Sonntag 26. Mai 2013, 06:17

Binnenmarkt & Wettbewerb


Probleme wachsen schneller als die Wirtschaft

Während die Wirtschaft in weiten Teilen der Euro-Zone seit dem Jahr 2000 nur noch im Kriechtempo wuchs, schnellten Schulden und Bankbilanzen in die Höhe. Nur mit Sparmaßnahmen lassen sich diese Krisenherde nicht entschärfen. Gefragt ist vor allem Wirtschaftswachstum. Doch danach sieht es im Moment nicht aus. <--break->Allein mit immer neuen Sparpaketen lässt sich die europäische Schuldenkrise nicht lösen. Das schrieb dieser Tage der scheidende Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, den Politikern und Notenbankern ins Stammbuch. Wichtig seien darüber hinaus „Strukturreformen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Problemländer zu verbessern und das Wachstumspotenzial zu stärken“.

Autohalde
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Bild: CC-BY 3.0
[[immage1]]Das erscheint in der Tat dringend erforderlich, denn die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends waren für viele Länder in der Euro-Zone eine Phase der Schwäche und Rückschläge. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist das Bruttoinlandsprodukt Italiens zwischen 2000 und 2010 nicht gewachsen. Eine Dekade der Stagnation. In Portugal sieht es kaum besser aus, und sogar Frankreich lag in dieser Zeitspanne nach IWF-Angaben unter dem durchschnittlichen Wachstum in der Euro-Zone von etwas mehr als einem Prozent pro Jahr.

Kurzfristig ist ein Ende der Schwächeperiode nicht in Sicht. Im Gegenteil, die EU-Kommission sagt für die Europäische Währungsunion für 2012 ein Miniwachstum zwischen 0,5 und 0,6 Prozent voraus. Sogar die bisherige Wachstumslokomotive Deutschland dürfte kaum über 0,8 Prozent hinaus kommen.

Zugelegt haben die Länder der Euro-Zone – und das ist das eigentlich Beunruhigende – in ganz anderen Bereichen. Staaten, Banken und Unternehmen verschuldeten sich in den vergangenen Jahren durch die Ausgabe von Anleihen extrem hoch. Im vergangenen September machte das Volumen aller in der Euro-Zone emittierten Bonds sage und schreibe über 16,3 Billionen Euro aus. Solche Summen, die man noch vor ein paar Jahren allenfalls in der Astronomie verortet hätte, klingen immer abstrakt. Die Brisanz wird erst offenkundig, wenn man diese Zahlen in Relation zur Wirtschaftsleistung eines Landes oder einer Staatengruppe setzt. So entsprechen die 16,3 Billionen an Anleihen-Schulden etwa 174 Prozent der Wirtschaftskraft in der Euro-Zone (Quelle: EZB/EU-Kommission).

Schuldenberge und Bilanz-Blasen

Erschrecken muss dabei die Dynamik, mit der die Schuldenberge anwuchsen. Vor 20 Jahren lagen die Anleihen-Verbindlichkeiten in den heutigen Euro-Ländern bei knapp 3,3 Billionen Euro, was weniger als 69 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachte. Um die Anleihen-Schulden zu tilgen, müsste heute jedoch jeder Bürger der Euro-Zone beinahe 50.000 Euro zahlen. 

Parallel dazu stiegen auch die Bilanzsummen der Banken in den Ländern der Europäischen Währungsunion drastisch an. Sie erreichen derzeit ein Volumen von über 33,6 Billionen Euro, was etwa 360 Prozent der Wirtschaftskraft des Euroraums entspricht. Im Jahr 1997 hatte die entsprechende Summe noch bei rund 12,9 Billionen gelegen. Nun sind steigende Bilanzsummen der Banken an sich kein Alarmsignal, sondern galten sogar lange Zeit als eine wichtige Kennzahl zur Beurteilung des Erfolgs von Geldinstituten.

Die entscheidende Frage lautet jedoch: Was steckt hinter diesen aufgeblähten Bilanzen? Wie belastbar sind die Forderungen der Kreditinstitute gegenüber Staaten, anderen Banken, Unternehmen und privaten Haushalten? Die aktuelle Entwicklung zeigt, wie schnell selbst als solide geglaubte Banken schon durch die drohende Insolvenz eines relativ kleinen Staates wie Griechenland in erhebliche Schwierigkeiten kommen können. Bislang stehen vor allem die Probleme der Euro-Länder im Fokus. Dabei zeigte doch gerade der alarmierende Quartalsverlust der italienischen Großbank Unicredit, welche zusätzlichen Risiken von der instabilen Lage in den Staaten Mittel- und Osteuropas ausgehen. Vor allem wegen hoher Abschreibungen auf Engagements in Osteuropa fuhr Unicredit im dritten Quartal einen Verlust von über 10 Milliarden Euro ein. Aufgeblähte Bankbilanzen deuten in der Regel auf hohe Staatsschulden sowie Aktien- und/oder Immobilienblasen hin.

Spanisches Schuldenschlamassel

Während in den vergangenen Wochen in erster Linie Italien unter Druck geriet, dürften die von Spanien ausgehenden Risiken für die Euro-Zone mindestens ebenso hoch sein. Die Auslandsverschuldung des iberischen Landes hat ab dem Jahr 2000 besorgniserregende Dimensionen angenommen. Damals standen die Spanier im Ausland noch mit weniger als 15 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in der Kreide. Mitte 2011 machte die Netto-Auslandsverschuldung Spaniens (also nach Abzug der Forderungen gegenüber ausländischen Staaten) über eine Billion Euro oder rund 94 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Arbeitslosigkeit Spaniens erreicht mit 21,5 Prozent einen Rekordstand innerhalb der EU. Eine Herkulesaufgabe für die neue konservative Regierung.

Diese Beispiele zeigen: Es ist sicher nicht allein die griechische Schuldentragödie, die auf der Euro-Zone lastet. Vielmehr haben sich vor allem in den zurückliegenden zehn Jahren gefährliche Blasen gebildet, die für anhaltende Turbulenzen an den Märkten sorgen werden. Nur nachhaltiges Wirtschaftswachstum kann diese Pulverfässer allmählich entschärfen.


 




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