Norden hängt Süden ab, und Ost schlägt West
Das war gar keine übermäßige Sensation, was der „Presse“ kürzlich eine Titelstory wert war: Laut einer von der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik in Auftrag gegebenen aktuellen Umfrage haben die BürgerInnen von der Europäischen Union endgültig die Nase voll. Auch wenn die Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft nur 1.000 Antworten einholte, entspricht das Ergebnis durchaus dem derzeitigen Meinungsklima.

Bild: CC-BY 3.0
Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass immerhin 75 Prozent der offenbar ebenso skeptischen wie verunsicherten ÖsterreicherInnen zugleich eine stärkere Zusammenarbeit der EU-27 fordern. Diese sei notwendig, um globale Herausforderungen wie die Wirtschafts- und Schuldenkrise, den Terrorismus, die Zuwanderung sowie Umwelt-katastrophen bewältigen zu können. Kurzum: Einmischen soll sich die Union tunlichst nirgends, aber die Probleme, selbst Umweltkatastrophen, die gehören ihr.
„Sixpack“ war längst fällig
Dabei geht teilweise überhaupt nichts weiter, aber manchmal gelingt doch etwas: Das Gesetzespaket, das Ende September im Europäischen Parlament verabschiedet wurde, ist jedenfalls ein - wenn auch überfälliger - Schritt in die richtige Richtung. Die Verschärfung des Stabilitäts- und Wachstums-paktes und die neuen Sanktionsmöglichkeiten gegen wirtschaftliche Fehlentwicklungen sind die notwendige Reaktion auf das verantwortungs-lose Laissez faire diverser Nationalregierungen. Der so genannte „Sixpack“ zwingt alle zu mehr Disziplin, macht freilich noch keine direkten Eingriffe in die Wirtschaftspolitik von Defizit-Sündern möglich.
Estland ist die Nummer eins
Die Staatsschuldenquote - also der Anteil am Bruttoinlandsprodukt - ist im EU-Raum von 59 Prozent im Jahr 2007 auf 80 Prozent im Vorjahr geradezu explodiert. Heuer wird sie nach Schätzungen bereits 81,8 Prozent, im kommenden Jahr 83,3 Prozent ausmachen. Die Intensität des Problems steht in engem Zusammenhang mit der geografischen Lage: Die südeuropäischen EU-Mitglieder Griechenland (143 %) und Italien (119 %) sind am schlimmsten dran, auch Portugal (93 %) rangiert noch über dem Durchschnittswert der Euro-Zone. Vergleichsweise am besten steht - abgesehen von Luxemburg - das nördliche Trio Schweden, Dänemark, und Finnland da, wo diese Quote zwischen 40 und 48 Prozent beträgt.
Faktum ist jedoch, dass selbst der westliche Musterschüler Schweden noch von sechs Ländern aus einer anderen Himmelsrichtung glatt geschlagen wird: Estland, mit nur 6,6 Prozent Staatsschuldenquote die absolute Nummer eins, zählt mit Bulgarien, Rumänien, Slowenien, Litauen und Tschechien zu jenen osteuropäischen EU-Mitgliedern, die weitaus weniger verschuldet sind als die Besten im Westen. Auch alle anderen Ostländer - mit Ausnahme Ungarns - sind besser dran als die Großen Drei - Deutschland, Frankreich und Grobritannien - , aber auch besser als Österreich. Die rot-weiß-rote Republik rangiert mit 72,3 Prozent nämlich auf dem ganz und gar unerfreulichen Rang 10.


















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