Samstag 25. Mai 2013, 06:34

Europapolitik

Sind wir zu blöd für die Demokratie?

Studien behaupten, die Inkompetenz des Wahlvolkes führe systematisch dazu, dass stets nur knapp überdurchschnittliche Politiker gewählt werden.

Sind wir zu blöd für die Demokratie?
Sind wir zu blöd für die Demokratie?
Bild: EU-Infothek
Betrachtet man die Leistungen der Politik bei der „Rettung“ der Eurozone, dann drängt sich die Vermutung auf, dass nicht nur der populistische Blick auf die nächste Wahl für die extrem kostspieligen Verwerfungen zuständig war, sondern die schiere Inkompetenz und Ahnungslosigkeit des politischen Personals.

Schließlich wurden nicht nur die strukturellen Probleme der Eurozone von Anfang an diskutiert und von vielen Experten schon lange vor der dann tatsächlich realisierten Eurozonenkrise gewarnt, es hätte aufgrund der Erfahrungen der USA, Japan und Großbritanniens zudem auch klar sein können, dass nur der massive Einsatz der Notenbank imstande wäre, den Finanzmärkten wirksam entgegenzutreten.

Nun war es letztendlich zwar gelungen, die Märkte mit den unlimitierten 3-Jahres-Krediten der EZB so weit zu beeindrucken, dass sich nun abgesehen von Portugal und Griechenland auch die schwächeren Eurozoneländer zu vertretbaren Zinsen am Markt finanzieren können. Bis dahin stand die im Schnitt unter wesentlich niedrigeren Budgetdefiziten als die USA, Japan oder Großbritannien leidende und geringer verschuldete Eurozone aber voll im Fokus der Finanzmärkte, was enorme Kosten verursachte die nun in Milliardenhöhe auch auf die Bewohner der „starken“ Staaten zurückfallen.

Suboptimal kompetente Politiker

Insofern es sich bei den Entscheidungsträgern um demokratisch gewählte Politiker handelt, stellt sich die Frage, warum wir anscheinend flächendeckend von suboptimal kompetenten Politikern regiert werden, deren wichtigste Kompetenz anscheinend in der Organisation flächendeckender Korruption zu bestehen scheint. Dahingehend war in Österreich zudem zu bemerken, dass Parteien wie die FPÖ, die mangels langjähriger Regierungserfahrung hier ebenfalls keine besondere Professionalität zeigte, die Malversationen auch noch so stümperhaft durchzogen, dass sie aufflogen und das heimische politische System vollends diskreditierten.

Glaubt man aber den Meinungsumfragen, dann tut das der heutigen FPÖ in der Wählergunst anscheinend überhaupt keinen Abbruch. Es drängt sich also die Frage auf, warum sich die Wähler derartiges immer wieder selbst zumuten und es so schwer gelingt, fähiges Personal für die wohl wichtigsten Entscheidungsfunktionen im Lande zu bekommen.

Absurde Kandidatenwahl in den USA führt zu Diskussionen

Das mag zwar auch am Mangel an direkter Demokratie und an den Strukturen der Parteien liegen, die als Aufstiegskriterium offenbar die Konformität mit der Parteilinie gegenüber individuellen Qualitäten bevorzugen. Angesichts der eher unrund laufenden Kandidatensuche der Republikaner für die kommende US-Präsidentschaftswahl wird dort mittlerweile die Eignung des Souveräns für die Auswahl fähiger politischer Entscheider diskutiert.

So liegt für David Dunning, Psychologieprofessor an der renommierten New Yorker Cornell University, das Problem schlicht in der Inkompetenz der Wähler. Er erforscht zusammen mit seinem Kollegen Justin Kruger seit 20 Jahren das Missverhältnis von Selbsteinschätzung und Realität und stellte dabei einen erheblichen Mangel fest, eigene Inkompetenz zu erkennen.

Mit diesem Phänomen dürften indes viele gut vertraut sein, die häufig unvorbereitet bzw. mehr oder weniger ahnungslos zu Prüfungen angetreten sind, etwa als Schüler oder weil im Studium noch Probeantritte möglich waren. Hier ist es die Erfahrung des Autors, dass die individuelle Einschätzung des Prüflings nach dem Test gerade dann besonders gut ausfiel, wenn am Ende so gut wie gar keine Punkte erzielt wurden. War die dahingehende Erwartung aber besonders schlecht, dann fiel das Ergebnis in der Regel deutlich besser oder sogar positiv aus.

Für Dunning wäre das wohl ein Symptom der umfassenden Problematik, eigene Inkompetenz zu erkennen, die anscheinend mit deren Zunehmen ansteige: „Wenn es einer Person in Hinsicht auf logisches Denken, emotionale Intelligenz, Humor oder etwa beim Schach-Spielen stark an Kompetenz fehlt, ist sie dennoch geeignet, ihre Fähigkeiten als überdurchschnittlich einzuschätzen.“

Kein Elite-Phänomen

In den Studien, die Dunning seit 20 Jahren durchführt, zeige sich das quer durch alle Kompetenzbereiche. So würden etwa Leute, die bei den Tests besonders gut abgeschnitten hatten, dabei zwar durchwegs bessere Selbsteinschätzungen vornehmen als die besonders schlechten, das aber nur geringfügig. Diejenigen mit den schlechtesten Ergebnissen (die schlechtesten 10 bis 15 Prozent) würden dabei in der Regel annehmen, durchaus überdurchschnittlich abgeschnitten zu haben, wobei dies bezogen auf die jeweiligen Inkompetenzen für alle Gruppen und Schichten gelte und damit auch für die Eliten, wo es durchaus eine Tradition gibt, die Demokratie aufgrund einer unterstellten Inkompetenz des Wahlvolkes abzulehnen.

Bin ich lustig?

Bin ich lustig?Dunning hatte Studenten bezüglich der Selbsteinschätzung ihrer Scherze befragt und den Einschätzungen professioneller Komiker gegenübergestellt.

Die massive Fehleinschätzung gerade der inkompetentesten Teilnehmer sei dabei jedenfalls nicht auf übermäßigen Optimismus oder den Versuch zurückzuführen, sich wissentlich besser darzustellen als es der eigenen Einschätzung entspräche. Sondern sie sind schlicht zu inkompetent, die eigene Inkompetenz zu erkennen.

Die Unfähigkeit des Menschen, eigenes Wissen und Können richtig einzuschätzen, sei nun Dunning zufolge für eine Reihe sozialer Probleme verantwortlich, unter anderem für das Verleugnen des Klimawandels durch weite Teile der Bevölkerung.

Unfähigkeit die Qualitäten anderer richtig einzuschätzen

Aus demokratiepolitischer Sicht noch bedrohlicher ist für Dunning die damit einhergehende Unfähigkeit von in bestimmten Bereichen weniger begabten Menschen, die dahingehenden Qualitäten anderer richtig einzuschätzen. Das könne insbesondere bei der Auswahl von Politikern durch das Wahlvolk zum Problem werden, deren Erfolg ja darauf beruht, dass der Souverän über die Kapazität verfügt, die besten Kandidaten oder Programme auszuwählen.

Nur knapp über dem Durchschnitt liegende Politiker wählbar

Das sei Dunning zufolge jedoch nicht der Fall, wofür er allerdings keine empirischen Daten anbieten kann. Allerdings habe der deutsche Soziologe Mato Nagel anhand von Dunnings Parametern ein mathematisches Modell konstruiert, das die Theorie bestätigt. Dabei wurden für die Bevölkerung die Führungsqualitäten als normal verteilt angenommen, es gab also einige besonders gute, einige besonders schlechte und eine große Menge mittelmäßiger Führungspersönlichkeiten unter den Wählern, die annahmegemäß allesamt unfähig waren, zu erkennen, wenn ein Politiker eine höhere Kompetenz habe als sie selbst.

Unter diesen Voraussetzungen lag das eindeutige Ergebnis darin, dass stets nur knapp über dem Durchschnitt liegende Politiker gewählt wurden.


 




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