Dienstag 21. Mai 2013, 07:09

Kommentare

Statistik Austria: Wie (und warum) man Armutszahlen hinaufrechnet

Der Sozialbericht von Minister Hundstorfer hatte kürzlich den Eindruck erweckt, die „manifeste Armut“ wäre in Österreich gestiegen – dabei wurde sie nur neu berechnet. Das Geschäftsmodell von SPÖ, Grüne, Caritas und Co scheint darauf zu basieren, Armutszahlen künstlich hinaufzurechnen, um sich in der (selber herbeigeredeten) Depression als Retter darzustellen.

Sozialminister Rudolf Hundstorfer
Sozialminister Rudolf Hundstorfer
Bild: Regina Aigner/BKA/BMASK
Nach EU-weiten Kriterien gelten in Österreich seit Jahrzehnten 4% als „manifest arm“. 96% trifft dieses Schicksal also nicht. Seit Jahrzehnten suggeriert man Österreichs Mittelschicht, die Armut wäre längst ein Massenphänomen. Und dass sich nur ein paar Wenige bereichern würden. So präsentiert man sich als fairer und sozialer Retter. Riskiert jedoch, dass sich das Land politisch weiter aufheizt.

Neue Kennzahl I: „Manifest arm nach nationaler Definition“

Als „manifest arm“ gelten in der EU Armutsgefährdete, auf die noch mindestens weitere vier Kriterien zutreffen. Etwa, dass man sich keinen PKW, kein Telefon, keine Waschmaschine oder keinen Farbfernseher leisten kann.
Weil die Armenzahlen bei diesen Kriterien über die Jahre beständig gesunken waren, erfand die Statistik Austria (gemeinsam mit Armutskonferenz, AK, Wifo und Caritas) 2008 einfach neue Armutskennzahlen und rechnete die alten Zahlen einfach zurück. Nach „österreichischer Definition“ war man jetzt auch dann schon manifest arm, wenn bloß ein oder zwei Kriterien zutrafen.

Zusätzlich wurden die Kriterien so abgeändert, dass sie mehr Leute betrafen. Der Nicht-Besitz von TV, Telefon und Waschmaschine wurde als armutsrelevantes Kriterium gestrichen, weil dies „nur mehr wenige betroffen hatte“ (Bericht der Statistik Austria über den EU Armutsbericht EU Silc).

Stattdessen fragte man nun: „Können Sie unerwartete Ausgaben von 950 Euro spontan tätigen?“ Oder können Sie sich einen Zahnarztbesuch nicht leisten?

Nach EU-Definition nicht-Arme waren dies nach „österreichischer“ Definition ab 2008 plötzlich schon, wenn sie nicht mindestens einmal im Monat Freunde zum Essen einladen konnten oder nicht jeden zweiten Tag Fleisch/Fisch/vegetarisch aßen („Machen Germknödel arm?“).

Neue Kennzahl II: „Soziale Eingliederung nach nationalen Kriterien“

Außerdem suchte man nach einer Art „Armuts-Knaller“. Einer beängstigend hohe Zahl, mit der man der Mittelschicht so richtig dramatisch vor Augen führen konnte, wie knapp sie schon am Abgrund stehen würde. Und diesen Knaller fand man in der „nationalen Ausgrenzungs-Gefährdungsquoten“, einem Fragekatalog von 17 „Indikatoren“. Und diese „Indikatoren“ trafen plötzlich 16% (!) aller Bürger, weil sie…

„.. über 25% des Einkommens für Miete ausgaben“. Mit diesem Federstrich rutschten 100.000e Studenten und Junge in die Armutsgefährdung – ohne es zu ahnen.
„.. Bad oder WC am Gang hatten oder ein Raum dunkel oder schimmlig war“. Wem fiel bei der Befragung nicht ein dunkles Zimmer ein? Oder der Schimmel am WC?
„.. sich durch Kriminalität oder Lärm oder Umweltverschmutzung belästigt fühlten“. Hier kreuzten 100.000e an, die an Durchzugsstraßen wie dem Gürtel, der Ringstraße oder Salzburgs Getreidegasse lebten.

Derart „neu designed“ explodierten die Zahlen manifest Armer von 355.000 (EU-Definition) über Nacht auf 511.000 (nach Österreich-Definition). „Ausgrenzungs-Gefährdet“ sind jetzt sogar 1,4 Millionen hier Lebende!
Es ist nun fast schon eine Kunst, nicht als arm zu gelten. Obendrein verlängern die Hunderttausenden neu zu Armen erkorenen Studenten und Jungen durch ihre lange Ausbildung nun auch die Länge der Armut – was dem Angst-Marketing neue Chancen eröffnet („Armuts-Dauer steigt!“).

Missbrauch von Armut

Österreich sollte zu den EU-weit gebräuchlichen Kriterien der Armutsmessung zurückkehren. Die Bevölkerung ist fair und sachlich zu informieren. Der ORF ist angehalten, nicht nur negative Detailergebnisse zu präsentieren.
Die Statistik Austria wird von Konrad Pesendorfer geleitet, dem Berater Kanzler Faymanns (SPÖ). Ideologisch motivierte Besetzungen sind nicht mehr zeitgemäß. Sie schaden dem Ansehen der Organisation und sind nicht angetan, das Vertrauen in die demokratischen Strukturen unseres Landes zu heben.

Armut darf kein Schicksal sein. Egal, ob durch Scheidung, Sucht oder Einwanderung ausgelöst, Österreich muss sich betroffenen Menschen auch weiterhin annehmen. Die Armut aber hochzurechnen und Österreichs Mittelschicht bewusst zu verängstigen, nur um die eigne Existenz zu rechtfertigen oder um politische Vorteile zu erzielen, zeugt von einer undemokratischen Gesinnung. Und es war genau diese politische Rücksichtslosigkeit, die Europa in den 1920ern und 1930ern in die Katastrophe getrieben hatte.

Und den „Hoch-Rechnern“ sei ins Stammbuch geschrieben: Wer mit übertriebenen Armutszahlen Ängste schürt, stellt sich auf die gleiche Ebene wie jene, die dies mit übertriebenen Fremdenzahlen tun.


 


 




Kommentar hinzufügen