Noch schaut Europa auf Griechenland, Spanien und Co. Doch unbemerkt ist Frankreichs Wirtschaft abgedriftet. Um die Fiktion eines anachronistischen Lebensstil-Modells aufrechtzuerhalten – immer höhere Sozialleistungen bei immer weniger Jahresarbeitsstunden mit Europas größtem Beamtenheer und sinkender Produktivität – musste sich die Grande Nation gefährlich hoch verschulden. Droht jetzt Ungemach?
Schuldenkrise: Muss Frankreich aus dem Euro raus?
Bild: Rainer Sturm/pixelio.de
Wenig Arbeit – wenig Lohn – teure Produktion
Nirgendwo weltweit arbeitet man für ein Monatsgehalt weniger Stunden als in Frankreich. 1.558 sind es in Paris – aber 1.887 (+21%) in Zürich und 2.062 (+32%) in New York (UBS 2012). Laufen die Maschinen nur so kurz, dann wird auch weniger produziert. Analog dazu verdient eine Pariser Industriearbeiterin nur 14.600 Euro netto im Jahr – eine in Zürich hingegen 33.600 (+ 130%), und selbst im krisengeplagten New York sind es noch 25.200 (+ 73%) (UBS 2012). Wie in Griechenland ist fast jeder vierte Franzose heute Beamter (23%). Deren Finanzierung dezimiert Reallöhne auf südspanisches Niveau.
Schon 2008 hatte das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln auf Frankreichs Diskrepanz bei Lohnkosten und Produktivität hingewiesen. Frankreichs Angestellte kosten in der Stunde 10% mehr als deutsche, deren Produktivität ist aber um 13% geringer (87%).
Zu Zeiten des Francs war das kein Problem: Regelmäßig lagen französische (und italienische) Autos in der Pannenstatistik hinter ihrer deutschen Konkurrenz. Weil man nach der Tourismussaison Franc und Lira aber um 10% abwertete, waren die Autos zwar nicht besser – aber billiger. Mit dem Euro hat sich das nicht nur aufgehört – der Spieß wurde sogar umgedreht; heute sind Autos „Made in Germany“ sogar billiger als die Konkurrenz westlich des Rheins.
Kranke Firmen – Schlechte Stimmung - Importflut
Die Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs (GCI 2012) ist alleine 2011 um 3 Ränge auf Platz 21 gesunken – Deutschland lag mit Platz 6 erstmals vor den USA. Weil die Produkte anderer EU-Länder nun in Euro angeboten werden und somit vergleichbar sind, werden strukturelle Mängel offensichtlich.
In manchen Sektoren brach die Produktion regelrecht dramatisch ein. Der Euro hat das Land in eine Import-Party verwandelt – und geliefert wurde aus l`Allemagne. Mit 118 Milliarden Euro brach das Handelsbilanzdefizit 2011 alle bisherigen Rekorde.
War die Leistungsbilanz mit Deutschland in den 1970ern oder in den 1990ern noch ausgeglichen, hat sich alleine von der Euro-Bargeldeinführung 2002 bis 2010 ein deutscher Überschuss von 247 Milliarden Euro angesammelt (Bundesbank 2011).
Frankreichs Industrie lässt derweilen kräftig Federn. Um 16% hat sich ihr Anteil an den Beschäftigten seit der Euro-Einführung reduziert – von 26,3% (2000) auf 22,2% (2010).
Zwar hat der Euro die Inflation auf nie gekanntes Niveau abgesenkt – 2012 dürfte sie unter 2%, 2013 sogar unter 1% liegen – doch ist dies eher der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit seiner Ökonomie geschuldet: Frankreichs Wirtschaft kann seine Produkte nur noch über den Preis verkaufen… Und fährt damit Verluste ein. Eine Kündigungswelle hat nicht nur Frankreichs Automobilindustrie erfasst. Heute ist schon jeder zehnte arbeitslos.
„Kapitalistenpack!“
Frankreichs Linksparteien gehören zu den letzten dieser Welt, die sich noch immer nicht mit der Marktwirtschaft ausgesöhnt haben (wie etwa die SPD 1959 in ihrem Godesberger Programm).
Ein Staatssozialismus aus den 1960ern dominiert den zentralgelenkten Staat. So hatte man etwa die Windkraft verschlafen – Frankreichs träge Staatskonzerne hatten keinen Auftrag für Investitionen bekommen. Nun der Staat nun seine Meinung änderte, stellten Tausende Beamte die staatlichen Konzerne auf die Produktion von Windkraftanlagen um (am besten funktionierte dies noch bei gekauften Privatfirmen deutscher Provenienz). Die staatlichen französischen Energiekonzerne gaben ausschließlich staatlichen französischen Windkraftbauern Aufträge. Volkswirtschaftlich sicher nicht der effizienteste Weg. Ein europäischer ist es ohnedies nicht.
Dass Marktwirtschaft und Globalisierung (und Neoliberalismus) am Weltenunheil schuld sind, bekommt man mit der Muttermilch verabreicht. Verhalten sich ausländische (!) Privatfirmen nicht wie die sozialistische Konkurrenz des Gastlandes, werden auch schon mal Werksgelände besetzt, die Manager gefangen genommen und der Mutterkonzern erpresst.
Wer sich da etwa mit Anzug und Krawatte blicken lässt, der ist selber schuld. Keine Gesellschaft der Europäischen Union ist unternehmensfeindlicher eingestellt.
Falsche Politikerversprechen
Frankreich arbeitet entweder zu wenig oder konsumiert zu viel. 1997 wählten die Bürger Lionel Jospin, weil er die 35-Stundenwoche versprochen hatte. Und 2012 wurde es Hollande; weil er das Gefühl vermittelte, man müsse bloß ein paar Reiche plündern, und schon könne man weitermachen wie bisher.
Unglücklicherweise gibt es dafür aber (wie immer) viel zu wenig Reiche. Und so gleicht der Staat die Lücke bei den sinkenden Markteinkommen durch Transferleistungen aus – für die er sich immer höhere Summen leiht. Und so stieg die Staatsverschuldung seit dem Euro-Beitritt um 50%.
„Kreiskys Planwirtschaft“: Droht Verlust des Euro?
Der Euro-Austritt Frankreichs ist vermeidbar, denn das Land hat(te) eine starke Industrie und eine Bevölkerung, die könnte, wenn sie wollte. Oder man sie einfach ließe.
Frankreichs Wirtschaft besteht aus ein paar großen Staatskolossen und einer Unzahl kleiner Firmen. Deutschlands Innovationsstärke hingegen kommt (vor allem) vom Mittelstand. Doch wie in Kreiskys Planwirtschaft konnte sich dieser auch in Frankreich nie entwickeln, weil die Staatssubventionen für die Großen keine Chance für private Konkurrenz zugelassen hatten.
Frankreich hat kaum noch Optionen: Es muss als Ausgleich für den Produktivitäts-Rückstand die Arbeitskosten senken. Will heißen, man erhöht die Stundeanzahl für ein Vollgehalt oder kürzt die Löhne – was hingegen aber politisch undurchführbar ist. Italien hatte das historische Glück, den Wirtschaftswissenschaftler Monti vorgesetzt zu bekommen. Innerhalb nur eines Jahres reformierte man Pensionssystem und Arbeitsrecht, und strich beim Aufwand für Beamten. Hollande hatte dagegen versprochen, selbst die zarte Pensionsreform seines Vorgängers rückgängig zu machen.
Noch kann sich Frankreich billig finanzieren. Damit ist aber sofort Schluss, wenn Italien oder Spanien aus dem Rampenlicht verschwinden. Und gerade in diesen Tagen gab das Land am Po bekannt, sich so billig wie schon lange nicht mehr refinanzieren zu können.
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