Sonntag 26. Mai 2013, 01:59

Global


Libyen - Sand im Wind

Mit dem Tod von Muammar al Gaddafi und seinen Söhnen hat die Frühlingsrevolution in Libyen ihre ersten prominenten Opfer. Den Regeln von Revolutionen folgend darf man sich jetzt keine schnelle Entwicklung hin zu einem modernen demokratischen Staat erwarten. Nicht umsonst heißt es: “Die Revolution frisst ihre Kinder“.

Muammar al Gaddafi
Muammar al Gaddafi
Bild: Wiki CC
Bislang war es für die Libyer einfach, einig zu sein. Gaddafi war der gemeinsame Feind, gegen ihn gingen die Revolutionäre geschlossen vor. Das war das große Ziel und das kleinste gemeinsame Vielfache. Der über vierzig Jahre herrschende Diktator wurde gestern nach acht Monaten des Aufstandes –wenn auch in einer Weise, die dem neuen, freien Libyen kein guter Start sein mag - getötet.

Zwar gibt es einen Übergangsrat, dieser kann aber für sich nicht beanspruchen, repräsentativ zu sein. Obwohl Repräsentanten aus mehreren Landesteilen vertreten sind, sind bereits erste Spannungen innerhalb des Rates bemerkbar. Jetzt, wo das primäre Ziel erreicht ist, werden diese Gegensätzlichkeiten offen zu Tage treten, wenn es darum geht, die politische Zukunft für die gerade anbrechende Ära zu definieren. Wahlen sollen in weiteren acht Monaten stattfinden.

Libyen, ein Land ohne ernstzunehmende Staatsstrukturen und ohne jegliche demokratische Erfahrung, wird sich schwer tun, einen gemeinsamen Nenner für ein neugestaltetes Gemeinwesen zu finden.

Da gibt es auf der einen Seite Spannungen zwischen westlich orientierten laizistischen Gruppen gegenüber den Islamisten, die jetzt natürlich auch ihre Chance wittern. Da gibt es einen Ost- Westkonflikt und nicht zu vergessen, in Großteilen Libyens existiert noch immer ein reales Stammessystem. Libyen ist ein Vielvölkerstaat, da gibt es die Berber, die Araber und noch eine Menge mehr.

Wer wird die Führung übernehmen, wie soll ein gerechtes System geschaffen werden, denkt überhaupt eine Gruppe an Gerechtigkeit oder wird jetzt in Windeseile der eigene Vorteil zur Maxime des Handelns? Dazu kommen die Interessen Europas und der gesamten westlichen Welt. Und so werden die Erdölkonzerne samt deren Regierungslobby bereits in Kürze bei jenem neuen libyschen Führer, der sich die Macht erkämpft haben wird, Schlange stehen, um Förderlizenzen zu begehren. Einen Fehler sollte der Westen nicht machen, nämlich die militärische Front länger besetzt zu halten als erwünscht.

Mit Gaddafi hat der erste der arabischen Diktatoren den Tod gefunden. Eine Warnung für Ali Abdullah Saleh im Jemen und Baschar al-Assad in Syrien? Faktum ist jedenfalls, dass es keinen Prozess gegen den Diktator geben wird und wie das niederländische Handelsblad heute schreibt, ist „ein Tribunal nicht nur eine Warnung für Diktatoren-Kollegen und ein Signal der neuen Machthaber, dass sie einen rechtsstaatlichen Kurs einschlagen wollen. Ein Prozess kann auch zur Wahrheitsfindung beitragen, und, wenngleich indirekt, zu einer Form der Versöhnung. Dass Gaddafi ein Despot war, ist bekannt. Aber die Fragen, wie er das vier Jahrzehnte durchziehen konnte und wer ihm dabei geholfen hat, müssen noch beantwortet werden. Gaddafi selbst kann das nun nicht mehr, weshalb auch ein politischer Abschluss nicht mehr möglich ist. Das kann zu neuen Mythen und Rache-Aktionen führen. Nach der Freude brechen harte Zeiten an.“


 




Kommentar hinzufügen