Sonntag 28. Mai 2017, 22:42

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Strommangel in Europa: Geht der Elektromobilität die Luft aus?

Sollte Europas Verkehr auf Strom umgestellt werden, fehlen Kraftwerke und Stromspeicher in unvorstellbarem Ausmaß. Dabei wird man Traktoren und Flugzeuge nie mit Strom betreiben können. Sind E-Autos eine Sackgasse - macht Methanol das Rennen?

Woher kommt der Strom für die E-Revolution?
Woher kommt der Strom für die E-Revolution?
Bild: © EU-Infothek

Würde man alle 45 Millionen Pkws in Deutschland elektrifizieren, man würde den unvorstellbaren Mehrbedarf von  116 Mrd. kWh  Strom benötigen. Dies ergibt sich aus einem durchschnittlichen Stromverbrauch von 0,183 kWh/km (der freilich im flachen Dänemark ermittelt wurde [1]) und dem 14.000-km-Schnitt bei Pkws [2]. Würde man auch alle Laster unter´s Stromnetz zwingen (und alle Straßen mit Oberleitungen überdachen), kämen noch einmal 45 Milliarden kWh dazu [3].

Gesucht: 161 Mrd. kWh Strom

2015 produzierte unser nördlicher Nachbar 645 Mrd. kWh Strom (Österreich ein Zehntel). Um ein Viertel müsste die Menge steigen, wollte man Pkw und LKW von ihrer Erdölsucht befreien. Dabei entsprechen die 116 Milliarden kWh gerade einmal jener Menge, die Deutschlands Wind- und Fotovoltaik-Kraftwerke heute mühsam abwerfen.

28 Milliarden Euro verschlingt die Energiewende schon heute im Jahr, in Summe waren es bis dato 150 Milliarden [4]. „Preußens“ Haushaltsstrom kostet bereits € 0,26/kWh – in Österreich ist es ein Viertel weniger. Und trotzdem gelingt es dem Land nicht, seinen CO2-Ausstoß zu senken. Geschweige denn, (wie geplant) Kohle- und Kernkraftstrom zu ersetzen.

Dunkelflaute

Aktuelle Einspeiseleistung Solar- und Windstrom Denn Sonne und Wind wollen einfach nicht dann scheinen bzw. blasen, wenn Berlins Politiker das gerne hätten.  Eindrucksvoll zeigte sich das während der sogenannten „Dunkelflaute“ im heurigen Jänner. Über Tage hinweg wehte kein Lüftchen, verkroch sich die Sonne hinter dicken Nebelschleiern.

Mit Müh´ und Not erntete man am 8.1. um 16 Uhr bundesweit 500 Megawatt (= 0,5 Gigawatt) Natur-Strom. Das entspricht einem kleinen Kohlekraftwerk, das Hundertfache (50 Gigawatt) hätte es an diesem kalten Jänner-Sonntag aber gebraucht.  Volkswirtschaftlich eine Katastrophe – sind doch 45 Gigawatt Wind und 41 Gigawatt Photovoltaik installiert. Doch sie alle standen still.

Fast-Black-out in Österreich

Die Konsequenz: um die fehlenden 49,5 Gigawatt Strom zu erzeugen (und einen Mega-Stromausfall in Europa zu verhindern), mussten alle Nachbarn rund um Deutschland alle verfügbaren Kraftwerkskapazitäten hochfahren. Selbst 45 Jahre alte Öl-Kraftwerke (wie etwa in Graz) und Uralt-Kohlemeiler (in Polen) zwang man röchelnd in die Höhe. Was die vorigen CO2-Einsparungen durch erneuerbaren Strom nun wieder kompensierte.

Ohne Speicher keinen E-Revolution

Heute werden die Konstruktionsfehler der Energiewender sichtbar: Es wurde schlicht vergessen, in Speichertechnologien zu investieren. Zwar ist Österreich mit seinen Flusskraftwerken und Alpen-Speicherseen in einer besseren Position – doch auch hier muss schon ein Drittel der Energie kalorisch hergestellt werden.

Da im flachen Deutschland Pumpkraftwerke sinnlos wären, denkt man dort an Pressluft-Kraftwerke. Zwei davon gibt es schon. Überschüssiger Strom presst Luft in Kavernen (etwa leergepumpte Gaslagerstätten in 3.000 Meter Tiefe). Bei Bedarf kann die auf 200 Bar gepresste Luft dann an der Oberfläche auf Turbinen gelenkt werden. 30% Energieverlust müssten eingeplant werden (bei Pumpspeichern sind es 20%).

Strom aus England oder Spanien?

Produziert werden könnte Strom etwa auch in Großbritannien werden – in den schottischen Highlands bläst der Wind um 50% stärker als in Niedersachsen. Oder in den heißen Wüsten Spaniens –die Sonnen scheint dort doppelt so stark wie selbst im sonnigen Bayern.

Leider verfolgen Briten und Spanier aber ebenso ehrgeizige Ziele in Sachen Elektromobilität, müssen ebenfalls alte Atommeiler ersetzen. Somit brauchen sie den Strom selber.

Methanol aus Zaire oder Patagonien

Da Nordafrika politisch zu unstabil ist, um Europas Stromversorgung zu sichern, bliebe noch der Gang ins Ausland. Mega-Wasserstaudämme in Zaire (zurzeit ist am Unterlauf des Kongo der weltgrößte Damm mit 40 Gigawatt geplant) oder Riesenwindparks im rauen Süden Argentiniens könnten zwar große Mengen an Strom liefern – aber nur dann ökonomisch transportiert werden, wenn man sie vorher (per Elektrolyse) in Wasserstoff (und Sauerstoff) zerlegen würde. Moderne Anlagen arbeiten heute bei 800 Grad Celsius und 90% Wirkungsgrad.

Deutschland geht hier einen Schritt weiter: In gar nicht mehr so kleinen Versuchsanlagen wird schon heute der per Elektrolyse gewonnene Wasserstoff mit CO2 aus der Luft verbunden und zu Methanol (einer Art Alkohol) verschmolzen („Power to Liquid“). Aus diesem wird in einem weiteren Vorgang Diesel oder Benzin hergestellt. Der (in der Elektrolyse übergebliebene) Sauerstoff dient als Prozessenergie (also um die Anlage zu betreiben).

Audi und Boeing sind hier Vorreiter, produzieren Benzin bereits ab einem Euro den Liter[5].

Mit Methanol in die Luft

Und dann stellt sich irgendwann einmal die Frage, ob es denn überhaupt „der Strom“ werden soll. Ob wir im Subventionsrausch nicht den Markt vergessen haben? Denn mit Strom kann man weder Traktoren, noch Frachtschiffe oder Flugzeuge betreiben. Es stellt sich auch die Frage, wie sinnvoll es ist, Hundertausende Kilometer Straße mit gigantischen Oberleitungsnetzen zu überziehen. Von der Lithium-Knappheit (für Auto-Akkus) einmal ganz zu schweigen.

Würde man „Benzin und Co“ aber mit Ökostrom künstlich nachbauen, man könnte auf ausgereifte Motoren, perfekte Tankstellennetze und effiziente Industrien zurückgreifen.

Aber das wird die Öko-Planer in den Brüsseler (oder vielmehr: Berliner) Schaltzentralen nicht vom Weg abbringen. Europa hat ökonomisch längst den Weg des Interventionismus gewählt. Und in dieses Konzept passen nun einmal weder Diskussionskultur noch marktnahes Wirtschaften.


[1] „E-Autos verbrauchen viel mehr Strom als angegeben“, www.heise.de, 22.1.2016

[2] „Ein Auto fährt im Schnitt 14.000 km im Jahr“, www.t-online.de, 2.7.2015

[3] Ergibt sich aus den jährlich in Deutschland gefahrenen 54 Milliarden LKW-Kilometern („Gesamtfahrleistung von Lkw mit Diesel-Motor in Deutschland im Jahr 2013 nach Fahrzeugalter in Millionen Kilometer“, www.statista.de, ) und dem durchschnittlichen Stromverbrauch von 1 kWh/km („Die E-Lkw fahren 100 Kilometer", www.nachrichten.at, 25. Februar 2017).

[4] „Energiewende kostet die Bürger 520.000.000.000 Euro – erstmal“, www.welt.de, 10.10.2016

[5] „Aus Wind, Wasser und CO2 wird Öko-Sprit“, n-tv.de, 17.11.2014

 




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