Donnerstag 23. Mai 2013, 15:29

EU-Backstage & Personalia


Jean-Claude Trichet – „Monsieur Euro“ verlässt die Bühne

Am 1. November 2003 wurde der Franzose Jean-Claude Trichet Präsident der Europäischen Zentralbank. Am 31. Oktober 2011 endet seine achtjährige Amtszeit. Ein Portrait und eine Bilanz.Der zielstrebige Bretone, dessen Musterlaufbahn nach Studien der Ingenieurs- und Politikwissenschaft und einem Jahr an der Elite-Hochschule „Ecole Nationale d‘Administration“ über das Wirtschafts- und Finanzministerium an die Spitze der französischen Nationalbank (1993) führte, wurde als „Ayatollah des starken Francs“ tituliert.

J.C. Trichet
J.C. Trichet
Bild: Europ. Union
Das war eine Eigenschaft, ohne die er vor acht Jahren nie und nimmer die Nachfolge des ersten EZB-Präsidenten Wim Duisenberg antreten hätte können. Nur ein Verfechter eines starken Euro – analog zur starken D-Mark –konnte die entscheidende Zustimmung der deutschen Regierung für diese zentrale Position der Währungsunion erhalten.

Dabei gab es noch eine riesige Hürde, die dem 1942 in Lyon geborenen Trichet fast den Weg zu seinem Traumjob versperrt hätte: Im Jahr 2000 eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen den Bankier, weil er zehn Jahre zuvor als Schatzamtschef die Schieflage der Staatsbank Crédit Lyonnais verschleiert haben soll. Im Juni 2003 wurde er jedoch gerade noch rechtzeitig freigesprochen, um als hoher Favorit im Rennen um den EZB-Präsidentenposten bleiben zu können. Die Sanierung der Crédit Lyonnais kostete die französischen Steuerzahler übrigens 15 Milliarden Euro.

Als Verfechter einer strikt stabilitätsorientierten Geldpolitik war für Trichet stets die Eindämmung der Inflation auf höchstens zwei Prozent das oberste Ziel der EZB – für Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum fühlte er sich nicht zuständig. Inflation sei „wie Zahnpasta – leicht heraus-, aber schwer wieder in die Tube zu bekommen“, wird er oft zitiert. Hohe Löhne und Flächentarife waren ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. Dieser Kurs brachte ihm viel Bewunderung ein. 2007 wurde er von der Financial Times zum „Europäer des Jahres“ gekürt. Und die Stadt Aachen verlieh Trichet „für seinen Einsatz für einen stabilen Euro und den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Europäischen Binnenmarktes“ den Internationalen Karlspreis 2011, eine der renommiertesten politischen Auszeichnungen in Europa.

„Verteidiger der Unabhängigkeit der EZB“

EU-Kommissionspräsident Barroso fand vor wenigen Tagen in seiner Ansprache bei der Verabschiedungsfeier für den scheidenden EZB-Präsidenten in Frankfurt nur lobende Worte. Barroso betonte, dass der Euro eine der größten Errungenschaften der europäischen Integration darstelle und dass er zum Inbegriff der europäischen Einigung geworden sei. „Zu diesem Erfolg haben viele beigetragen, aber die Europäische Zentralbank war das Zentrum dieser Entwicklung.“ Und EZB-Präsident Trichet, so Barroso, sei „ein Mann mit Intellekt, ein Mann mit Visionen, aber auch ein Mann der Tat, der eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung der Unabhängigkeit der EZB und bei der Stärkung der Stabilität des Euro gespielt hat.“

Für Othmar Karas, Vizepräsident der Fraktion der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, hat Trichet die EZB zu einem „Anker der Stabilität und des Vertrauens in Europa“ gemacht. „Jean-Claude Trichet hat den Euro in stürmischen Zeiten stabil gehalten. Er hat zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise Geldspritzen gegeben, um einen drohenden Bankenkollaps zu vermeiden, und er hat den Leitzins auf ein Rekordtief von 1% gesenkt, um die Wirtschaft anzukurbeln“, zählt Karas, der als Mitglied des Wirtschafts- und Währungsausschusses den EZB-Präsidenten in den vergangen acht Jahren in zumindest 35 sogenannten „Monetary Dialogues“ im Parlament erlebt hat, dessen Errungenschaften auf.  

„Jean-Claude Trichet gehörtzum kleinen, exklusiven Kreis der wirklich mächtigen Männer der Finanzwelt. Was er sagt – zur Lage des Euro, zur Hilfe für Griechenland – das läuft Augenblicke später über die Ticker. In aller Welt lesen die Händler an ihren Bildschirmen seine Sätze. Eine Aussage von Trichet kann die Börsen bewegen“, beschreibt die Filmemacherin Ulrike Bremer, die im Auftrag des Hessischen Rundfunks ein TV-Portrait des obersten Währungshüters gedreht hat, den enormen Druck, der auf ihm lastet. „Im Film sagt Trichet, er denke während des Redens ständig darüber nach, wie seine Worte auf der ganzen Welt interpretiert würden, und ob sie nicht falsch interpretiert werden könnten“, so Bremer in einem Interview auf www.hr-online.de.

Das Ende seiner Präsidentschaft hatte Trichet sich aber sicherlich anders vorgestellt. Der „Feuerwehrmann des Euros“ (Handelsblatt) verlässt die EZB am Höhepunkt der Schuldenkrise und hinterlässt einen Scherbenhaufen. Fast die ganze Amtszeit hindurch blieb der stets ruhige und beherrschte, aber auch unnachgiebige Franzose dem Inflationsziel verpflichtet. Die Prinzipientreue, die ihn in all den Jahren seines Aufstiegs bis an die EZB-Spitze und auch in den ersten Jahren seiner Amtszeit stets ausgezeichnet hatte, konnte den Folgen der größten Wirtschafts-, Finanz- und Sozialkrise seit acht Jahrzehnten jedoch nicht standhalten.

Verrat am Euro?

Seine Kritiker werfen ihm nun vor, durch das Aufkaufen von Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder habe er die im Maastrichter Vertrag verankerte Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank verraten und sie der Politik dienstbar gemacht. „Indem die Zentralbank Staatsanleihen kauft, um die Zinslast für Italien und andere zu drücken, macht sie sich zum Handlanger von Politikern, die sich und dem Bürger keine solide Haushaltspolitik zumuten wollen“, kommentierte beispielsweise der FAZ-Herausgeber Holger Steltzner. Die EZB sei zu einer „Bad Bank“ verkommen und habe jegliches Vertrauen verspielt, halten ihm andere vor. Nicht wenige halten mittlerweile sogar ein Scheitern der Gemeinschaftswährung für möglich.

Othmar Karas sieht das ganz anders: „Wir waren uns immer einig, dass wir eine strikte Finanzmarktregulierung brauchen und die Mitgliedsstaaten dazu bringen müssen, endlich den Stabilitäts- und Wachstumspakt einzuhalten. Im Gegensatz zur laschen Reaktion der Euroländer hat die EZB Courage bewiesen und Risiken in ihre Bücher aufgenommen indem sie Staatsanleihen gekauft hat. Gerade dadurch hat sie Ihre Unabhängigkeit bewiesen!“

Die harsche Kritik ging an Trichet nicht spurlos vorbei. In den letzten Monaten zeigte er sich durchaus empfindlich, und viele Beobachter stellten fest, dass die Vorwürfe den überzeugten Europäer tief getroffen hätten. So wünschte er sich bei einer Pressekonferenz im September, für die Preisstabilität, für die die EZB in den ersten 13 Jahren des Euro „tadellos, tadellos“ gesorgt habe, auch einmal Glückwünsche zu hören.

Dabei war Trichet als französischer Notenbankchef gegenüber politischen Begehrlichkeiten und Angriffen abgehärtet. Die französische Politik – allen voran der damalige Präsident Jacques Chirac, der sich zur Ankurbelung der Konjunktur eine Zinssenkung wünschte – empfand seinen strikten Stabilitätskurs seinerzeit als derart rigide, dass er sich von Le Monde – immer schön polemisierend – vorwerfen lassen musste, im Auftrag des Königs von Preußen tätig zu sein. Der Bretone blieb aber stets standfest – bis zum Tabubruch vor einigen Monaten eben, der seine persönliche Bilanz zum Abschluss deutlich trüben wird.

Interessant übrigens, was der elegante Franzose, der auch Englisch und Deutsch beherrscht, zu Beginn seiner Amtszeit künftigen EU-Mitgliedsstaaten und Euro-Kandidaten zugerufen hatte: Der Euro-Zone trete man „ein für alle Mal bei“, ein Austritt sei nicht möglich.


 




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