Mikro gegen Makro: Europa im Dilemma
Mikroökonomisch wie makroökonomisch ist völlig klar, was nun wirtschaftspolitisch zu geschehen hätte. Dumm nur, dass dabei genau gegenteilige Lösungen herauskommen.

Bild: kessel.tv
Ineffiziente Mikrostrukturen
Diese sind in Griechenland offenbar von der engen Verstrickung von Politik und etablierte Wirtschaft geprägt, was zu massiven Ineffizienzen führt. Wie es aussieht haben sich vor allem im Infrastrukturbereich die etablierten Unternehmen die Märkte einträglich aufgeteilt und verwendeten ihre Energien nicht darauf, ihre Effizienz zu steigern um im Wettbewerb zu bestehen, sondern um ihre Märkte gegen Eindringlinge von innen oder von außen zu verteidigen. Das kann jedes ausländische Unternehmen bestätigen, dass im freien Markt der EU nicht nur nach Kräften behindert wird wenn es lokalen Größen in den Weg gerät, sondern auch bei den benötigten Dienstleistungen auf massive Widerstände stößt, etwa wenn es Transportleistungen nicht von lokalen Transporteuren durchführen lassen will. Die oligopolistischen Verhältnisse verteuern die Standortkosten und machen eine Exportindustrie praktisch unmöglich. Derlei funktioniert indes nur dann gut, wenn auch mitspielen, weshalb einerseits auch noch die Schmiergelder an Behörden und Politik in die Preise einfließen, wodurch noch dazu das Problem besteht, dass alle politischen Maßnahmen auch dann zweifelhaft bleiben, wenn sie sehr gut und vernünftig erscheinen.
Damit diese für die Mehrheit der Bevölkerung an sich sehr nachteilige Wirtschaftsstruktur nicht einer demokratischen oder revolutionären Änderung verfällt - was sich ja vor allem auf jene negativ auswirken würde, die davon profitieren - wurde ein Ausgleich geboten, der offenbar aus billigen Konsumentenkrediten und Eigenheimhypotheken sowie hoher staatlicher Beschäftigung bestand, die ihrerseits auf Pump finanziert wurde.
Mikro-Lösung: polizeilich-strafrechtliche Eingriffe und Sparsamkeit
Da Korruption und die Umgehung des Wettbewerbs in der Regel illegal ist, wären hier also polizeilich-strafrechtliche Methoden erforderlich um die Strukturen aufzubrechen. Da das System von billigem Geld am Leben erhalten wurde, müsste zudem sofort der Geldhahn zugedreht und eisern gespart werden – was in etwa auf die Position der konservativen zentraleuropäischen Regierungen hinausläuft, die das mikroökonomisch (.d. h. für die einzelnen Akteure) durchaus vernünftige Prinzip, langfristig nicht mehr auszugeben als man einnimmt, europaweit generalisieren möchte, was gerne als Methode der „schwäbischen Hausfrau“ karikiert wird.
Makroökonomisch stellt sich die Krise leider völlig anders da. Denn betrachtet man die Salden der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (Haushalte, Unternehmen, Staat, Auslandssektor), dann ist klar, dass es nur dann möglich ist Wachstum zu erzielen wenn alle Sektoren gleichzeitig sparen, dessen Wachstum fast wenn der Auslandssektor den Nachfragerückgang mehr als kompensiert. Nun exportiert Griechenland derzeit in erster Linie seine aufstrebende Jugend, die im System keinen Platz findet. Gleichzeitig dürfte Griechenland trotz erheblicher Tourismuseinnahmen heuer wieder um rund 25 Mrd. Euro mehr an Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland beziehen, als es liefert, was stets durch zusätzliche Kredite oder Vermögenstransfers finanziert werden muss.
Dieser Negativsaldo geht aber zu lasten des Bruttoinlandsprodukts, dessen Wachstum mittlerweile ja schon fast mythische Beutung hat.
Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
Volkswirtschaftlich ist das BIP aber schlicht der Summe der inländischen Ausgaben der einzelnen Sektoren. Da diese Ausgaben stets auch jemandes Einnahmen darstellen ergibt sich das BIP schematisch aus der Summe der jeweiligen Kategorien:
Volkseinkommen (BIP) = Leistungsbilanz (Auslandssektor) + privater Konsum + Investitionen + Staatsausgaben (netto)
Es sinkt also zwangsläufig das BIP, wenn die Ausgaben zurückgehen, wobei die Veränderung in einem Sektor Rückwirkungen auf die Einnahmen in anderen Sektoren hat, wodurch schnell eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang kommen könnte.
Kein Wachstum ohne Kreditexpansion
Hier kommt der Kredit ins makroökonomische Spiel. So haben seit Karl Marx Ökonomen wie über John Maynard Keynes und Hyman Minsky überzeugend nachgewiesen, dass anhaltendes Wirtschaftswachstum generell nur zu erzielen ist, wenn wenigstens ein Wirtschaftssektor mehr ausgibt als er einnimmt und sich verschuldet weil anders die für Wachstum erforderlichen ausgaben nicht bezahlt werden können. Um die erwünschten Wachstumsraten zu erzielen müssen folglich stets weitere Wirtschaftssegmente erschlossen werden, deren Kreditpotential noch nicht ausgeschöpft ist.
Nun führt eine starke Kreditexpansion zumeist zu einer zunehmend massiven Verschlechterung der Kreditqualität, was offenbar recht üble Auswirkungen haben kann; etwa in den USA die nicht-kreditwürdigen „Subprime“ – Hypothekarschuldner oder in Europa u. A. bei den bislang noch kaum verschuldeten Haushalte der CEE-Staaten, Immobilienkäufern und Konsumenten in Irland und Südeuropa sowie etlichen Regierungen, die allesamt so einfach und billige Kredite bekamen wie nie zuvor.
Staat kann nicht in die Bresche springen
Nachdem die Kreditblasen jetzt aber geplatzt sind und der Privatsektor für eine weitere Kreditexpansion nicht mehr zur Verfügung steht, läge es nach keynsianischem Konzept nun an den Staaten, für den Ausgabenausfall in die Bresche zu springen, was in den Krisenstaaten mangels Kreditpotential über die Finanzmärkte schlicht nicht mehr möglich ist, wofür letztlich die mikroökonomischen Problemlagen verantwortlich sind.
Wenn die Staaten ihre Ausgaben nun ausgerechnet zu einem Zeitpunkt zurückfahren müssen, während auch die Haushalte und die Unternehmen anscheinend ihre Verschuldung und somit Konsum und Investitionen zurückfahren wollen oder müssen, bleibt folglich nur der Auslandssektor, der für Wachstum sorgen könnte. Die Staaten müssten also mehr Güter und Dienstleistungen an das Ausland verkaufen als sie von dort beziehen, um die Rückgänge in den anderen Sektoren auszugleichen, was jedenfalls nicht allen Ländern gleichzeitig gelingen kann.
Notenbank im Dilemma
Dieser Probleme erscheinen kurzfristig unlösbar, wessen man sich in Europa inzwischen bewusst zu sein scheint und weshalb nun anscheinend nur noch zählt, dass die schwächeren Eurozonestaaten nicht allzu viel Schaden bei den europäischen Großbanken und an der Kreditwürdigkeit der anderen Eurozonenstaaten anrichtet.
Dabei bleibt als Retter in der Not nur noch die Notenbank, die notfalls über die Nationalstaaten weiteres Wachstum finanzieren könnte, dabei aber Gefahr läuft, die zugrundeliegenden mikroökonomischen Probleme zu prolongieren.


















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