Mittwoch 26. Juli 2017, 18:38

Interviews


Lobbyist ohne Furcht und Tadel

Weil mancher Mandatar den soliden Lobbyisten das Geschäft wegnehmen wollte, werden die Falschen bestraft. Ein Lobbyisten Register soll Abhilfe schaffen. In Zeiten von Lobbygate ist es nicht für jedermann selbstverständlich zu diesem Thema Stellung zu nehmen. Jo Kalina, Lobbyist, ehemals Journalist und Politiker, nimmt sich kein Blatt vor den Mund und sprach mit EU-Infothek Chefredakteurin Gerlinde Wambacher-Culik über schwarze Schafe, Freunderlwirtschaft und die Verfassungswidrigkeit des geplanten Lobbyistenregisters.

Josef Kalina
Josef Kalina
Bild: EU-Infothek. Foto Evelyn Hruby
Bei einem Lobbying Kongress vor wenigen Wochen ist die Podiumsbesetzung weggebrochen. Fünf Diskussionsteilnehmer aus Unternehmen und Politik sagten alle kurzfristig ab. Ist Lobbying durch die jüngsten Skandale ins Zwielicht gekommen und hat eine Imagekorrektur nötig?


Wahrscheinlich. Aber ich halte dieses Zwielicht für falsch. Gott sei Dank gibt es einige Politiker, die sich trauen, das auszusprechen. Ordentliches, gescheites Lobbying heißt in Wahrheit ordentliche, gescheite Unterlagen zu produzieren und den Entscheidungsträgern - Politiker, Unternehmer, Beamte - diese Informationen heranzubringen, bevor sie eine Entscheidung treffen und sich von allen Seiten die bestmögliche Information zu sichern. Wenn Sie sagen, es haben fünf Teilnehmer abgesagt, finde ich das ja ganz kurios. Die stehen dann offensichtlich nicht zu ihrem eigenen Job oder zu dem was man tun muss. Nur weil sich manche mit dem Auto als Raser betätigen, hören wir nicht alle zum Autofahren auf. Das was da passiert ist, Anlassfall Strasser, ist ein Fall von Kriminalität, aber nicht eines Lobbyisten sondern eines Politikers. Deswegen halte ich den schlechten Ruf für falsch und ich stelle mich auch mit offenem Visier hin und sage, ich halte das für einen Unsinn, auch teilweise die Reaktionen, die jetzt passieren. Lobbying, so wie ich es verstehe und in den wenigen Fällen, die ich in diesem Bereich betreue, ist eine hochseriöse, wichtige Tätigkeit.

Also könnte man es auch Informationsmanagement nennen?

Genau, ganz genau. Informationsmanagement, Reputation-Management. Man darf, wenn man es gut macht, heutzutage Lobbying auch nicht zu spät ansetzen, sondern muss sich rechtzeitig in Szene setzen. Ein Unternehmen sollte wissen, wen es in Summe auf längere Sicht informieren und einbeziehen muss, um dann im Fall der Fälle ausgewählt zu werden.

Wenn Sie jetzt die schwarzen Schafe weniger unter den Lobbyisten als unter den Politikern orten, handelt es sich dabei um wenige Ausnahmen oder um die Spitze des Eisbergs?

Ich möchte es auch nicht auf die Politiker schieben. Die Causa Meischberger, Grasser, Hochegger usw. zeigt ja, dass Leute, die sich tatsächlich als Lobbyisten und sogenannte Berater betätigt haben, zumindest in einem Graubereich gearbeitet haben. Ob es darüber hinausgeht, werden die Strafrichter feststellen. Ich möchte nicht Schuld zuweisen. Nur der Anlassfall Strasser war wirklich kein Fall eines Lobbyisten. Das war ganz eine andere Nummer.

Halten Sie das für eine Ausnahmeerscheinung?

Ja. Ich bin jetzt 30 Jahre in der Politik, an verschiedenen Stellen, und habe so einen Fall wie Strasser noch nie erlebt. Dass sich hier jemand so großsprecherisch präsentiert, noch dazu, wo er in Wahrheit, meiner Meinung nach, die Leistung auch gar nicht hätte bringen können. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Mir wurde weder als Berater noch als Politiker jemals etwas angeboten, was ungesetzmäßig wäre. Ich habe das auch in meiner Zeit als Journalist oder jetzt als Unternehmer nie getan und die meisten Politikerinnen und Politiker, die ich kenne - und zwar egal von welcher Partei - sind im Grunde sehr engagierte Leute, die für ihre Gruppe Interessen vertreten.. Der Arbeiter und Angestellten. Der Bauern. Der Unternehmer. Der Selbständigen. Der Architekten. Der Familien, der Frauen. Das ist halt politisches Lobbying. Aber es sind hochanständige, hochengagierte Menschen, die sehr viel arbeiten. In Wahrheit ist die Triebfeder für die meisten Politiker, die ich kenne, überhaupt nicht das Geld, sondern Einfluss zu haben, öffentliche Reputation zu haben, von Leuten erkannt zu werden.

Zum Thema Lobbyisten Register: Ist das eine Schönfärberei mit Placebo Effekt, macht das Sinn, wie macht es Sinn?

Gegen ein Register ist im Prinzip nichts einzuwenden. Ich glaube, es bringt gar nichts. Sie können gerne auf meine Homepage schauen oder auf die von anderen Kollegen. Da steht, dass ich Lobbying betreibe. Ich halte das nicht geheim. Ich stehe dazu wie viele andere auch. Wenn man glaubt, dass sich mit einem Register etwas bessert, bitte sehr. Das andere, was in diesen Entwürfen steht, kommt mir vor wie die klassisch österreichische Reaktion: Verhaften wir die üblichen Verdächtigen. Ich halte einen Teil dieser Vorschläge für glatt verfassungswidrig.

Es sollen ja auch Auftraggeber und Auftragsvolumen im LobReg genannt werden.

Ich halte das für verfassungswidrig und demokratiepolitisch höchst bedenklich und es zeigt auch von null Wirtschaftsverständnis. Da hat jemand eine Idee, ein Projekt, warum soll er das der Öffentlichkeit und seinen Konkurrenten auf die Nase binden? Es geht doch darum, dass man auslotet, was überhaupt geht oder ein Projekt vorstellt, das vielleicht überhaupt nie etwas wird. Warum soll das die Öffentlichkeit erfahren? Das Register, ja warum denn nicht. Ich halte das Nennen des Auftraggebers schon für problematisch, nämlich im Hinblick auf meine Konkurrenzsituation, wir leben ja auch alle mit Konkurrenten. Aber ich halte das Nennen des Auftragsziels und gar noch von Umsätzen für glatt verfassungswidrig. Das sollte die Branche mit aller Kraft bekämpfen. Hier wird das Kind mit dem Bad ausgegossen.

Wird jetzt durch die Branche Lobbying in eigener Sache betrieben, um die Bedingungen des Registers in die richtigen Bahnen zu lenken?

Es gibt Informationen von den beiden Verbänden, die Aktivitäten gesetzt und gegenüber dem Ministerium Stellung genommen haben. Aus meiner Sicht in einer richtigen Form, aber ich finde, das kann man noch viel deutlicher machen. Der Punkt ist: Die Politik sollte das für sich selber regeln. Wenn es stimmt, wie in manchen Medien berichtet, dass der Fall Strasser im österreichischen Parlament nicht strafbar wäre, dann müsste es eine der ersten Aufgaben sein, so einen Fall strafbar zu machen. Nämlich beim Empfänger einer allfälligen Bestechung dafür zu sorgen, dass das Einkommen genannt wird. Die Idee, dass man dadurch, dass sich jemand durch Eintrag in einem Register zu erkennen gibt, Bestechung und Bestechlichkeit ausschaltet, ist ja ein Witz. Es kann jeder x-beliebige Bürger mit einem Kuvert Bargeld zu einem Entscheidungsträger hingehen, ohne sich zuerst als Lobbyist zu registrieren. Die Annahme muss man strafbar machen und das ist der Punkt. Der Rest sind Scheinaktivitäten, um abzulenken.

Muss hier im Gesetz einiges repariert werden, wie etwa, dass der Stimmenkauf eines Abgeordneten sehr wohl unter Strafe steht, andere Veranlassungen, wie das Einbringen einer parlamentarischen Anfrage, wiederum nicht?

Zum Beispiel! Ich persönlich glaube, dass es gut wäre und habe das auch schon während meiner politischen Zeit so gesehen, eine möglichst große Transparenz der Einkommen auf Politikerseite zu schaffen. Man soll auch nicht alles über einen Kamm scheren: Die Politiker in Exekutivfunktionen haben ein Berufsverbot. Regierungsmitglieder, Landeshauptleute, für die gibt es aus klaren Gründen - und dagegen wehrt sich ja wirklich niemand, weil es Sinn macht - ein Erwerbsverbot. Das Problem stellt sich bei den verschiedenen Abgeordneten. Da glaube ich wiederum, dass man aufpassen muss, nicht durch überbordende Maßnahmen Parlamente zu schaffen, die nur noch aus ganz wenigen Berufsgruppen bestehen. Also Berufspolitikern und karenzierten Beamten letztendlich. Es braucht maßvolle kluge Entscheidungen, die es Freiberuflern, wie etwa Anwälten oder auch anderen, erlauben, weiterhin einem Parlament anzugehören, weil sie eine Bereicherung sind. Es wäre gut, eine Regelung zu finden, die eine größtmögliche Transparenz bringt, so dass die Staatsbürger und Wählerinnen wissen, wo bezieht der noch ein anderes Einkommen außer vom Steuerzahler, die aber so maßvoll ist und damit diesen Freiberuflern erlaubt, im Parlament zu bleiben. Ich könnte mir vorstellen, dass Politiker wie Schüssel von der ÖVP Seite, Jarolim von der SPÖ Seite, Fichtenbauer von der FPÖ Seite sich in bestimmten Causen einfach für befangen erklären und nicht mitstimmen. Es ist eine ehrenwerte und ehrenvolle Aufgabe, wie Wolfang Schüssel im Aufsichtsrat eines großen, europäisch vernetzten Energieversorgers zu sein. Sollte in Energiefragen die Geschäftsgebarung der Firma betroffen sein und seine Funktion ist deklariert, stimmt er eben nicht mit. Und wenn Hannes Jarolim als Anwalt für die AUA tätig ist, was ich gescheit finde, dann sollte er eben in bestimmten Fragen des Luftverkehrs nicht mitstimmen und nicht in den zuständigen Ausschuss hineingehen. Wenn man will kann man praxisnahe Regelungen finden, die es erlauben, dass wir vielfältige Parlamente haben und die trotzdem für die Bürger eine größtmögliche Transparenz bieten. Dann kommt natürlich noch die Transparenz bei der Parteienfinanzierung hinzu.

Sehen Sie Lobbying in Österreich als ein gleichwertiges Instrument wie in Brüssel oder ist es dort höher gewichtet?

v.l.n.r. J. Kalina, G.Wambacher-Culik
v.l.n.r. J. Kalina, G.Wambacher-Culik
Bild: EU-Infothek. Foto Evelyn Hruby
Vor allem auf der wirtschaftspolitischen Ebene laufen viele der Regulatorien über die EU und dadurch ist natürlich der Zugang über die EU Kommission und das Europäische Parlament vor allem für große Firmen, die in der Lage sind, sich ordentliche Lobbyisten zu leisten, wesentlich wichtiger. Es werden gerade in der Wirtschaft die meisten Dinge nicht mehr auf nationaler, sondern auf europäischer Ebene reguliert. Natürlich braucht man auch eine nationale Vertretung, weil es Spielräume gibt. Das Schwergewicht liegt aber auf der europäischen Ebene. Ergänzt durch das Lobbying der Verbände, das stattfindet. Auch zu Recht! Klar bringen sich die Verbände der Arbeitnehmer und der einzelnen Industrien dort ein. Wenn ein Unternehmen groß genug ist, wird es gut daran tun, seine eigenen Interessen über die Verbände hinaus zu artikulieren.

Kennen Sie auch den umgekehrten Fall, dass Interessensvertreter, Lobbyisten von Seiten der Politik angesprochen und eingeladen werden, gerade wenn es um komplizierte Fragen geht, um sich Informationen zu holen?

Selbstverständlich. Ich bringe jetzt ein unverdächtiges Beispiel. Ich weiß aus vielen, vielen Jahren, dass die Arbeiterkammer weit über die Sozialdemokratie hinaus als ein absolut verlässlicher Informationspartner für viele Fragen gilt. Oder auch die Industriellenvereinigung. Das sind Institutionen, die es sich Gott sei Dank leisten können, aus Sicht der Konsumenten und der Arbeitnehmer die Dinge zu beurteilen. Da geht es auch darum, dass man einen Ruf als zuverlässige Quelle zu verlieren hat. Alleine schon deshalb haben Informationen, die von dort kommen, einen Wert, das tut man nicht als Gefälligkeitsgutachten ab. Natürlich wird das von allen Seiten gesucht. Schauen Sie sich jetzt das Thema Ökostrom an. Da treffen die divergierenden Interessen von Konsumenten, vertreten durch die Arbeiterkammer, Produzenten, vertreten durch die Landwirtschaftskammer, aber auch Industriellenvereinigung, aufeinander. Etwas Besseres gibt es für einen Politiker gar nicht. Die suchen haarklein alle Argumente, warum es so oder so nicht sein soll und eine bessere Entscheidungsgrundlage kriegt man gar nicht. Und dazu noch eine ohnehin unabhängige Expertise seitens des Beamtenapparates. Das sollte im Normalfall reichen, dass man eine superbreite Entscheidungsgrundlage hat.

Besonders das Thema Stromversorgung ist nicht zuletzt durch die Ereignisse in Japan in den Vordergrund getreten. Sie haben Ökostrom angesprochen, hier wird auch mehr Transparenz gefordert und die Atomlobby ist ein böses Wort geworden. Wie sehen Sie das?

Bei der Energie gibt es nicht nur das eine Argument, was kostet der Strom, sondern auch das andere, nämlich was kostet der ganze andere Teil, der hinten dran hängt. Ich arbeite für einen der größten österreichischen Windstromerzeuger. Zu Recht argumentiert man dort, dass der Atomstrom deswegen so billig ist und gegenüber alternativen Energien preislich gewinnt, weil die gesamten Sicherheits- und Entsorgungskosten nicht eingerechnet sind, die die Öffentlichkeit trägt. Daher gibt es zu Recht von Interessensvertretern dieser Gruppen Bestrebungen, diese Kosten transparent zu machen und den Steuerzahlern über die Politik zu sagen: Sie zahlen da auch Transporte, Endlagerungen, Sicherheit, Stresstests etc. mit. Hier sieht man, dass es nicht eindimensional ist. Windstrom kostet so viel, Atomstrom ist so wahnsinnig günstig. Aber unter Betrachtung welcher Gesamtparameter! An diesem Beispiel sieht man, dass es klug wäre, mehr Informationen auf den Tisch zu kriegen.

Welche Kenntnisse und Fähigkeiten braucht ein guter Lobbyist, wodurch zeichnet er sich aus, wie können wir uns Ihr Tagesgeschäft vorstellen?

Ich bin zu 80 % ein wenig glamouröser PR Unternehmer. Mein Handwerk ist die klassische Public Relations. Klar ist: Ich mache auch strategische Beratung für Prozesse und Lobbying. Keine Frage. Welche Fähigkeiten? Ich kann Ihnen sagen, was ich einbringe und was meinen Erfolg ausmacht. Durch 30 Jahre Arbeit in den Medien, ich war ja lange Journalist, kenne ich die meisten Journalisten gut, kenne viele Politiker gut und habe durch diese Schnittstellen, an denen ich gearbeitet habe, ein breites Netzwerk an Leuten - und das ist jetzt der entscheidende Punkt - die einem vertrauen, dass man sie nicht hereinlegt, dass man an sie nicht unbillige Dinge heranträgt und die einem die fünf Minuten geben, dass man für den Kunden ein Gespräch bekommt oder der Projektbetreiber beim Entscheider eine halbe Stunde oder Stunde Zeit bekommt, sein Projekt zu präsentieren, sein Konzept, seine Sichtweise. Das scheint mir der Marktwert eines Lobbyisten. Das hat gar nicht viel mit Fähigkeiten zu tun. Der Marktwert besteht darin, die Zugänge zu haben, das Vertrauen der Menschen zu haben und die Zeit zu bekommen, dass sie sich dem kurzfristig widmen. Die Fähigkeiten bestehen darin als Sparringspartner seinem Kunden zur Verfügung zu stehen und die Konzepte vorzubereiten. Dem Entscheidungsträger, egal ob Unternehmer, Politiker oder Chefredakteur, muss man die Argumente optimal aufbereitet vermitteln können in der Zeit, die einem gewährt wurde. Welches Bild kann ich entwickeln in dieser halben Stunde. Nicht schwafeln, nicht Wolkengeschichten hinlegen. Eine weitere Fähigkeit ist sicher solche Prozesse zu steuern. Lobbying hängt auch oft davon ab, ob man Druck entwickeln kann oder nicht. Manche Dinge gehen nicht von allein. Das ist ja gar keine Frage. Manche Dinge rufen Widerstand hervor. Die Frage ist, resigniert man vor Widerstand oder überwindet man ihn. Das ist die Summe der Fähigkeiten die man braucht.

Gibt es Aufträge, die Sie als Lobbyist nicht übernehmen würden?

Das werde ich oft gefragt. Natürlich gibt es die. Das ist auch schon vorgekommen, wenn ich für mich die Erfolglosigkeit feststellen musste und von dem Kunden nicht Geld verlangen wollte, wenn ich der Meinung bin, das geht nicht. Das macht mir keine Freude. Wenn ich nach der Erörterung mit dem Kunden darauf komme, der will jetzt etwas, wo ich mit meiner Erfahrung sage, das geht nicht oder so nicht. Dann möchte ich das nicht machen. Und zweitens gibt es sicherlich Dinge, die ich von meiner inneren Werthaltung her nicht machen möchte. Das hat aber noch nie jemand an mich herangetragen. Und ich denke, der Markt ist groß genug ist, dass die Leute wissen, womit sie zu mir oder zu jemand anderen kommen. Aber klar gibt es Dinge, wo ich sage, die würde ich nicht gerne übernehmen, weil sie sich nicht mit meiner Moralhaltung oder meiner Grundeinstellung vertragen.

Josef Kalina weiß aus langjähriger Erfahrung wie Verwaltung und Politik „ticken“ und wie man genau und streng im „weißen Bereich“ rechtzeitig Einfluss nimmt“, steht auf Ihrer Website. Wie groß ist die Versuchung, die Grenze zum grauen Bereich zu überschreiten? Gab es eine Versuchung in diese Richtung?

Josef Kalina
Josef Kalina
Bild: EU-Infothek. Foto Evelyn Hruby
Ich wurde noch nie von einem Kunden auch nur andeutungsweise in die Lage gebracht, dass von mir etwas verlangt worden wäre, was nicht legal ist. Aber auch nicht in meiner Zeit als Politiker oder als Berater von einem Politiker. Ich habe ein wirklich besseres Bild, als manchmal von den Medien gezeigt wird und glaube, dass Österreich im Kern kein korruptes Land ist. Was in Österreich sehr oft als „Freunderlwirtschaft“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit etwas sehr Vernünftiges. Nämlich dass man Vertrauen aufbaut.

Das ist aber eine andere Auslegung der Freunderlwirtschaft, als wenn wir sie wie Grasser und Meischberger auslegen.

Es ist jedenfalls der klare Fall einer Bereicherung, keine Frage. Ob es illegal war oder nicht, stellen jetzt die Gerichte fest. Aber von diesen Auswüchsen losgelöst, ist es eine vernünftige Sache. Wenn Sie von einem völlig wildfremden Menschen angerufen werden, denkt doch jeder einmal, wer ist das, was will der von mir. Wenn ich von jemand angerufen werde, den ich gut kenne, der mich noch nicht hereingelegt hat, horche ich mir dessen Anliegen einmal sofort oder schnell an. Das ist der Unterschied. Bei vielen Dingen spielt Vertrauen eine große Rolle. Und das hat nicht automatisch etwas mit Unfähigkeit zu tun, nicht automatisch mit Bereicherung zu tun. So wie es in jedem Bereich Missbrauch gibt und auch strafrechtlich relevante Dinge gibt, gibt es das in dem Bereich logischerweise auch. Dort wo Geld zu machen ist oder wo Entscheidungen zu treffen sind. Aber das heißt nicht, dass es nicht auch vernünftig ist, sich in einer Position Leute zu holen, die man unter Umständen kennt und von denen man weiß, wie sie ticken. Mit denen man schon positive Erfahrungen hat. Ich halte das eigentlich für ganz normal und vernünftig.

Ich möchte mit meiner nächsten Frage nicht an die Freunderlwirtschaft anschließen, aber Sie waren PR- und Medienberater der Kanzler Viktor Klima und Alfred Gusenbauer. Welche Vorteile - oder auch Nachteile - bringt diese Art von persönlichen Beziehungen?

Schauen Sie, das ist klar. Ich fange mit den Nachteilen an. Wenn man in der Politik tätig ist, deklariert man sich damit auch. Das machen nur noch sehr wenige Leute. Ich halte das für einen Fehler und Nachteil für die Demokratie. In die Politik zu gehen, heißt sich für etwas zu deklarieren, heißt aber auch mit offenem Visier für seine Anliegen zu kämpfen. Und Du wirst dann in jedem Land und in Österreich auch in eine Schachtel gesteckt. Und dann bist Du ein Roter, ein Schwarzer, ein Blauer, ein Grüner oder sonst irgendwas. Das hat auch Nachteile, weil sich sofort etwas ein bisschen verengt. Natürlich merke ich jetzt in meiner Tätigkeit als Unternehmer, dass das viel offener wird. Ich habe sehr viele Kontakte, die politisch nichts mit mir am Hut hatten. Aber das hängt wahrscheinlich eher mit einem gewissen Mundpropagandaeffekt nach drei Jahren unternehmerischer Tätigkeit zusammen, dass die Leute mich weiter empfehlen. Das sind die Nachteile. Man wird punziert. Die Vorteile sind klarerweise, wenn man für einen Bundeskanzler gearbeitet hat, ist man schon im Entscheidungszentrum Österreichs drinnen und dehnt, wenn man es klug macht, sein eigenes Netzwerk stark aus. Man kennt die Leute in den Sportverbänden, in den Industrieverbänden, in den einzelnen Firmen, in der Kultur, alles Leute, die man dann auch als Unternehmer und in der PR immer wieder brauchen kann und die dann vielleicht, wenn ich mich melde, sagen, ja, den kenne ich, da hebe ich ab, mit dem rede ich, lasse ich mich verbinden, eher als wenn jemand mit einem tollen Anliegen anruft, der unbekannt ist. Das ist ein Vorteil. Aber das habe ich mir ja auch redlich erworben in 30 Jahren. Dafür habe ich hart und lang jeden Tag gearbeitet. Die Politik verknüpft viele Facetten. Man lernt, Entscheidungen zu treffen und wie sie fallen. Auch das ist ein unschätzbarer Vorteil.

Sie machen jetzt mit ihrer K&K Kooperation mit dem Ex-ÖVPler Florian Krenkel eine Art große Koalition im PR-Bereich - reiner Pragmatismus, um diese von Ihnen angesprochene Punzierung aufzubrechen, weil man sonst nur mit seinesgleichen ins Geschäft kommen würde?

Die Geschichte mit dem Florian Krenkel ist relativ einfach. Wir kennen einander seit 1997. Er war Sprecher von Mock und dann von Schüssel, ich war Sprecher von Häupl und dann Klima. So haben wir einander kennen gelernt und haben in dieser Zeit unter heftigen politischen Auseinandersetzungen der Koalitionspartner persönlich ein sehr gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut und gemerkt, dass man einander nicht hereinlegen muss und schon gar nicht sollte. Man arbeitet für verschiedene Herren und verständigt sich untereinander als vernünftiger Sekundant auf einer vernünftigen menschlichen Ebene. Da wurde ein gewisses Vertrauen von Person zu Person aufgebaut. Die Kooperation hat sich ergeben, weil ich gemerkt habe, es gibt einen Radius, den ich manches Mal erweitern muss. Und er hat das auch so gesehen. Ich habe die Erfahrung als Journalist, die er nicht hat. Ich habe jahrelange Erfahrung in der Kommunalpolitik, ich war ja doch drei Jahre bei Michael Häupl, als er Bürgermeister hier in Wien wurde, tätig. Und ich war Medienmanager. Er war in der Diplomatie. Er hat für die Uno gearbeitet. Er hat in der EU gearbeitet. Er hat auch in Liechtenstein für den Fürsten gearbeitet. Er bringt diesem internationalen Aspekt stärker ein. Das ist ein richtiger Mehrwert und eine Verbreiterung des jeweiligen Radius.

Sie haben es selbst schon angesprochen: Sie waren zuvor Journalist, Politiker, sind jetzt PR-Berater und Lobbyist. Wo fühlen Sie sich am meisten zu Hause?

Emotional sage ich immer noch ich bin Journalist. Das hat mich seit meiner frühen Jugend begleitet. Die Dinge auf den Punkt zu bringen, Geschichten zu erzählen an andere. Ich würde es präzisieren: Tageszeitungsjournalist. Dort fühle ich mich emotional zu Hause und ich glaube, dass das im Kern für alle Dinge hilft, die ich die letzten Jahre gemacht habe - ich war doch lange im Verlagsmanagement, habe die U-Bahn Zeitung in Wien als Manager auf die Welt bringen dürfen. Mein gelerntes Handwerkszeug ist der Journalismus, mit dem man am besten weiterkommt, wenn man denkt: Was ist die Geschichte, die ich den Leuten erzählen möchte.

Reizt es Sie manchmal, zu Aufregerthemen einen Kommentar zu schreiben? Würden Sie das noch machen oder können Sie es sich nicht mehr leisten, zu manchen Vorgängen Stellung zu nehmen?

Total. Unglaublich! Es reizt mich total und ich muss mich richtiggehend unterdrücken, es nicht zu tun, damit ich mir nicht schade.



Kommentar hinzufügen

Kommentar hinzufügen




Das könnte Sie auch interessieren