Irrtum: Real- statt Finanzwirtschaft
Schon in den 1920er Jahren unterteilte man den Kapitalismus in zwei Arten. In den schaffenden, also den moralisch gerade noch akzeptablen, und in den raffenden, im Volksmund als saugenden oder schmarotzenden Kapitalismus angesehen. Für Marxisten sind Händler und Bankiers traditionell gleichsam nutzlose Schmarotzer am Wirtschaftskreislauf. So, als ob nur der Bergarbeiter mit seiner sehnigen Hand Produkte schaffen würde.

Bild: Stadtarchiv St. Pölten
Industrie- und Finanzkonzerne: Wohlstand und Demokratie
Wollte man auf diese kapitallose Weise heute Autos produzieren, wären das alles Einzelanfertigungen, von unzähligen Handwerkern in Kleinarbeit zusammengenietet, geschweißt und gesteckt. Henry Fords erzkapitalistischer Konzern zahlte die höchsten Löhne in Amerika, für 3 Gehälter konnten seine Arbeiter sich ein „Model T“ für 300 Dollar leisten. Bei Mercedes wurden derweil in den 1920ern die Autos noch in Handarbeit gefertigt. Die Handwerker konnten von ihrer unproduktiven Arbeit kaum überleben, an Mercedes für 25.000 Reichsmark blieb ein Traum.
Handwerksgesellschaften sind arm, undemokratisch und aggressiv. In einer industrialisierten Welt können wir heute Großmaschinen, Roboter und industrielle Fertigungstechniken mitsamt den dazu passenden Experten einsetzen. Nur kosten dies unvorstellbare Summen Geld. Um nur einen neuen Autotyp zu entwickeln, benötigt man bis zu 500 Millionen Euro. Und das auf viele Zeitpunkte verteilt und in unterschiedlichster Form.
Das kann die Volksbankfiliale Wolfsburg-Fallersleben nicht mehr stemmen. Dazu braucht es moderne Finanzstrukturen mit Experten und innovativen Produkten. Dank moderner Finanzwirtschaft kann sich heute jeder ein industriell hergestelltes Auto leisten, für 20.000 – von einem Konzern. Und nicht um 500.000 – von einer Manufaktur. Auch das ist Demokratie.
Investment-Banker für die Energiewende?
Goldman Sachs ist eine der erfolgreichsten Investmentbanken dieser Welt. Ihre Aufgabe ist es, Geld für ihre Kunden aufzutreiben. Das kann jetzt für junge Firmen sein, die erstmals an die Börse gehen, oder für Konzerne oder ganze Länder, die über den Verkauf von Anleihen Geld für ihre Wohlfahrtsstaaten sammeln.
„Die Königin“ der Investmentbanken
Wenn Goldman Sachs einen Börsengang betreut, profitieren Konzerne und Anleger (Die Presse, 16.7.2010)
Und da ist man bei „Goldman“ an der richtigen Adresse. Die Jungen Aktien, die das 143 Jahre alte Traditionsunternehmen betreut, werden bei ihrem Börsengang traditionell zum höchsten Emissionspreis verkauft. Die Konzerne oder Staaten, die sich über Goldman Sachs am Anleihemarkt verschulden, können die höchsten Anleihekurse von den Käufern erzielen. Als „Königin unter den Investmentbanken“ bezeichnet Tim Loughran von der Universität Notre Dame in Indiana das angesehene Institut.
Die junge Firma Tesla aus Kalifornien, die das erste Serien-Elektroauto produziert, wollte expandieren und deshalb junge Aktien verkaufen. 13,3 Millionen Anteilsscheine wollte man verkaufen. 15 Dollar könne man pro Aktie bekommen, schätzte die Szene. Goldman Sachs übernahm den Börsengang und zog den jungen Aktionären 17 Dollar aus der Tasche. Das spülte 226 Millionen in die klammen Kassen, dank einer guten Investmentbank um 26,6 Millionen Dollar mehr als erwartet. Dabei war die Vermarktung der Tesla-Aktien alles andere als leicht. Bei 20 Millionen Umsatz machte man 30 Millionen Miese. Auch für die Aktionäre hat sich das Risiko ausgezahlt. Die Tesla-Aktie konnte schon am Emissionstag zulegen. Und Tesla hat jetzt 226 Millionen Eigenkapital in ihren Kassen. Damit sind sie jetzt kreditwürdig und können 500 Millionen Dollar Kredite bei Banken loseisen. Und Hunderte neuer Jobs entstehen.
Was tut Goldman Sachs für Griechenland?
Stellen Sie sich vor, in einem Land wie Griechenland oder Österreich hat die führende Partei vor der Wahl ihren Menschen eine 13. Kinderbeihilfe oder eine faire (also hohe) Pensionserhöhung versprochen. Nun hat sie die Wahl gewonnen und muss ihre Versprechen einlösen. Man nimmt neue Schulden auf und dies tut man durch die Begebung einer Anleihe. Die Vermarktung der Anleihe wird von einer Investmentbank übernommen. 1 Milliarde braucht man und man schätzt, den Anleihekäufern 5 Prozent Zinsen jährlich zahlen zu müssen.
Gute Investmentbanken kennen aber Gott und die Welt und so überzeugen sie potentielle Investoren (wie vielleicht die Allianz-Lebensversicherung), welch guter Schuldner ihr Auftraggeber Griechenland denn wäre. Können sie die Geldgeber entsprechend überzeugen, sind die auch schon mit 4,5% zufrieden. Griechenland spart sich somit jedes Jahr 0,5% von einer Milliarde. Das sind immerhin 5 Millionen jährlich. Läuft die Anleihe über 10 Jahre, hat Griechenland dank Goldman Sachs 50 Millionen gespart, die nun für höhere Pensionen (auf Pump) zur Verfügung stehen.
Staats- statt Bankenschuld
Wie seit 1934 üblich, wandeln staatliche US-Bausparkassen wie Fanny Mae Hypothekarkredite in Wertpapiere um, die dann als Anlageform („Mortgage Backed Securities“, MBS) an Investoren weiterverkauft werden. Dass man dies auch dann noch tat, als man sah, wie schlecht die Bonität vieler Kreditnehmer wurde, war ja nur, weil der US-Staat für sie bürgte. Die Subprime-Kredite, auf denen MBS gründeten, wären in jedem Fall uneinbringlich geworden wären. Ohne das Weiterverkaufen wären sie eben bei Fanny Mae geblieben und nicht in die Hände europäischer Staats- und Landesbanken gekommen. Es ändert auch nichts an der Tatsache, dass 99 Prozent aller Banker einen guten Job machen und gute Produkte erzeugen. Nur sind es eben Güter, die man weder sehen noch angreifen kann. Wahrscheinlich ist dies das eigentliche Problem.
Gern verweisen Globalisierungsängstiger auf die Tatsache, dass das Volumen gehandelter Finanzvolumina heute ein Vielfaches des von Gütern ausmacht, und geben dafür dem „ungezügelten Allmachtstreben eines internationalen Finanzkapitals“ die Schuld. Das klingt verschwörerisch und für eine wirtschaftlich ungebildete Mehrheit logisch, doch trübt es den Blick auf`s Wahre.
Erstens sind die Finanzströme nur dann so bedrohlich groß, wenn man das bewegte Volumen wertet. Kauft jemand eine Option um € 0,50 auf die Allianz zum Ausübungspreis von € 100 und verkauft diese dann um € 0,60, dann zählen „Bedrohungsexperten“ die € 100 zum „bewegten Finanzkapital“ – und nicht die € 0,60. Oder gar die € 0,10 Gewinn. Das wäre ja auch nur ein Tausendstel.
Und zweitens wurde das Finanzkapital ausschließlich in staatlichen Notenpressen gedruckt. In Europa waren es (frei nach Hayek) die „Sozialisten aller Parteien“, die ihre Wahlsiege seit 40 Jahren mit gepumptem Geld erkaufen. Dass einmal aufgenommene Schulden aber niemals wieder getilgt werden, ist nur einer Minderheit bewusst. In Amerika hatte man den „Wirtschaftsboom auf Pump“ privatisiert, indem man es dem breiten Volk erlaubte, sich selber billig zu verschulden.
In beiden Systemen druckte man dazu abnorme Summen frischen Geldes. In beiden Systemen konnten die Menschen besser leben, als es ihre persönlichen Verhältnisse eigentlich erlaubt hätten. Und in beiden Systemen blähte das Finanzsektoren auf.
Die Lösung: „Zinsen rauf“
„Zinsen runter“ hatte Christian Felber von Attac dereinst gefordert – damit Staaten leichter Sozialleistungen auf Pump finanzieren könnten. Unglücklicherweise führte dies zur Eurokrise. Die einzige Lösung muss also heißen: „Zinsen rauf!“, um dem Markt die Überliquidität entziehen, die ihm die Politik über 40 Jahre hindurch künstlich zugeführt hatte.
Der Preis: Der soziale Frieden würde auf die Probe gestellt werden, da sich der Lebensstandard einer Mehrheit „kleiner Wähler“ nicht mehr so beliebig knapp vor Wahlen erhöhen ließe. Dabei würde eine Wirtschaft immer noch wachsen, aber eben nicht mehr so schnell, wie bisher gewohnt.


















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