Kommunikationsstrategie vorgestellt. Dabei geht es um die Festlegung des „brand name“ „Greece. All time classic – Welcome home“ für die nächsten 10 Jahre.

Maßnahmen gegen illegale Einwanderung

Welche Anstrengungen unternimmt Griechenland, um die Grenze zur Türkei, über die laut Experten die meisten illegalen Einwanderer in die EU kommen, besser zu schützen?

Um die Bürde der illegalen Einwanderung über die griechisch-türkische Landesgrenze bewältigen zu können, hat die Regierung die Errichtung eines 10 km langen Zaunes beschlossen. Die Grenzregion am Fluss Evros ist von einem Ansturm an illegalen Einwanderern betroffen, die die griechisch-türkische Grenze zu überqueren versuchen, da es dort keine natürlichen Hindernisse gibt. Das Projekt ist in vollem Gange und wird in einigen Monaten abgeschlossen. Seit vergangenem August sind die lokalen Polizeibehörden mit zusätzlichem Personal von 2000 Mann verstärkt worden. Gleichzeitig sind 1800 illegale Einwanderer in Großstädten aufgefasst worden, von denen viele schon in ihre Heimatländer zurückgeführt worden sind. Diese Maßnahmen sowie der Beitrag der FRONTEX zum Grenzschutz haben Wirkung gezeigt und die illegale Einwanderung in Griechenland fast auf den Nullstand gebracht. Die griechische Seegrenze jedoch befindet sich wegen der Syrien-Krise unter massivem Druck und die Regierung arbeitet derzeit an einem Aktionsplan, um die Situation in den Griff zu bekommen.

Was könnte Ihrer Meinung nach Griechenland von Österreich lernen bzw. Österreich von Griechenland?

Die bilateralen Beziehungen unserer Länder sind ausgezeichnet und im Rahmen der Zusammenarbeit und des Austausches, der durch die Zugehörigkeit zur EU und der Eurozone intensiviert worden ist, sind die beiden Völker einander näher gekommen. Darüber hinaus ist der Tourismusverkehr besonders hilfreich, damit sowohl der Österreicher die Mentalität und die Seele des Griechen kennenlernt bzw. besser versteht sowie auch umgekehrt.

Was schätzen Sie persönlich an der Alpenrepublik?

Österreich ist ein Musterbeispiel was die Umsetzung der Gesetze und auch die Planmäßigkeit, mit der das Land seine Wirtschaft aufgebaut hat und den Zusammenhalt der Gesellschaft pflegt, betrifft.




Kommentar hinzufügen

Kommentar hinzufügen




Das könnte Sie auch interessieren