Montag 01. September 2014, 20:29

Umwelt & Agrar

Klimawandel und Migration

Von einem wissenschaftlichen Paper zu den Folgen der Migration dürften Rechtspopulisten wie Ausländerfreunde gleichermaßen begeistert sein.

Princeton University
Princeton University
Bild: PilotGirl/flickr.com
Der Princeton-Professor of Economics and International Affairs, Esteban Rossi-Hansberg und Klaus Desmet, Ökonomieprofessor an der Universidad Carlos III in Madrid haben sich angesehen, wie die Welt mit früheren Klimaveränderungen umgegangen ist. Ihr Blick in die Vergangenheit galt etwa der mittelalterlichen Wärmephase vom 9. bis zum 14. Jahrhundert, als in Südnorwegen Wein angebaut wurde. Hier vermuten sie beispielsweise, dass der Aufstieg des Mongolenreiches besseren Produktionsbedingungen aufgrund des wärmeren  Klimas geschuldet war. Als in den USA der 1930er Jahre nach jahrelanger Trockenheit hingegen das fruchtbare Land von 2,5 Millionen Menschen sich in einer gigantischen „Dust Bowl“ auflöste, verloren sie zwar ihrer Existenzgrundlage, konnten aber in angenehmere Gebiete übersiedeln, was in den USA immerhin möglich war, so dass eine echte Katastrophe ausblieb.

Schäden von „Friktionen bei der Bewegung von Menschen und Gütern“ verursacht

In der Vergangenheit sei es im Zuge einer anhaltenden Erwärmung jedenfalls nicht zu übermäßig schweren ökonomischen Krise gekommen, sondern die Menschen zogen einfach Richtung Norden, der landwirtschaftlich oft wesentlich produktiver wurde oder wie in Alaska, Grönland, Norwegen, Sibirien usw. neu besiedelt werden konnte. Daraus folgern sie, dass die aktuelle Diskussion, die voll auf Verhinderung und Anpassung fokussiert ist, sich besser mit der traditionellen Vorgehensweise befassen sollte: der Migration. Sie nehmen an, dass der Großteil der ökonomischen Schäden von „Friktionen bei der Bewegung von Menschen und Gütern“ verursacht werde und die Anpassung an den Klimawandel umso einfacher werde, je mehr die Hindernisse abgebaut würden. 

Verschiebung der Klimazonen um 1000 Kilometer

Denn weil der Temperaturunterschied zwischen Pol und Äquator mit rund 30 Grad viel größer ist als der Klimawandel, sei heute mit vergleichbaren Effekten zu rechnen. Die Klimazonen verschieben sich in Richtung der Pole, wobei die Wissenschafter innerhalb der nächsten 200 Jahre von vier bis acht Grad Temperaturanstieg ausgehen. Den Forschern zufolge ergäbe das im mittleren Szenario eine Verschiebung der Klimazonen um rund 1000 Kilometer entlang der Breitengrade, so dass Paris klimatisch auf der Höhe des heutigen Madrid läge und das niederösterreichische Waldviertel sich auf Verhältnisse wie in der Toskana freuen dürfte.

Viele nördliche Gebiete müssten also profitieren können (zumindest relativ, bedenkt man die zunehmenden Extremereignisse), während jede Produktion unmöglich wird, wo es zu überflutet, heiß oder und/oder zu trocken wird. Die Wanderungsbewegungen werden also gewaltig sein, beispielsweise leben allein 44 Prozent der Weltbevölkerung in Küstennähe, wobei sich allerdings 72% der Weltbevölkerung auf nur 10% der Landflächen angesiedelt haben, so dass anzunehmen ist, dass der Erde wenigstens theoretisch noch ausreichend Raum zur Verfügung steht, um die Vertriebenen unterzubringen.

Modell mit und ohne Migration

Auf dieser Basis haben die Autoren ein räumliches Zwei-Sektoren-Modell der globalen Ökonomie mit einem Standard-Klimamodell kombiniert, in dem die Produktion den Treibhausgasausstoß fördert und den Klimawandel verstärkt. Der Temperaturanstieg differiert nach Breitengrad und der Produktivitätseffekt ist in der Landwirtschaft größer als in der sonstigen Produktion. Dann haben sie das Modell auf Basis unterschiedlicher Annahmen zur Mobilität durchgespielt und tatsächlich stiegen die Wohlstandsverluste mit der Höhe der Mobilitätsbarrieren.

So wurde im Modell beispielsweise am 45. Breitengrad (also genau in der Mitte zwischen Pol und Äquator) eine unüberwindliche Grenze etabliert, woraufhin sich die Verluste im Süden konzentrierten und der Norden enorm von den Barrieren profitierte, der sogar überhaupt am besten abschnitt, als im Modell jegliche Migration unterbunden wurde.

Natürlich kann so ein Modell die Dynamiken nicht erfassen, die eine eskalierende Notsituation im Süden hervorrufen dürfte, so dass diese Ergebnisse bestenfalls Indikativen Charakter haben können. Durchaus plausibel ist jedoch, dass die Löhne in Europa umso niedriger ausfallen werden, je mehr Migration zugelassen wird. Allerdings wird der jetzt schon hohe Einwanderungsdruck wohl noch extrem ansteigen, so dass dessen Abwehr zunehmend Ressourcen binden und die Wohlstandsgewinne einer Abschottung übertreffen könnte.

Erstaunliche Weltsicht des „G-Econ“ aus Yale

Wer sich indes einen Überblick über die theoretisch gegebenen Migrationsmöglichkeiten verschaffen will, der findet eine anschauliche Darstellung auf den Seiten des „G-Econ“ der Yale University (http://gecon.yale.edu/large-pixeled-contour-globe), bei der die aktuelle geografische Verteilung der globalen Produktion nicht anhand von Landesgrenzen dargestellt wird, sondern auf Basis eines Rasters von Quadraten mit maximal 100 Kilometern Seitenlänge. Verschieben sich die bewohnbaren Klimazonen also um 1000 Kilometer in Richtung der Pole dann wird klar, dass zwar keinerlei Ausweichmöglichkeiten in Richtung Südpol bestehen, im Norden aber jedenfalls üppige Landmassen vorhanden sind, die derzeit abgesehen von den Rohstoffvorkommen noch als wertlos gelten, im Laufe des Klimawandels aber zunehmend landwirtschaftlich nutzbar werden müssten.

Umfassende Sogwirkung des Nordens …

Vermutlich wäre es „ökonomisch“ sogar günstiger, die Auswanderungswilligen mit Know-how, warmer Kleidung und ausreichend Startkapital für die entstehende landwirtschaftliche Produktion auszustatten und in  diese Gebiete zu verfrachten, anstatt sie mit polizeilichen und militärischen Mitteln abzuwehren. Die bewährte Lösung aus der Geschichte wäre das jedoch nicht, da früher natürlich jene die Chance zur Landnahme nutzten, die bereits im Norden waren. Die Menschen aus dem Süden zogen hingegen eher in die benachbarten, aber nicht ganz so heißen Gebiete, deren Lebensgewohnheiten sie kannten und wo sie nicht nur aufgrund einer durch den Klimawandel besseren Produktivität oft als Arbeitskräfte gefragt waren, sondern auch weil der Norden anscheinend generell eine starke Sogwirkung entwickelte, die auch in prinzipiell subsistenz-fähigen Gebieten Wanderungsbewegungen ausgelöst hatte.

… stößt auf „Eisernen Vorhang“

Derlei dürfte indes bis auf weiteres ausgeschlossen sein, da die EU wie die USA ihre südlichen Grenzen  gerade so gut abschotten wollen, wie nur möglich. Geht es so weiter wird bald wohl eine lückenlose Barrikade bestehen, die wohl mindestens so aufwendig gestaltet sein müsste, wie der  „Eisernen Vorhang“ zwischen Osten und Westen im kalten Krieg. Ob zwecks Migrations-Verhinderung auch ein vergleichbarer militärischer Aufwand getrieben werden müsste, wird sich zeigen.  Dass die Bevölkerung - also der Souverän - sich großherzig zeigt und eine faire Lastenverteilung durchsetzt, erscheint jedenfalls unwahrscheinlich. Viel eher sieht es nach egoistischen Lösungen aus, bei denen sich die chinesischen Männer die schönsten Frauen aus dem Süden ins Land holen und der Westen nur genau die Migranten zulässt, die die demografische Lücke am Arbeitsmarkt schließen können, und über den Massenlagern entlang der Grenzen gnädigerweise Lebensmittelpakete abwirft.




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