Samstag 25. Mai 2013, 16:45

EU-Backstage & Personalia


Österreichs EU-Botschafter Walter Grahammer: Wanderleben mit Weihnachten in der Wüste

Walter Grahammer ist seit Jahresbeginn der Ständige Vertreter Österreichs bei der Europäischen Union. Portrait eines erfolgreichen Diplomaten mit einer ungewöhnlichen Laufbahn und ungewöhnlichen Vorlieben.

Mag. Walter Grahammer
Mag. Walter Grahammer
Bild: privat
Walter Grahammer ist ein Spätberufener. Anders als klassische Diplomaten hat er diese Laufbahn erst im Alter von 37 Jahren eingeschlagen.

Geboren in Lustenau, der einwohnerreichsten Marktgemeinde Österreichs, und aufgewachsen im Bregenzerwald, studierte er in Salzburg Französisch und Italienisch. Einige Jahre als Lehrer an einer BHS in Bad Ischl deuteten auf eine „normale“ Lehrlaufbahn hin. Doch Grahammer wollte mehr von der Welt sehen und landete durch diesen Wunsch angetrieben bei der Bundeswirtschaftskammer, die ihn 1985 an die österreichische Außenhandelsstelle in Algier schickte.

Die vier Jahre, die er in Algerien verbrachte, haben das Leben des mittlerweile 57-jährigen stark verändert. Kein Gedanke an eine Rückkehr in den Lehrberuf – die internationalen Beziehungen hatten es ihm angetan! So führte ihn sein Weg im Jahr 1990 ins Außenministerium, wo er später mit 40 Jahren gemeinsam mit den 25-jährigen Kollegen die Dienstprüfung im Außenministerium machte.

Der für Grahammer „unheimlich spannende Beruf“ führte ihn über Prag und Wien nach Luxemburg, wo er je eineinhalb Jahre vor und nach dem österreichischen EU-Beitritt als Stellvertreter des Botschafters im Einsatz war. Das Spannende an Luxemburg war für Grahammer, zu sehen, wie ein Land, das ungefähr gleich groß ist wie Vorarlberg, sich in der EU behauptete. Luxemburg könne und wolle nicht in jedem Dossier groß mitreden, sondern es fische die Punkte heraus, die für das Land wirklich von kapitaler Bedeutung sind, beobachtete der Neo-Diplomat. Er zog für sich daraus die Lehre, dass man als kleiner Staat seine Argumente darlegen und genau sagen müsse, was die wirklichen Probleme sind.

Kontakt zur Heimat nicht verlieren

Auf Luxemburg folgte von 1996 bis 1999 der erste Einsatz des Diplomaten in Brüssel, und zwar bei der österreichischen Botschaft beim Königreich Belgien. Hinterher ging es – wie im diplomatischen Dienst üblich – wieder zurück zur Zentrale nach Wien. Persönlich findet Grahammer diese abwechselnden Einsätze im Ausland und in der Zentrale sehr nützlich, denn man solle durch die vielen Auslandsaufenthalte den Kontakt zur Heimat nicht verlieren, wie er betont.

Nach fünf Jahren in Wien ergriff der Vorarlberger im Jahr 2004 die Chance, noch einmal nach Brüssel zu gehen, und zwar als Stellvertreter des Ständigen Vertreters Österreichs bei der EU. Seine wichtigste Aufgabe war es, im Ausschuss der Ständigen Vertreter I die Beschlüsse und Entscheidungen des EU-Ministerrates vorzubereiten. Grahammer vergleicht diesen Ausschuss mit einem Flaschenhals, durch den alle Rechtsakte kommen müssen, die von Arbeitsgruppen nach oben gehen. Zu seinen Zuständigkeitsbereichen zählten beispielsweise Beschäftigung, Soziales, Gesundheit, Konsumentenschutz, Landwirtschaft, Fischerei, Telekom, Transport und Energie.

Mit der österreichischen Präsidentschaft des EU-Rats im ersten Halbjahr 2006 erlebte Walter Grahammer den Höhepunkt seiner Diplomatentätigkeit bis dahin. Als besonderen Erfolg – weil die Verhandlungen darüber besonders schwierig waren – konnte er den Abschluss der Verhandlungen über die umstrittene Dienstleistungsrichtlinie verbuchen. Besonders wichtig war für ihn in diesen sechs Monaten die Möglichkeit, das persönliche Netzwerk zu verbessern und auszubauen sowie aus nächster Nähe zu sehen, wie das Räderwerk der EU im Zusammenspiel der Institutionen funktioniert.

Rekord der längsten Sitzung

Die Zeit danach brachte zahlreiche neue Dossiers und Verhandlungen und auch einen Rekord: Grahammer war einer der Teilnehmer an der längsten Sitzung, die jemals ein Ausschuss der Ständigen Vertreter absolviert hat, nämlich von Freitag um 9 Uhr früh durchgehend bis Samstagmorgen um 6.10 Uhr.

Personelle Veränderungen in Wien eröffneten Walter Grahammer 2010 die Chance, die im Außenministerium freigewordene Stelle als Sektionsleiter für Integrations- und wirtschaftspolitische Angelegenheiten und EU- Koordination zu übernehmen. Er nutzte die Chance und verließ Brüssel zum zweiten Mal, nicht ahnend, dass er schon ein Jahr später ein drittes Mal in die Hauptstadt Belgiens und die inoffizielle Hauptstadt der Europäischen Union zurückkehren würde. Als ein Nachfolger für Österreichs damaligen EU-Botschafter Dietmar Schweisgut gesucht wurde, der als Botschafter der EU nach Tokio übersiedelte, fiel die Wahl fast logischerweise auf Grahammer mit seiner langjährigen Erfahrung in EU-Agenden.

Die Erfahrungen und das Networking während der österreichischen EU-Präsidentschaft kommen Grahammer auch in seiner neuen Funktion besonders zugute, denn dadurch ergäben sich ganz andere Möglichkeiten und eine andere Arbeitsweise, wie er betont. Es sei leichter, zum Telefon zu greifen und jemanden anzurufen, den man aus dieser Zeit der intensiven Zusammenarbeit persönlich kenne.

Als Botschafter ist Grahammer in erster Linie für die Bereiche Außenpolitik, Außenhandelspolitik, Entwicklungszusammenarbeit, Wirtschaft und Finanzen sowie Justiz und Inneres zuständig. Auch die Vorbereitung der regelmäßigen Treffen der Staats- und Regierungschefs und institutionelle Fragen wie etwaige Vertragsänderungen fallen in seinen Zuständigkeitsbereich.

Freundlich, nett, bestimmt

Was macht einen guten Diplomaten aus? Für den neuen EU-Botschafter ist es die Art und Weise, wie man ein Anliegen seines Staates auf internationaler Ebene vertritt. Das gehe weder mit der Holzhammermethode noch als Duckmäuschen, sondern mit einer Mischung aus Höflichkeit und Freundlichkeit, nett, lächelnd, aber doch bestimmt und mit einer gewissen Härte beim Vorbringen seiner Forderungen, Wünsche und Anliegen. Nicht alle Eigenschaften müssen seiner Meinung nach angeboren sein, aber es müsse doch dem Grundcharakter eines Menschen entsprechen, denn man könne anderen nur bis zu einem gewissen Punkt etwas vorspielen, meint er.

Die größte Herausforderung für einen kleinen Staat wie Österreich sei es, dass man in wichtigen Dossiers möglichst zahlreiche Verbündete um sich scharen könne. Je nach Bereich können das ganz verschiedene Mitgliedsstaaten sein. Wichtig für das Funktionieren solcher Allianzen sei auch eine gewisse Flexibilität, denn natürlich könne man nur sehr selten alle Wünsche und Anliegen erfüllt bekommen.

Zumindest privat hängt der Vater einer 23-jährigen Tochter und eines 29-jährigen Sohnes noch immer an seiner ersten internationalen „Wirkungsstätte“ Nordafrika und ist ein bekennender Wüstenfan. Wann immer es möglich ist, düst er mit Familie und Freunden im Geländewagen durch die Dünen. Da wird auch schon einmal ein Weihnachtsfest in der Wüste gefeiert, mit einem mit Kugeln behangenen Busch als „Christbaum“. Dass auch die diplomatische Immunität ihre Grenzen hat, musste Grahammer aber akzeptieren, als er zuletzt wegen der Unruhen in Nordafrika seinen traditionellen Wüstentrip ausfallen lassen musste.

Den Kindern habe das Leben als „Wanderfamilie“ insgesamt nicht schlecht gefallen, meint der Familienvater. Er habe diesbezüglich keine Kritik von den Kindern gehört. Seine Ehefrau kann bei einem solchen Lebensstil mit den ständigen Übersiedlungen natürlich keinem festen Beruf nachgehen. Das heißt aber nicht, dass sie nichts tut. Botschafter haben starke gesellschaftliche Verpflichtungen, wo immer sie sind, betont Walter Grahammer. Als Einzelperson könne man das kaum managen. Deshalb hätten die Partner durchaus wichtige Aufgaben zu erfüllen.

 


 




Kommentar hinzufügen