Dienstag 22. August 2017, 07:32

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Ist Europas Vermögen wirklich ungleich verteilt?

Es sind die „am Papier Armen“, die zu den übergroßen Nutznießern des Wohlfahrtsstaates zählen © EU-Infothek Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich Ängste als unbegründet und aufgebauscht – oder als logische Konsequenz der europäischen Sozial- und Geldpolitik.

„Zehn % besitzen zwei Drittel des Vermögens!“, klagt Europas Elite in der Presse. Dabei kannte man dieses von Wilfredo Pareto bereits vor 100 Jahren beschriebene Besitzphänomen auch in der DDR: Exakt 10% saßen auf 60% des Geldes[1]. Berücksichtigt man heute allerdings Mieten- und Pensionssystem, nimmt der Zustand egalitäre  Formen an.

Warum die Verteilung am Papier tatsächlich etwas ungleicher geworden ist, liegt an der von linken Ökonomen (Paul Krugman), Publizisten (Christian Felber) und Gewerkschaftern (DGB) geforderten Niedrigzinspolitik staatlicher Zentralbanken. Sie sorgt seit 20 Jahren dafür, dass sich Menschen (und Staaten) immer noch einfacher und noch billiger verschulden können.

Vermögen auf Pump

Wie schon in den 1920ern, fließt das Geld dann aber nicht nur in die Realwirtschaft, sondern in die Spekulation mit Immobilien, Aktien, Anleihen und Kunst und treibt dort die Preise. Selbst die „Auto Bild“ warnte schon: „Weil die Zinsen im Keller sind, explodieren die Preise für Oldtimer!“ [2].

Das von den staatlichen Zentralbanken (in denen Linke das Sagen haben) ausgelöste Spekulieren auf Pump wird von Europas wirtschaftsfernen Eliten missverständlich als „Reicher-werden der Reichen“ gedeutet. Denn die zinsgünstige Geldflut fließt eben in Dinge, die man auf Pump erwerben kann (wie Immobilien, Aktien oder Gold), und treibt dann deren Preise.

Im Endeffekt wird der Arbeiter im („eigenen“) Reihenhaus (durch den Anstieg der Immo-Preise) reicher – während der Banker im („gemieteten“) Penthaus „arm“ bleibt.

Ungleichheit durch Mieten

Und es ist ein rekordhaft hoher Mieteranteil (von fast 50%) hierzulande, der die Ungleichheit befördert. Kein Wunder, dass dieser Teil der Bürger nur zehn Prozent des Vermögens besitzt. Haushalte, die in den eigenen Vier Wänden wohnen, besitzen im Schnitt 265.000 Euro (davon macht der Hauptwohnsitz 200.000 Euro aus). Mieter-Haushalte haben hingegen nur 11.000. Macht einen Unterschied von 1:25!

Dabei geht es Mietern ja nicht schlechter. In jungen Jahren bleibt ihnen sogar mehr Geld für Konsum über als „Eigentümern“ – nur geht der „Mehr-Konsum“ in keine Vermögensstatistiken ein. Und am Papier hat man nun viele Menschen, die offiziell wenig besitzen – was propagandistisch ausgeschlachtet wird.

DIW: Schlampig gemessen

 „Die Superreichen in Deutschland verfügen (mit 9,3 Billionen Euro) über viel mehr Geld als bisher angenommen“, meldete die „Süddeutsche Zeitung“ aufgeregt. Sie beruft sich dabei auf eine Studie des ideologisch seelenverwandten DIWs – das den Auftrag von der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes („DGB“) bekommen hatte.

Entrüstet behauptet das „Dreigestirn der Fairness“, 0,1 Prozent kontrollierten zwischen 14 und 16  Prozent des Gesamtvermögens – um im Kleingedruckten zugeben zu müssen, es „aber nicht empirisch beweisen zu können“. Man habe aber bei Forbes geblättert und so seine Schlüsse gezogen [3]. Kein Scherz.

Ungleiche Vermögensverteilung natürlich

Dass Vermögen ungleich verteilt ist, ist so natürlich wie die Ungleichheit der Menschen selbst. Und je länger es Frieden gibt, desto stärker setzen sich die Talentierten und Ehrgeizigen durch – trotz Behinderung durch die staatliche Umverteilungsmaschine. Nicht zufälligerweise sind es Kriege, die am radikalsten gleichheitsfördernd wirken (weil von den Reichen, Besitzenden mehr kaputtgeht als von den Armen) – aber soll das eine Lösung sein?

Der „Marktwert“ eines hochtalentierten und ehrgeizigen Spitzenmediziners liegt bei Rückkehr von einer US-Uni bei mindestens 150.000 Euro brutto im Jahr. Damit lassen sich problemlos ein Haus und zwei Anlegerwohnungen anzahlen. Hält der Mann sein Tempo 20 Jahre lang durch, besitzt er mit Anfang 50 drei abbezahlte Immobilien im Wert von locker einer Million Euro und hat Unmengen von Steuern erwirtschaftet. Außerdem übertrifft er das österreichische Median-Haushaltsvermögen (von 76.400 Euro) um das 15-Fache und gehört zu den „obersten 0,1 Prozent“ [4].

Er hat deshalb aber niemandem etwas weggenommen. Und versteht jetzt nicht, warum er über hohe Vermögenssteuern nun „der Gesellschaft etwas zurückgeben soll“.

Reiche finanzieren Sozialsystem

Im Vergleich zu bösen Kriminellen oder glücklichen Weltenbummlern, die Zeit ihres Lebens nicht (oder wenig) gearbeitet haben, und nun nur über Hausrat von 1.000 Euro verfügen – besitzt der Mediziner sogar das Tausendfache. Und trotzdem ist es nicht ungerecht. Denn es waren sein Fleiß, seine Intelligenz und sein Beharrungsvermögen – die ihn so viele Steuermittel erwirtschaften ließen, dass es andere (Kriminelle oder Weltenbummler) nun ruhiger angehen können.

Denn das vom „Super-Reichen“ finanzierte Sozial-System steht „Super-Armen“ kostenlos zur Verfügung. Wenn sie nach glücklichen Jahrzehnten als Weltumsegler mit 65 im Heimathafen einlaufen, dann bekommen sie Hüftgelenk, Zähne, Medikamente und Mindestsicherung geschenkt – ohne je einen Penny einbezahlt zu haben. Und das, obwohl sie am Papier nun „super-arm“ sind.

Nur am Papier arm

Denn es sind die „am Papier Armen“, die zu den übergroßen Nutznießern des Wohlfahrtsstaates zählen. Beispiel Arbeitslosenversicherung: Die „Reichen“ zahlen 57% ein, nehmen aber nur zwei Prozent heraus. Das „ärmste Drittel“ zahlt 12% der Beiträge, bezieht aber 89% der Leistungen.

Beispiel Krankensystem: Da zahlt der Österreicher 7,65% vom Bruttolohn in die Krankenkasse ein, dazu 1,4 Prozent in die Unfallversicherung. Macht beim „Reichen“ 438 Euro  monatlich, bei der Halbtagskraft im Supermarkt aber nur 72 Euro  – ein Sechstel [5]. Beide erhalten aber die gleichen Leistungen [6].

Auch die Pensionsanwartschaften fallen bei offiziellen Vermögensberechnungen unter den Tisch! In Österreich liegt die Lebenssumme aller bezogenen Pensionen durchschnittlich bei 320.000 Euro netto. Niedrigverdienern (die wenig bis nichts eingezahlt haben) fließt 191.000 Euro zu, Reichen (mit Einzahlungen von bis zu 15.321 Euro  jährlich) „nur“ das Doppelte, 419.000 [7] [8].

Christian Keuschnigg, Chef des Wirtschaftsinstituts IHS: „Wenn man den Barwert  der Pensionsansprüche bei der Vermögensverteilung berücksichtigt, dann gibt es kein Land, in dem diese so ausgeglichen sind wie in Österreich.“

Sieht man also genau hin, dann gibt es weniger eine Ungleichverteilung beim Vermögen – als eine bei der politischen Vertretung heimischer Leistungsträger. Sie haben keine Lobby – finden sich bei jeder Steuererhöhungsrunde spendierfreudiger Sozialpolitiker aber ganz oben auf dem Radar.

Wird sich daran jemals etwas ändern?




[1] Die DDR war auch nicht besser, www.tagesspiegel.de, 25.10.2012

[2] „Wer soll das bezahlen?“, „Auto Bild“, 06.03.2015

[3] „Sehr viel reicher als gedacht“, www.sueddeutsche.de, 11.02.2015

[4] „Deutsche belegen beim Vermögen den letzten Platz“, „Die Welt“, 09.04.2013

[5] 22,8 Prozent der Höchstbeitragsgrundlage von 67.200 Euro

[6] „Wohlstand, Armut und Umverteilung in Österreich“, 3. Auflage, iv 2012, S. 45 ff

[7] Werden alle künftig zu erwartenden Pensionszahlungen mit einem bestimmten Zinssatz auf den Tag des Pensionsantrittes abgezinst (Barwert), erhält man ein Vermögen, das mit Bargeld oder dem Wert eines Hauses vergleichbar ist

[8] „Wohlstand, Armut und Umverteilung in Österreich“, iv, 5. Auflage, 2014, S. 10f

 




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