Mittwoch 22. November 2017, 11:58

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Kampf der Ideologien: Warum das Establishment bei Trump „Rot“ sieht

Eine Post-68er-Generation hat Schulen, Unis und Medien am marxistischen Gleichheitsideal ausgerichtet. Alle Menschen wären „total gleich“, dürften folglich dort leben, wo sie gerade wollten – und hätten dort sofort aller Rechte. Trumps Politik torpediert diesen „unausgesprochenen Konsens“.

Der Kampf der politischen Systeme ist noch nicht entschieden.
Der Kampf der politischen Systeme ist noch nicht entschieden.
Bild: © EU-Infothek

Zugegeben: Es gibt einfachere Aufgaben, als den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu verteidigen. Alleine die Schimpfkanonaden auf Twitter sind eines Staatsoberhauptes eigentlich unwürdig. Den Hass, mit dem die Presse jede seiner Bewegungen unerbittlich verfolgt, hat er sich aber auch nicht verdient.

SPIEGEL: Blutrünstig wie anno 1936

Von Anfang an kommunizierte die Presse bei Trump am liebsten Formfehler, spielte jeden flapsigen Kommentar zur Kampfansage gegen den Humanismus hoch. Und wenn es einmal um die Sache ging, dann bloß, um der Öffentlichkeit zu erklären, wie faschistisch, sexistisch und menschenverachtend Trumps Sichtweise sei. 

Da wird er im deutschen Nachrichtenmagazin als blutrünstiger Mörder dargestellt, in der Hand den abgeschlagenen Kopf der Freiheitsstatue. Karneval-Umzüge zeigen ihn in obszönen Posen – die an 1936 erinnern, als man Juden ähnlich derb darstellte. 

Die Parallelen sind erschreckend: So entmenschlicht und fratzenhaft die Medien heute Trump darstellen, so ähnlich geschah dies in den 1920ern mit kapitalistischen Feindbildern wie (dem als Spekulanten denunzierten) Hugo Stinnes. Und später – in der national-sozialistischen Zeit – mit dem (jüdischen Bankier) Baron Rothschild.

Das Gleichheitspostulat des Establishments

In der DDR lernte man es in „Marxismus-Leninismus“, im Westen in Soziologie und Politologie: dass alle Menschen, Kulturen und Geschlechter völlig ident gepolt wären, und deshalb auch alle exakt gleich vermögend werden müssten. Wären die einen am Ende aber wohlhabender als die anderen, dann – so schließen die Sozialwissenschaftler – dann hätten die Erfolgreicheren wohl die Erfolgloseren ausgebeutet und diskriminiert. 

Der Gleichheitswahn lässt „rote Professoren“ selbst Geschlechterunterschiede leugnen. Männern wäre das ihnen eigene Sexual-, Sozial- und Gewaltverhalten nur künstlich antrainiert worden (man mag sich nicht ausmalen, welche Kindheit SoziologInnen gehabt haben müssen). 

So haben es sich heute ganze „Wissenschaften“ zur Aufgabe gemacht, die alte kommunistische Fiktion von der „totalen Gleichheit“ – welche naturwissenschaftlichen Erkenntnissen freilich diametral entgegensteht – täglich kunstvoll herbei-zu-flunkern. 

Araber dürfen vergewaltigen?

Wenn sich also alle Menschen dieser Erde überall gleich verhalten würden, dann wären Überfremdungsängste also nur eingebildet (oder geschürt). Dann dürfte jeder überall volle Bürgerrechte und Sozialleistungen konsumieren, weil er ohnedies vorhätte, sich möglichst bald der Leitkultur anzupassen und die erhaltenen Gelder wieder hereinzuverdienen. 

Und glaubt man dem gleichheitstrunkenen Fernsehsender n-tv, dann hätten nordafrikanische Zuwanderer das gleiche Recht, Frauen zu vergewaltigen wie Deutsche (die von Kanzlerin Merkel konsequenterweise als „die-schon-länger-hier-Lebenden“ bezeichnet werden). 

Trump „diskriminiert“ Zuwanderer

Trump ist der fleischgewordene „Gott-sei-bei-uns“ dieser Eliten. Ganz bewusst unterteilt er in Amerikaner und Nicht-Amerikaner, stellt erstere bewusst über letztere („America First“). Hundert Tausende kriminelle Mexikaner sollen abgeschoben werden, sogar eine Mauer gegen Drogen und Menschenhandel wird errichtet (eine, wie sie die Mexikaner an ihrer Südgrenze zu Guatemala aus den gleichen Motiven selber längst errichtet haben). 

In Europa undenkbar. Selbst bei jenen neun Irakern, die in der Wiener Sylvesternacht 2017 eine Deutsche stundenlang vergewaltigten und deshalb bis zu 15 Jahre Gefängnis ausfassten, ist der Asylstatus mit der Verurteilung nicht automatisch aufgehoben. 

US-Economy First

Lange Zeit ein Anhänger des Freihandels, wird Trump die Importsucht Amerikas kurieren müssen – auch um den Preis, dass die fleißigen Export-Nationen Asiens und Europas ihr Wirtschaftsmodell neu überdenken. Bei einem historisch einzigartigen Handelsbilanzdefizit von 850 Milliarden Dollar (!) müssen einem Präsidenten aber auch unkonventionelle Mittel zugestanden werden. 

Leistung statt Subvention

Weil für Trump eben nicht alle gleich sind, sollen Leistungsträger und „High Tech“-Firmen künftig mehr verdienen als Sozialarbeiter und Windparks. Letzteren wird er die Subventionen wohl kürzen – was umweltbewegte Europäer (wie den Autor) schmerzt. Man muss aber akzeptieren, wenn eine Gesellschaft mit liberalen Traditionen Subventionen (wofür auch immer) prinzipiell kritisch gegenüber steht, weil sie diese als Bevormundung auf dem Rücken Ihrer Nettogehälter ansieht. 

Firmen und Gutverdienern wird der Gang zum Finanzamt künftig also leichter fallen, während Wenig- oder Nicht-Arbeiter schlechter versichert sein dürften. Völlig unverständlich für die Welt unserer Eliten, in der (nach Marx) „jeder nach seinen Verhältnissen arbeiten, und jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben werden sollte“. Am besten erhielte Jeder (vollversichert) Tausend Euro monatlich, um der kapitalistischen Ausbeutung zu entkommen und sich in aller Ruhe der Muße, der Liebe oder dem Klassenhass widmen zu können.

Es bleibt die spannende Frage, ob Trump ein reaktionäres Auslaufmodell ist, den nur eine Laune der Geschichte emporgespült hat. Oder ob er am Anfang eines konservativen Counterstrikes steht, der mit dem britischen Brexit und dem ungarischen Regierungschef Orban begonnen – und mit einer LePen in Frankreich (und Schwarz-Blau in Österreich?) weitergehen könnte.

Eines ist jedenfalls sicher: So eindeutig, wie viele bisher geglaubt hatten, ist der Kampf der Systeme jedenfalls noch nicht entschieden.




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