Mittwoch 22. Mai 2013, 08:58

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Solide Rallye oder Tanz auf dem Vulkan?

Champagner-Stimmung an Europas Börsen. Alles, was die gute Laune stören könnte, wird ausgeblendet. Keine Frage: 2012 war ein Jahr der Bullen. Und die sollen auch 2013 die Arena beherrschen. Doch was treibt die Märkte tatsächlich? Weshalb halten sich viele institutionelle Großanleger zurück? Droht spätestens im Frühjahr ein formidabler Crash? Fragen, die sich gerade die Privatanleger stellen müssen, die jetzt wieder an die Börse gelockt werden.

2012 war ein Jahr der Bullen
2012 war ein Jahr der Bullen
Bild: Thorben Wengert/PIXELIO/©www.pixelio.de
Glaubt man den Experten, dann war es selten einfacher, in wenigen Monaten ansehnliche Renditen zu erwirtschaften. Die Anleger müssen nur die Gunst der Stunde nutzen und in Aktien investieren. Vorzugsweise in europäische Aktien, am besten in deutsche. Die Kursrally der vergangenen Wochen hat die Fantasie der Börsianer beflügelt. Kurz vor Jahresende erreichte der deutsche Aktienindex Dax ein neues Jahreshoch. Seit Januar 2012 hat er damit um satte 23 Prozent zugelegt. Sogar an den Börsen in Spanien und Portugal regieren wieder die Bullen. Und die Party ist angeblich längst nicht vorbei. Die deutschen Aktien seien immer noch unterbewertet und lägen 30 bis 40 Prozent unter ihrem langjährigen Durchschnitt, heißt es. Manche erwarten im Laufe des Jahres 2013 sogar ein neues Fünf-Jahres-Hoch beim Dax.

Andere verstehen die (Wirtschafts-) Welt nicht mehr. Die europäische Schuldenkrise ist von einer Lösung weit entfernt. Die Staaten Südeuropas stecken in einer Rezession, deren Ausläufer nun allmählich auch die wirtschaftlich derzeit noch prosperierenden Länder der Eurozone erreichen. Die Massenarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland ist ein brisantes Problem mit politischer und sozialer Sprengkraft. Unglaubliche Summen fließen nach Griechenland, dienen aber vorrangig nur der Umschuldung und nicht der dringend notwendigen Sanierung des Landes. Der mehr denn je ungewisse Ausgang der Parlamentswahlen im Frühjahr belastet die Situation in Italien, und immer mehr Experten fürchten, Frankreich könnte schon sehr bald zum Kreis der europäischen Krisenstaaten gehören.

Und ob die Nachfrage aus den Emerging Markets die Ausfälle aus Südeuropa weiterhin überkompensieren kann, bleibt abzuwarten. Die Konjunkturentwicklung in Brasilien und China lässt sich aus heutiger Sicht schwer abschätzen. Indien droht derweil zu einem Totalausfall zu werden. Auf dem Wirtschaftstag der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken im November sprach der Präsident des mächtigen Bundesverbandes der deutschen Industrie, Hans-Peter Keitel, Klartext. „Die große Enttäuschung ist Indien. Dort gibt es inzwischen fast mehr Armut als in Afrika“, sagte der Verbandschef, der gerade von einer Indien-Reise zurückgekehrt war.

Die Kunst des Verdrängens

Weitgehend ausgeblendet werden von vielen Marktteilnehmern derzeit überdies die geopolitischen Risiken. Eskalierende Unruhen in Ägypten? Scheinbar ein regionales Problem. Syrien und Iran? Weit weg. Die Schuldenkrise in den USA? Nichts Neues, kriegen die schon in den Griff. Massenarbeitslosigkeit in Südeuropa? Bedauerlich, aber leider „alternativlos“.

Woher dieser ungestüme Optimismus an den Börsen? Kritische Beobachter sprechen bereits von einer „Lügen-Blase“ und einer künstlichen Rally, der schon bald der Crash folgen könnte. Tatsächlich ist es in erster Linie die Liquidität, die aktuell die Kurse nach oben treibt. Geldspritzen im Billionen-Umfang und extrem niedrige Zinsen führen fast automatisch zu steigenden Aktienkursen. Zum einen sucht die Liquidität nach Anlagemöglichkeiten, die zumindest noch kurzfristig eine attraktive Rendite versprechen. Mit Zinsprodukten lässt sich dieses Ziel nicht erreichen. Die Unternehmen wiederum sparen erheblich beim Zinsaufwand. Sie können vergleichsweise günstig investieren und überzeugen die Anleger größtenteils mit guten Zahlen. Die Euro-Krise hat zu einem grotesken Zustand geführt: Bei der Liquidität wird Vollgas gegeben, während die Problemstaaten mit einem rigiden Sparkurs eine Vollbremsung hinlegen und immer tiefer in die Rezession rutschen.

Die Rally der vergangenen Wochen vollzog sich zudem auf dünnem Eis, denn die Börsenumsätze blieben relativ gering. Das heißt, die aktuelle Hausse wird von einer überschaubaren Zahl an Marktteilnehmern getrieben. Zu denken geben sollte ferner, dass die wirklichen Big-Player zurückhaltend sind, wenn es um Aktien-Investments geht. Hedgefonds oder Finanzkonzerne wie Goldman Sachs und Citigroup warten offenkundig ab.

Crash oder neuer Höhenflug?

Das wiederum lässt zwei Deutungen zu – eine positive und eine negative. Die positive: Die eigentliche Hausse steht noch bevor, wenn sowohl die institutionellen Großinvestoren als auch die breite Masse der Privatanleger massiv in den Aktienmarkt investieren. Dann in der Tat könnten die Kurse erneut explodieren – und die Anleger sich die Hände reiben. Die negative Deutung: Die Profis wissen, dass die aktuelle Hausse auf sehr tönernen Füßen steht und mit einer scharfen Korrektur, wenn nicht sogar mit einem Crash enden könnte. Dann wäre für diese Investoren die Zeit gekommen, um im großen Stil zu Discountpreisen einzusteigen.

Bis dahin aber wird versucht, mit täglich neuen Jubel-Nachrichten noch möglichst viele Privatanleger in ein Aktieninvestment zu locken. Das lässt die Kurse weiter steigen, beschert den Fondsmanagern sehr gute Performance-Leistungen im Jahr 2012 und den jetzt bereits investierten institutionellen Anlegern noch einen zusätzlichen Gewinn. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden diese Investoren aussteigen und sich über schöne Gewinne freuen, die sie mit beinahe zum Nulltarif geliehenem Geld einstreichen. Privatanleger freilich, die erst in der Endphase der Hausse einstiegen, dürften das Nachsehen haben.

Dabei gibt es eine sehr einfache Börsenregel, die sich in der Vergangenheit immer wieder bewahrheitet hat: Sobald die Zahl der Optimisten deutlich steigt und Risikopotenziale ausgeblendet werden, wächst die Crash-Gefahr.

Bild: Thorben Wengert/PIXELIO/©www.pixelio.de

 


 




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