Dienstag 21. Mai 2013, 19:36

Kommentare

Jean Ziegler glaubt an die Verschwörung – und alle gehen (deshalb?) hin

Seit Jahren schürt der Schweizer Soziologe mit teils abstrusen Behauptungen über „Nord-Süd“-Beziehungen die Wut der Bürger. Als Lösung aller Weltprobleme scheint der „Kommunist im Mar`schen Sinne“ die Verschwörung des Kapitals ausgemacht zu haben. Auf den Medientagen war der „Hassprediger gegen den Kapitalismus“ jetzt als Gastredner eingeladen.

Jean Ziegler glaubt an die Verschwörung – und alle gehen (deshalb?) hin
Jean Ziegler glaubt an die Verschwörung – und alle gehen (deshalb?) hin
Bild: #unibrennt/flickr.com
Falsche Zahlen zur Entwicklungshilfe

Zieglers Bücher strotzen nur so vor Falschmeldungen, Wutausbrüchen und unbewiesenen Behauptungen. So behauptete Ziegler im „Imperium der Schande“: „Im Jahr 2003 belief sich die öffentliche Entwicklungshilfe der Industrieländer des Nordens für die 122 Länder der Dritten Welt auf 54 Milliarden Dollar. Im selben Jahr haben diese Länder der Dritten Welt den Kosmokraten des Nordens 436 Milliarden Dollar als Schuldendienst überwiesen.“

Tatsächlich waren 54 Mrd. Dollar Entwicklungshilfe geflossen und tatsächlich gab es Schuldenrückzahlungen von 436 Mrd. – nur haben die Zahlen nichts mit einander zu tun. Laut World Development Report (Weltbank) stammen die 436 Mrd. stammen aus (fast-) EU Ländern wie Polen, Tschechien und der Türkei oder aus steinreichen Ölmächten wie Venezuela, Russland oder Kasachstan. Im Gegenteil: Die Ärmsten bezahlen gar nichts: Seit 1999 wurden den 18 ärmsten Ländern in mehreren Runden auf Initiative der G8) 100% der Schulden erlassen (alleine 2000: 47%). Afrikas Haushalte werden jährlich zu 40% durch Geschenkzahlungen des Westens finanziert.

Zieglers Konzern-Verschwörung

Ziegler wird nicht müde, vom Streben der Konzerne nach der Weltherrschaft zu warnen: „Jede transkontinentale kapitalistische Gesellschaft organisiert (…) ihre eigenen Spionage- und Gegenspionagedienste. Sie infiltrieren nicht nur die Hauptquartiere konkurrierender Kosmokraten (Schimpfwort für „Manager“), sondern auch die nationaler Regierungen“.

Tatsächlich war Millionen von Kleinunternehmern und Erfindern in Süd- und Ostasien der wirtschaftliche Aufstieg aber erst mit der „Wende“ gelungen - vom Marxismus weg und hin zum Kapitalismus: In Indien ab 1991, China ab 1979.

Zum Beispiel Suzlon: 1995 schraubte der indische Tüftler Tulsi Tanti im indischen Pune Windkraftanlagen zusammen, weil seine kleine Textilfabrik wegen der dauernden Stromausfälle in Konkurs gegangen war. Heute setzt sein Suzlon-Konzern mit weltweit 13.000 Menschen 3,8 Mrd. Dollar um. Er hat die deutsche Repower gekauft und errichtet mit indischem Know-How Windparks in der Nordsee. Kein Spion eines westlichen Konzerns hatte versucht, Tulsi Tanti am Aufstieg bzw. am Know-How-Aufbau bzw. -Transfer nach Deutschland zu hindern. Niemand brachte eine Regierung gegen ihn auf.

Ziegler: Konzerne schaffen keine Jobs - und nutzen Konsumenten aus

Zieglers Hass gilt den Konzernen. In seinem „Imperium der Schande“ behauptete er: „Der globalisierte Kapitalismus ist im Stadium immer schnelleren Wachstums ohne Schaffung von Arbeitsplätzen, ohne sozialen Aufstieg seiner Arbeitnehmer und ohne die Erhöhung der Kaufkraft seiner Konsumenten“. Ziegler wirft Microsoft vor, Kunden mit überteuerten Produkten auszunutzen.
Tatsächlich hat Microsoft die Kaufkraft seiner Kunden aber nicht beschnitten: Preisbereinigt wurden Betriebssysteme und Office-Pakete fast immer billiger − obwohl sie gleichzeitig um ein Vielfaches leistungsfähiger geworden waren als ihre jeweiligen Vorgänger. Kostete Windows 2.x im Jahre 1986 noch 326 Dollar, waren für Windows 98 nur mehr 267 Dollar hinzublättern. Windows 7 gibt es heute schon für 120 Dollar. Und auch die Mitarbeiter wurden über die Jahre (bis auf das Krisenjahr 2010) ununterbrochen mehr und nicht weniger. Jobs bei Microsoft zählen weltweit zu den am besten bezahlten in der Branche.

Verleumdung: „Kapitalismus an Hunger schuld!“

Der Anteil der Hungernden an der WeltbevölkerungZiegler ist besessen von der Verschwörung des internationalen Kapitals. Dieser soll am Hunger in der Welt schuld sein. Tatsächlich sank der Hunger aber nur dort, wo marxistische Strukturen durch Freihandel und Kapitalismus ersetzt werden konnten. So begann die Zahl der Armen in Indien erst ab 1991 zu sinken – dafür gleich um 200 Millionen. In China konnten seit 1979 600 Millionen der Armut entkommen. Im kommunistischen China vegetierten im Jahr der Wende 1979 58% unter dem Existenzminimum, 2010 waren es nur mehr 6%. In nur 40 Jahren Kapitalismus ist der Hunger heute ausgerottet.

Zieglers Vorwürfe sind aggressiv, eindimensional, bemerkenswert unwissenschaftlich - und meist unbewiesen. Obwohl Zieglers gefälschte Zahlen manchmal ins Groteske gehen und er in seiner Heimat wegen seiner Falschbehauptungen mit zahlreichen Prozessen konfrontiert wird, regt dies österreichische Medienfachleute weder zu Recherche oder gar Kritik an.

 

GehaltsanstiegeUnd es fällt selbst Österreichern mittlerweile auf, dass linke Redner wie Jean Ziegler oder Christian Felber ihre einseitigen Ansichten (nicht nur) auf staatlichen Fernsehsendern und Radiostationen, oder in von der SPÖ mit Inseraten verwöhnten Medien kundtun dürfen – man belästigt sie auch nicht mit unangenehmen - oder gar kritischen - Fragen.

Wenn Menschen heute eine Bevölkerung (wie in den 1920ern) wieder gegen Sündenböcke (wie Spekulanten und Kapitalisten) aufbringen können, ohne von Medien kritisiert zu werden, dann scheint ein medialer Mainstream seine demokratische Kontrollfunktion verloren zu haben.

 


 




Kommentar hinzufügen