Donnerstag 23. Mai 2013, 16:55

Kommentare

Lebt David Cameron eigentlich am Mond?

Die Briten sind bekannt für ihren trockenen Humor, aber sie gelten zugleich als eigenwillig, exzentrisch, relativ unberechenbar und bisweilen ziemlich schrullig. Lustig war‘s zwar nicht besonders, wie aufmüpfig Großbritanniens Premier David Cameron beim letzten Gipfel in Brüssel agierte, aber sonst hat er alle gängigen Klischees, die seinen Landsleuten nachgesagt werden, eindrucksvoll bestätigt. Mit seinem harschen No zur Änderung der EU-Verträge und der von den Mitgliedsländern der Eurozone geplanten Euro-Rettung sicherte er sich naturgemäß prompt den Beifall aller englischen Boulevardblätter. Die Mehrheit der Bürger steht laut Meinungsumfragen ebenfalls hinter ihm.

David Cameron
David Cameron
Bild: Wikipedia-Creative Commons
Die Splendid Isolation, mit deren Hilfe die angepeilte Fiskalunion zumindest ebenso erschwert wird wie eine Finanztransaktionssteuer verzögert, wird allerdings auch recht kritisch gesehen: Sogar Camerons liberal-demokratischer Stellvertreter Nick Clegg hält die sture Haltung für falsch, womit die Koalition in schwierigen Zeiten endgültig angeschlagen ist. Und selbst in der Londoner City häufen sich die kritischen Kommentare und die Angst, dass das Königreich künftig „marginalisiert“ werden könnte, obzwar der kämpferisch auftretende Premier für den britischen Finanzsektor besondere „Schutzmaßnahmen“ eingefordert hatte.

Europas Mister Bean

David Cameron muss, als er in Brüssel wuchtig mit der Faust auf den Tisch haute, jedenfalls nicht seinen besten Tag gehabt haben: Denn offenbar übersah er dabei völlig, dass sich dort ein Nagel befand, der für Großbritannien noch gröbere Komplikationen verursachen könnte. Mag sein, dass es sich um eine Profilierungsneurose handelt, weil der erst 45jährige Regierungschef bislang neben Europas Granden Angela Merkel und Nicolas Sarkozy stets wie ein unbedeutender Sonderling wirkt. Durchaus auch möglich, dass Cameron als Newcomer noch zu wenig Polit-Routine hat, um die Konsequenzen seiner Verhandlungstaktik abschätzen zu können. Er hatte zwar schon in jungen Jahren für John Major gearbeitet, doch ins Parlament zog er erst 2001 ein, zum Oppositionschef stieg er 2005 auf, und in Downing Street Number 10 amtiert er bloß seit Mai 2010.

Schließlich wäre es denkbar, dass der Premier irgendwie am Mond lebt und in scheinbar sicherer Abgehobenheit nicht erkennt, dass seine Insel und die dortige Wirtschaft ohne Europäische Union aufgeschmissen wären. Denn obzwar den Briten nichts über ihre nationale Souveränität geht und sie als leidenschaftliche Verbündete der Amerikaner schon immer gern Distanz zum Kontinent gehalten haben, würden sie im Alleingang herbe Rückschläge hinnehmen müssen. Schließlich machen ihre Exporte in sieben Euroländer nicht weniger als 116 Milliarden Pfund aus. Deutschland, die Niederlande, Frankreich & Co. sind für Großbritannien demnach weitaus lebenswichtiger als die USA.

David Cameron, theoretisch als einer der jüngsten EU-Staatschefs geradezu prädestiniert, eine Leitfigur für ein neues Europa zu sein, wird sich jedenfalls seine Trotzreaktion gut überlegen - und letztlich doch noch irgendwann einlenken müssen. Die gemeinsame Sache Europa sollte ihm wichtiger sein als alles andere. Als Sprachrohr der EU-Skeptiker könnte ihm trotz seiner Beteuerungen, dass sein Land den Klub der 27 nicht zu verlassen beabsichtigt, auch persönlich einiges Unbill drohen. Denn wenn der konservative Premier, der noch vor kurzem als große Hoffnung galt, so weiter macht, hat er die allerbesten Chancen, zu einer Art Mister Bean unter den europäischen Politikern zu werden.


 




Kommentar hinzufügen