Sonntag 21. Dezember 2014, 09:26

Banken & Finanzen

„London Whale“ und Bankenregulierung

Während die Bankenregulierung in Deutschland zusehends zum Wahlkampfthema wird, zeigt ein Bericht der größten US-Bank JP Morgan, dass die vielleicht wichtigsten Risiken von den laufenden Regulierungsversuchen nicht berührt werden.

Die größte US-Bank JP Morgan
Die größte US-Bank JP Morgan
Bild: Lazio's World/flickr.com
Gerade hat Andrew G Haldane, Executive Director der Bank of England, darauf hingewiesen, dass das Too-big-to-fail-Problem trotzt jahrelanger Reformanstrengungen alles andere als gelöst ist. Das demonstrieren ihm zufolge die Rating-Agenturen, die 2007 den 29 systemisch wichtigsten Banken der Welt aufgrund ihrer impliziten Staatsgarantie noch eine Ratingverbesserung von einer Stufe eingeräumt hatten, während es heute bereits drei Stufen sind. Das senke ihre Refinanzierungskosten und steigere die Gewinne, so das Haldane von einer zehn Mal so hohen indirekten Subvention wie 2007 in Höhe von hunderten Milliarden Dollar spricht.

Bankenaufsicht im Report nicht existent

Mit JP Morgan Chase hat nun die größte dieser Banken einen Bericht veröffentlicht, der allen Bankenaufsehern zu denken geben sollte. Denn der von JPM-Co-Chief Executive Officer Michael Cavanagh verantwortete Report über die Verluste ihres Londoner „Chief Investment Office“ (CIO) in Zusammenhang mit dem „London Whale“ gewährt einen seltenen Einblick, der die bisherigen Regulierungsversuche zweifelhaft erscheinen lässt. So treten die Aufsichtsbehörden in dem 130 Seiten starken Bericht nirgendwo als Aufsichtsorgane in Erscheinung, und schon gar nicht als Kontrolleure, die eine Ahnung davon hätten, was in der Bank vorgeht. Das hatten sie allerdings lange mit Jamie Dimon gemeinsam, der bis zu diesem Fauxpas als bester Banker der Welt gehandelt wurde. Als der „London Whale“ auftauchte war der Demokrat Dimon gerade eifrig bemüht, Präsident Obama und die US-Gesetzgeber zu überzeugen, dass gut geführte Banken sich selbst besser kontrollieren könnten, als die Behörden. Was Dimon unbedingt vermeiden wollte war die Abspaltung des Investmentbanking vom Kreditgeschäft, was verhindern soll, das Banken mit den Geldern der Kunden spekulieren.

„London Whale“ als „Sturm im Wasserglas“

Noch eine Woche, nachdem das Wall Street Journal den JPM-Trader Bruno Iskil als „London Whale“ geoutet hatte, hatte Dimon behauptet, dass das CIO ohnehin nur “Hedging“ gegen unternehmensweite Risiken betreibe, es sich um einen „Sturm im Wasserglas“ handle und die Regulatoren ohnehin stets alles einsehen könnten, was sie wollten. Nachdem mehr als sechs Milliarden Dollar an Verlusten klang das schon ganz anders: Er sei „blöde“ gewesen und die Strategie „fehlerhaft, schlecht ausgeführt und schlecht überwacht“ - was war also geschehen? Im London Chief Investment Office, das die Verluste zu verantworten hat, managen 140 Trader rund 350 Milliarden des JPM-Vermögens von 2,3 Billionen Dollar. Neben traditionelle Investitionen wie qualitativ hochwertigen Anleihen wird seit Anfang 2007 auch ein „Synthetic Credit Portfolio“ geführt, bei dem ein Kreditportfolio nicht mit realen Krediten, sondern mit Kreditderivaten nachgebildet wird. Damit sollten nun jedoch nicht nur Risiken abgesichert, sondern auch Erträge erzielt werden, was ja nicht wirklich den Usancen eines Versicherungsgeschäfts entspricht. Denn dort wird für Schutz vor einem Risiko eine Prämien verlangt, aber keinesfalls bezahlt.

Die „Quants“ kommen zum Einsatz

Da mit klassischen Investmentmethoden jedoch keine derartigen Wunder gewirkt werden können, kamen so genannte „Quants“ zum Einsatz, hochversierte Experten mit Doktorwürden in Mathematik oder Physik, die mit mathematisch-statistischen Methoden und enormer Computerunterstützung nach „quantitativen Methoden“ investierten. Die „Quants“ stellten die Kredit-Positionen also „synthetisch“ mit Derivaten dar, die sich auf Indizes beziehen, die von der Kreditqualität einer Reihe von Unternehmen abhängen. Diese bemisst sich wiederum an der Prämie die es kostet, sich mit einem „CDS“ („Credit Default Swap“) gegen einen Kreditausfall dieses Unternehmens zu versichern. Mit einer „Long“-Position garantierte das CIO einen Kredit und kassierte dafür eine Prämie, „short“ bedeutet, dass JPM eine Prämie bezahlte und dafür selbst Schutz einkaufte. Dank einer Vielzahl an Produkten mit unsicherer Preisfindung sollte es nun möglich sein, das angestrebte Niveau an Schutz gegen Krisen zu erhalten und dabei gleichzeitig mehr einzunehmen, als auszugeben. Die Strategie bestand vereinfacht gesagt darin, Schutz für hochklassige Unternehmen zu verkaufen und gleichzeitig selbst Schutz für schlechte Unternehmen zu kaufen. Die Idee war, dass bei einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage die schwächeren Unternehmen reihenweise zahlungsunfähig werden und die Garantiesummen ausgezahlt werden, während die guten Unternehmen ihre Kredite weiter bedienen würden. Da hochklassige Anleihen aber wesentlich niedrigere Prämien bringen als unsichere, mussten deutlich höhere Nominalen garantiert werden. Dazu kam, dass der umfangreiche Positionsaufbau die Preise nach oben getrieben hatte und am Markt auch nicht unbemerkt geblieben war. Noch dazu hatte es sich häufig als schwierig erwiesen, aus bestimmten Positionen herauszukommen, weshalb – wie bei Derivaten üblich – Gegenpositionen eingegangen wurden um diese Positionen zu neutralisieren.

10.000 Milliarden Dollar an Gesamtexposure in beide Richtungen

Allerdings gibt es bekanntlich keinen „perfekten Hedge“ und die Folge war ein Portfolio, das offenbar nicht beherrschbar war. Als die Marktpreise sich dann anders entwickelten, als die Modelle erwartet hatten, und dann auch noch die Medien für Aufregung sorgten, eskalierten aufgrund der gewaltigen Nominalen die Verluste. Denn wie ein Risikomanager am Höhepunkt der Krise dem JPM-Finanzvorstand gemailt hatte, lag die nominelle Exposure in beide Richtungen bei mehr als 10.000 Milliarden Dollar. Das war dann zwar doch etwas zu hoch gegriffen, weil der aufgeregte Manager vergessen hatte, die „hausinternen“ Positionen herauszurechnen. Aber es lässt erahnen, in welchen Bereichen sich die Summen bewegen. Und wenn das Exposure gegenüber anderen Marktteilnehmern auch nur einen Bruchteil des Gesamtexposure ausmachen würde, was unwahrscheinlich ist, resultierte daraus ein enormes Risiko, dass Gegenparteien im Krisenfall zahlungsfähig sein könnten. Schon zuvor können wie bei JPM aber offenbar schon minimale Abweichungen der Korrelationen zwischen den Positionen Milliarden kosten, und das anscheinend ohne Limit nach oben. Nicht auszuschließen ist jedenfalls, dass bei stärkeren Marktverwerfungen vielleicht ein zehnfaches an Verlusten resultiert haben könnte, wovon kein Regulator auch nur das Geringste geahnt hatte.

Regulierung hätte nichts geändert

Da diese Geschäft zudem als „Hedge“ für unternehmensweite Kreditrisiken ausgegeben wurden, hätte die Trennung von Kreditgeschäft und Investmentbank hier jedenfalls nichts geholfen. Im Extremfall hätten wohl auch ein Paar Prozentpunkte an zusätzlich vorgeschriebenem Eigenkapital keinen Unterschied gemacht und klar ist zudem, dass bei Verpflichtungen in Höhe mehrerer Billionen Dollar eine effektive Pleite ohne jeden Zweifel das gesamte Finanzsystem in den Abgrund gerissen hätte. Und daher jedenfalls von der Notenbank hätte verhindert werden müssen.

Wenn JP Morgan aber vielleicht zu recht als weltbeste Großbank gilt und dennoch ein derartiges Bedrohungspotential aufbaute, dann steht zu befürchten, dass sich derartige Konstruktionen in unterschiedlichten Varianten und vielleicht noch mehr Katastrophenpotential auch bei den anderen Großbanken finden. Hier hilft nur eine Aufsicht, die sich nicht – wie lange auch das JPM-Management – mit Salden und Kennzahlen zufrieden gibt, sondern sich konkret informiert, welche Geschäfte in welchem Volumen gemacht werden. Und dann müsste sie auch noch die Kompetenz und die Macht haben, Probleme zu erkennen und einzuschreiten.




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