Donnerstag 20. Juni 2013, 06:25

Energie & Ressourcen

Ist der Energiefahrplan 2050 realisierbar?

Energiewende, erneuerbare Energie und Energieeffizienz: Diese Begriffe geistern seit geraumer Zeit durch die Idiomatik von Medien und Politik. Die gefährliche Kernspalterei wird ganz offiziell und von Amts wegen verteufelt, das Interesse an Nachhaltigkeit steigt. Doch wie soll die Energieversorgung der Zukunft aussehen? Wie sehen die Visionen aus Brüssel aus?

Ist der Energiefahrplan 2050 realisierbar?
Ist der Energiefahrplan 2050 realisierbar?
Bild: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt/pixelio.de
Gleich vorweg: Die vierte Revolution findet statt, ob wir wollen oder nicht. Nach Agrar-, Industrieller- und zuletzt Digitaler Revolution steht nunmehr das Thema Energie im Mittelpunkt der Ereignisse. Und das ist gut so, denn die fossilen Energieträger tendieren systembedingt dazu, in absehbarer Zeit zur Neige zu gehen. Die Kommission hat sich zu dieser Problematik ihre eigenen Gedanken gemacht und ist felsenfest davon überzeugt, dass ein sicherer, wettbewerbsfähiger und zugleich CO2-armer Energiesektor realisierbar ist. Und das wiederum verspricht maximale Nachhaltigkeit. Tatsache ist: Die Infrastruktur der Energiekonzepte von morgen wird heute geplant und erbaut. Die Entscheidungen darüber, wie es 2050 aussehen soll, haben ganz verbindlich spürbare Konsequenzen für die Zukunft des Blauen Planeten namens Erde.

Bis 2050: Emissionssenkung über 80 %

Diese Vorgaben sind knallhart. Doch um den CO2-Ausstoss um die erhofften 80 Prozent zu minimieren ist es erforderlich, die europäische Energieproduktion in den Nahbereich von Zero Emission zu bringen. Und das dürfte nicht ganz einfach werden, denn: Der Energiebedarf ist weltweit im Steigflug, die Massnahmen zur Energieeffizienz werden einseitig um nicht zu sagen halbherzig vorangetrieben, es hakt vielfach an den erforderlichen Strukturen und einer realisierbaren Finanzierbarkeit. Und dort, wo es wirklich voranginge, scheitert es an der Unwilligkeit der Politik: Investoren erwarten eine verbindliche Planungssicherheit.

Dekarbonisierung: Die ultimative Herausforderung

Kontinuierliche Energieversorgung bei maximaler Wettbewerbsfähigkeit: Die Rahmenbedingungen der angestrebten Dekarbonisierung sind ambitioniert. Geht es nach den Wünschen der Kommission, so sollen die Mitgliedstaaten die erforderlichen energiepolitischen Entscheidungen treffen und damit ein geeignetes Umfeld für die Umsetzung der Massnahmen schaffen. Bis 2030 soll in dem Bereich Investitionen für den Energiesektor Stabilität herrschen, denn nur so ist die Revolution am Energiesektor überhaupt realisierbar. Während vorerst gefeilscht und verhandelt wird, befürchten namhafte Experten, bei dem aktuellen Entwicklungstempo auf der Stelle zu treten, es fehlt an Innovation und Tatkraft.

Was kommt nach der Agenda 2020?

Seltene Einigkeit herrscht darüber, wie es nach 2020 weiter gehen soll: „Wir wissen es nicht“ tönt es unisono aus Kreisen der Experten. So viel Einigkeit kommt selten vor. Und genau dieses hilflose Zaudern verursacht weitläufige Unsicherheit bei Investoren, Regierungen und auch bei den Bürgern. Es fehlt an Strategien, Investitionen werden auf einen späteren Zeitpunkt  verschoben – es kommt zu Mehrkosten. Der Investitionszyklus ist ebenfalls eine Überlegung wert: Die vor 30-40 Jahren gebaute Infrastruktur muss ersetzt werden, die Vorlaufzeit von Planung und Genehmigung bis hin zur Inbetriebnahme der Anlagen ist enorm zeitaufwendig, zugleich sollen „Lock-inEffekte“ vermieden werden. Das Kernproblem liegt schlicht und einfach darin, dass langfristige Zukunftsprognosen nahezu unmöglich sind. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat mittlerweile ebenfalls auf den enormen Handlungsbedarf hingewiesen.

Unterschiedliche Wege zur Dekarbonisierung

Verschiedene Szenarien des Energiefahrplans der EU beleuchten die unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Energiesysteme. Generell ist festzustellen, dass bei den CO2-Preisen und den erforderlichen Technologien und Netzen Änderungen und Weiterentwicklungen erwartet werden. Bedingt durch den langen Zeithorizont sind viele unbekannte Kriterien mit im Spiel, die wiederum ganz zwangsläufig zu weiteren Unabwägbarkeiten führen. Ist Peak-Oil bereits erreicht? Wie sieht es mit Schiefergas aus? Ab wann ist die CCS-Technik kommerziell einsetzbar? Was ist mit dem Atomausstieg? Wie entwickelt sich der globale Klimaschutz weiter? Fragen über Fragen und rein  hypothetische Antworten. Nur eines steht bereits jetzt fest: Sowohl gesellschaftliche als auch technologische und verhaltensorientierte Modifikationen haben erhebliche Auswirkungen auf unser Energiesystem. Es wird zwangsläufig zu einem gänzlich neuen Energiemix kommen, in sämtlichen Szenarien sind bereits jetzt „No-Regret“-Optionen erkennbar.

Energieeffizienz und erneuerbare Energie dominieren

Aus technischer wie aus finanzieller Sicht scheint eine Dekarbonisierung der Energiesysteme realisierbar. Strom kommt in Zukunft ein wesentlich höherer Stellenwert zu, wie auch überhaupt erneuerbare Energien konsequent forciert werden müssen. Ein gut vernetzter Binnenmarkt ist unabdingbar. Schwachstellen liegen im Bereich der Energieeffizienz, hier gibt es mächtig was zu tun. Die Roadmap setzt diesbezüglich auf konsequente politische Verpflichtungen, um die Vorgaben zu erreichen. Mindestanforderungen bei Geräten sowie hohe Sanierungsraten bei Gebäuden in Verbindung mit verpflichtenden Einsparungen bei Anbietern sollen zu einer drastischen Senkung des Energiebedarfs führen. Die Vorgaben sehen gegenüber 2005/2006 Einsparungen von über 40 Prozent im Jahr 2050 vor.

Energiequellen in Konkurrenz

Brüssel spricht von diversifizierten Versorgungstechnologien. Das bedeutet langfristig harten Wettbewerb ohne spezielle Fördermassnahmen. Festgelegte Preise für CO2-Emissionen sollen steuernd wirken, doch wie das in der Praxis funktionieren soll, weiß vorerst niemand. Auch die Vorstellung, auf die Akzeptanz von Kernenergie und CCS (Carbon Capture and Storage) zu setzen, scheint reichlich unausgegoren, denn manche Katastrophenszenarien werden so schnell nicht vergessen. Ein Szenario beispielsweise geht von einer verzögerten CCS-Technologie aus, was wiederum erneut der Kernkraft entgegen kommt. In diesem Fall könnte die Dekarbonisierung einmal mehr über CO2-Preise anstatt über die erhofften technischen Innovationen erfolgen. Doch das wiederum setzt ein tragfähiges Konzept im Bereich der CO2-Emissionen voraus. Wo bleibt der Fortschritt?

Frühzeitig investieren spart Geld

Schnelles, gezieltes Agieren bietet uns jetzt die Gelegenheit, erneuerbare Energien in den Markt zu integrieren. Die europäische Energiewende verlangt moderne Lösungen, um in naher und ferner Zukunft eine zuverlässige und zugleich auch leistbare Energieversorgung zu haben. Die gesamteuropäische Lösung führt dabei gerade im Vergleich zu nationalen Energielösungen zu messbaren Kostenvorteilen, dennoch wird ein übrigens ziemlich verbindlicher Anstieg der Strompreise bis 2030 kaum zu verhindern sein. Erneut werden Privathaushalte in die Pflicht genommen.

 

 


 




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