Krisenpolitik: Die Wirtschaftswissenschaft als Problem
Durch die Weltfinanzkrise erfolgte ein rasanter Wechsel von „neoliberaler“ Sparpolitik (Deutschland) zu „keynsianischen“ Staatsausgaben (USA) und zurück. Seither mangelt es der herrschenden Volkswirtschaftslehre an Konsens, was die Qualität der wirtschaftspolitischen Entscheidung aber auch nicht fördert.

Bild: univie.ac.at
USA dominiert Ökonomische Wissenschaft
Die Ökonomische Wissenschaft ist demnach als relativ dichtes und kohärentes länderübergreifendes Netzwerk organisiert, das eine breite Community an Leuten von Universitäten, nationalen Regierungen und internationalen Organisationen umfasst, gleichzeitig aber stark auf die USA konzentriert ist. Zwar würden die US-amerikanischen Autoren die ökonomischen Journale nicht mehr so sehr dominieren wie früher, allerdings stammen heute noch immer mehr als drei Viertel der Artikel in den Elite-Journalen von US-Ökonomen.
Um die Vernetzung der Ökonomen zu untersuchen haben die Forscher unter anderem die gemeinsamen Publikationen von Ökonomen analysiert, was sie als Hinweis auf intensive Kontakte und weitgehend übereinstimmende wissenschaftliche Ansichten werteten. Dabei konnten sie ein System identifizieren, das streng hierarchisch organisiert ist und von einigen wenigen Star-Ökonomen vermittelt wird. So arbeitet beispielsweise der prominente Ökonom Joseph Stiglitz mit einer großen Zahl an Ökonomen zusammen, wovon einige ebenfalls „Stars“ sind, andere aber nicht. Die Nicht-Stars, mit denen er arbeitet, arbeiten dabei in der Regel nicht mit den anderen Stars, mit denen auch Stiglitz arbeitet. Ebenso wenig arbeitet Stiglitz mit den Nicht-Star-Partnern der Stars, mit denen er zusammenarbeitet, so dass sich die globalen Netzwerke über wenige Elite-Ökonomen verbinden und sich die Konsensmeinung anscheinend über ganz wenige Stationen fixiert. Das hat zur Folge, dass sich ein „neuer“ Konsens auch international sehr schnell verbreiten kann, wofür nur eine Hand voll relevanter Überträger erforderlich ist.
„The same people who would never touch deficit spending are now tossing around billions. The switch from decades of supply-side politics all the way to a crass Keynesianism is breathtaking." Peer Steinbrück, Deutscher Finanzminister, Dezember 6, 2008.
Ein enorm schneller Paradigmenwechsel hat den Autoren zufolge nach der Lehman-Pleite von 2008 stattgefunden, und zwar von „anti-Keynesian“ auf „pro-Keynesian“. Gewechselt wurde von einer „angebotsorientierten“ Wirtschaftspolitik, die durch möglichst wenig Staat und Regulierung, niedrige Steuern und Anreize für Unternehmer charakterisiert war, hin zu einer nachfrageorientierten „keynsianischen“ Politik, die zuvor 20 Jahre lang verpönt gewesen war und aktive staatliche Eingriffe in den Vordergrund stellt. Insbesondere wollen Keynsianer im Krisenfall die verlorengegangene private Nachfrage durch staatliche Nachfrage ersetzen, was bis vor kurzem noch als „Deficit-Spending“ berüchtigt war.
Immerhin hatte der Keynesianismus vom Ende des 2. Weltkriegs bis Anfang der 1980er Jahre den herrschenden Konsens der Nationalökonomen dargestellt, dessen „liberale“ Bestandteile sich aber verselbstständigt hätten und in einen neuen „neo-liberalen Konsens“ übergegangen waren (beibehalten wurde jedoch die neoklassisch-mathematisch-ökonometrische Methode).
Die akademische Richtung nannte sich „New Classical Macroeconomics“ oder „Rational Expectations Theorie“ und der neue Konsens drückte sich beispielsweise im „Washington Consensus“ aus, der orthodoxe, marktliberale Wirtschaftsmodelle über Weltbank und Internationalen Währungsfonds weltweit propagierte. Gerechtfertigt wurde der Paradigmenwechsel später mit der „Great Moderation“, also den 20 Jahren vor dem Crash, die sich in den westlichen Industriestaaten durch ungewöhnlich stabile Wachstums- und Inflationsraten ausgezeichnet hatten (was aber offenbar nicht durch die gelungene Geldpolitik erzielt wurde, sondern durch eine massive weltweite Aufschuldung bei gleichzeitigem Auftauchen Chinas als Billigproduzent). Weil die Konjunktursteuerung in dieser Zeit weltweit anscheinend erfolgreich weitgehend der Geldpolitik überlassen worden war, die nach einer mechanischen Taylor-Rule gesteuert wurde, und sich die steuerlichen Maßnahmen tendenziell auf die automatischen Stabilisatoren beschränkten (insbesondere auch in Deutschland in der Krise am Anfang der 2000er Jahre) waren keynsiansche Maßnahmen absolut verpönt.
„One cannot find good, under-forty economists who identify themselves or their work as `Keynesian'. Indeed, people even take offense if referred to as `Keynesians'. At research seminars, people don't take Keynesian theorizing seriously anymore; the audience starts to whisper and giggle to one another” (Mankiw 2006)
Nachdem Dominique Strauss-Kahn, damals noch Managing Director des IWF, jedoch Anfang 2008 in Davos angemerkt hatte, dass vielleicht höhere Staatsausgaben helfen würden, um die sich anbahnende Krise zu vermeiden, und US-Wirtschafts-Zar Larry Summers daraufhin anmerkte, dass sei das erste Mal seit 25 Jahren, dass ein IWF- Managing Director nach höheren Staatsdefiziten verlange, war der Weg bereits geebnet. Und als die Weltwirtschaft wenig später zusammenbrach und offensichtlich über die Geldpolitik hinausgehender Handlungsbedarf bestand, ging praktisch die ganze Welt sofort zu ungehemmtem Keynsianismus über, was die Autoren schlicht damit erklären, dass die herrschende neoliberal Schule zur Krisenbekämpfung so gut wie nichts anzubieten hatte, da sie staatliche Eingriffe ja grundsätzlich ablehnte. Noch dazu hatten auch einige prominente Neoliberale ihre Positionen umgedreht, weshalb der neue Konsens nach außen besonders großen Eindruck gemacht hatte.
Nun wechselte mit einem Mal sogar der „Rat der Wirtschaftsweisen“, der die prominentesten deutschen Ökonomen umfasst und seit Anfang der 1970er Jahre streng anti-keynesianistisch eingestellt war, das Lager. Er trat für schuldenfinanzierte Staatsausgaben ein, die von Deutschland nun nach sanftem internationalem Druck auch zugestanden wurden, sah sich dafür aber großer Kritik ausgesetzt. So zitiert die Studie den deutschen Volkswirtschaftler Stefan Homburger, der zu dem damaligen Vorsitzenden des Sachverständigenrates, Bernd Rürup, gesagt haben soll: „Du (Rürup) und der Sachverständigenrat habt uns seit Jahren erzählt, dass ein Stimulusprogramm nicht funktioniert. Ihr sagt das sogar in eurem aktuellen Bericht! […]Ich kann einfach nicht verstehen, wie so viele Wirtschaftsprofessoren diametral ihre Position verändern können. Sind die alle verrückt geworden?“
Rückkehr zu alten Denkmustern
Allerdings ist der heute mit Ausnahme von Peter Bofinger nach wie vor neoliberal eingestellte Weisenrat längst wieder zu alten Denkmustern zurückgekehrt, und mit ihm, wie die Autoren feststellen, fast die ganze Welt. Hier fällt es den Autoren viel schwerer zu erklären, warum es ab 2010 wieder zu einem fast ebenso rapiden Schwenk in die Gegenrichtung gekommen ist. So lamentierten schon ab Mitte 2010 prominente Keynsianer wie Krugman oder Bred DeLong, dass der Stimulus zu gering ausfalle und zu scheitern drohe. Indes meinten die Neoliberalen, es sei schon viel zu viel stimuliert worden und es hätte ohnehin nicht geholfen.
In Europa regierte dank Eurozonenkrise (wenigstens bis zu den französischen Präsidentschaftswahlen, die offenbar erst nach Studienabschluss stattfanden) ab 2010 weltweit wieder die „Schwäbische Hausfrau“, deren neoliberaler Hausverstand schon 2008 von Angela Merkel in einer Rede beschworen worden war. Immerhin bestimmten in den USA weiterhin Keynsianer wie Stieglitz oder Paul Krugman die öffentliche Debatte, die Neoliberalen hatten aber ihre akademische und institutionelle Macht behalten und von einem „Konsens“ in der Volkswirtschaftlichen Lehre kann nun keinesfalls die Rede sein.
Politik fehlt eindeutige Richtschnur
Dadurch fehle der Politik die eindeutige Richtschnur, wobei sich nun auch wieder starke neoliberale Strömungen im Personalstand wichtiger Institutionen bemerkbar machen, etwa in der EZB, wo sich die zahlreichen Skeptiker gegenüber einer Keynsianischen Politik zwei Jahre lang stark zurückgehalten hatten. Diese traten ab 2010 aber wieder in den Vordergrund und kritisierten zusehends die eskalierenden Staatsausgaben, wozu sich bald auch Teile der EU-Kommission gesellten. Das spielte Deutschland in die Hände, das längst wieder zur Sparpolitik übergegangen war und sich in seiner Ablehnung nun wieder auf die Ökonomen des Weisenrat und der EZB stützen konnte, als es sich im Sommer 2010 massivem Druck der USA ausgesetzt sah, den eigenen Inlandskonsum durch Steuersenkungen zu steigern, während in den USA der Präsident Probleme hatte, weitere Stimulusprogramme durch den bereits wieder neoliberalen Kongress zu bekommen. Klar ist aber auch, dass sich der Keynsianismus ebenfalls nicht zurückdrängen lässt. Nachdem seit mehr als 50 Jahren zwar abwechselnd, dafür dann aber jeweils relativ unangefochten Neoliberalismus und Keynsianismus dominiert haben, dürfte bis auf weiteres kein allgemeiner Konsens in der Makroökonomie gefunden werden. Die Wirtschaftspolitik wird also auf sich stark widersprechende Expertenmeinungen stoßen, was vermutlich nicht nur zu schlechten sondern oft wohl zu gar keinen Entscheidungen führen wird.


















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