Freitag 24. Mai 2013, 04:52

Kommentare


Hat Europa an Ostafrikas Hungerkrise Schuld?

Interessanterweise war Äthiopien gar nie Kolonie. Auch Somalia stand nur kurz unter europäischer Fremdherrschaft. Während dieser schufen die Italiener übrigens den arabischen Sklavenhandel am Horn von Afrika ab. Und es waren Briten, die 1943 die erste demokratische Partei in der Geschichte Somalias gründeten, die Somali Youth League. Freilich nicht ohne Eigennutz: das Land war in zahlreiche muslimische Clans zersplittert und hoffnungslos zerstritten. Ein Parteiensystem sollte das Land zu einem modernen Nationalstaat einen – und damit regierbar machen.

Getreidespekulationen auf dem Rücken der Ärmsten?

Somalia 2011
Somalia 2011
Bild: CC-BY 3.0
„Internationale Spekulanten“ hätten ostafrikanische Getreidepreise in die Höhe getrieben und sich damit an den Ärmsten der Armen bereichert. Dabei ist Somalia heute, wie viele Jahrhunderte zuvor, ein vom Ausland komplett abgeschottetes Land. Märkte gibt es nur im Sinne dörflicher Bauernmärkte. Deren Preisfindung hat nur wenige Kilometer weiter an der nächsten Clan-Grenze aber schon keine Bedeutung mehr. Im Gegenteil: die Versorgung über globale Märkte wäre die Lösung für das von Dürre und Bürgerkrieg geplagte Land. Die großzügigen Spenden aus dem Westen stapeln sich mittlerweile an der Grenze zu Somali, weil seine kriegsführenden Fürsten den Import in ihr Land mit Waffengewalt verhindern.

Spekulanten: Sündenböcke seit dem Mittelalter

Für viele Europäer sind Spekulanten seit jeher das in Reinform gegossene Böse. Warenpreise oder Inflation sind für sie nicht das Produkt ungleicher Marktkräfte, sondern das der kriminellen Energie einzelner unmoralischer Individuen, die sich auf Kosten „kleiner Leute“ bereichern. Für Kommunisten wie Jean Ziegler sind Spekulanten gar Verbrecher wie die Nazis. Die Arbeiterkammer behauptete (26.2.11), nicht Ernteausfälle oder Unruhen würden Preise steigen lassen, sondern Spekulanten.

Tatsächlich diktiert seit Menschengedenken der Stärkere den Preis. Einmal ist dies der Produzent, dann wieder der Konsument. Wer die Stärke seiner neuen Position einmal erkannt hat, versucht vom Gegenüber mehr zu kriegen. Natürlich ist das nicht besonders nett. Aber ist es netter, wenn ein Arbeitnehmer plötzlich mehr Geld verlangt, weil seiner Firma ein neuer Auftrag winkt und Fachpersonal gerade schwer zu kriegen ist? Oder wenn ein Autokäufer drei Händler gegenseitig ausspielt?

Südtiroler Handwerker haben ihre Stundenlöhne in lichte Höhen getrieben. 50 Euro in der Stunde sind keine Seltenheit mehr, man will vom Bauboom profitieren. Drüber der Grenze macht man es um ein Viertel weniger.

Arbeitnehmer, Konsumenten, Bauern, Amerikaner, Spaghetti-Esser: Alle spekulieren sie

Jeder Liter Öl, das man aus Arabiens Erde bohrt, jeden Kilo Kakao, den man in Ghana pflanzt, jeden Kilo Weizen, den man in Kansas erntet - aber auch jede Arbeitsstunde, die ein Schweißer leistet, kann immer nur EINMAL verkauft werden. Und das will man zum bestmöglichen Preis tun. Schließich will man ja gut leben. Jemand der sich fortbildet, erhöht seinen „Marktwert“, weil es auf diesem neuen Gebiet nun weniger Anbieter gibt und er nun am längeren Ast sitzt. Er wird zum Spekulanten.

Die Globalisierung ist gerade dabei, weite Teile der ehemals sozialistischen Welt wohlhabend zu machen und so kommen Chinesen, Inder und Vietnamesen neuerdings auf den Geschmack von Weizen, Kaffee, Schokolade und vor allem Fleisch. Da liegt auch das Problem: Zur Erzeugung von 1 kg Rindfleisch benötigt man 15 kg Weizen, für 1 kg Geflügel immerhin noch 7. Außerdem geht mittlerweile ein Viertel der US-Maisernte in die Produktion von Biosprit. Somit verringert sich das weltweite Angebot an Getreide permanent, während gleichzeitig die Nachfrage steigt.

In einer solchen Situation haben Erzeuger nun mehr Macht als Konsumenten und so können sie höhere Preise durchsetzen. Gut für Produzenten, schlecht für Konsumenten. Und noch schlechter für den Weizeneinkäufer einer italienischen Spaghetti-Fabrik. Er ist bereit, für knappen Weizen beinahe jeden Preis zu bezahlen, damit er die Nudelfabriken in den nächsten Monaten auslasten kann. Das ist nun einmal sein Job. Damit treibt er aber die Preisespirale an – als Spekulant. Er hat die Verknappung aber nicht ausgelöst, er versucht nur mit ihr zu leben.

Wer durch Amerikas Mittleren Westen fährt, dem fallen die Getreidesilos US-amerikanischer Riesenfarmen auf. In 10.000enden von ihnen haben ihre Eigentümer die Getreideernte eingelagert. Verbrennt einmal Russlands Getreideernte oder ertrinkt Australiens Osten in einer Flut, dann sind Amerikas Farmer nun aber nicht mehr bereit, zum alten (billigen) Preis zu verkaufen und halten ihre Ware zurück. Sie wissen, die Käufer werden sich nun um ihre Ware reißen.

Natürlich sind US-Bauern damit Spekulanten. Doch sind auch die Konsumenten Spekulanten, wenn sie durch ihre Sparsamkeit die Weizeneinkäufer ihrer Handelsketten zwingen, bei einem Überangebot die missliche Lage der Bauern auszunutzen. Im „Auftrag“ seiner sparsamen Konsumenten wartet der Einkäufer nun mit dem Kauf zu – es gibt ja viele andere Bauern, die ihre vollen Speicher leeren müssen. Jede Handlung eines Menschen – sei sie privat oder geschäftlich bedingt – hat streng genommen mit Spekulation zu tun.

Es haben nur 95% Städtern, die über steigende Preise jammern ein größeres gesellschaftliches – und mediales – Gewicht als die 5% Bauern, die über sinkende Preise klagen.

 

Sündenböcke seit dem Mittelalter: Spekulanten

 

Globalisierungsängstiger behaupten gerne, nur Spekulanten würden von steigenden Preisen profitieren, der Bauer sähe nichts davon. Klingt einfach, ist aber falsch. Wenn der Milch-Spotpreise an Neuseelands Börse steigt, dann zieht mit etwas Zeitverzögerung auch das Milchgeld an – sowohl für den Bergbauern in Tirol als auch den Großbetrieb in NRW. Steigen die Weizenpreise an der Chicagoer Terminbörse, lässt das Europas Bauern jubeln, denn der Wert ihres Feldes steigt im selben Ausmaß. Die Grafik zeigt ganz klar: zuerst steigt der Weltmarktpreis, und kurz darauf profitieren alle Bauern durch ein gestiegenes Milchgeld.

Vielleicht haben ein paar Fondmanager dabei auch ein paar Dollar verdient, aber sie haben damit die Preise für alle Bauern auf der Welt getrieben.

Wenn der Hedge-Fond X den Milchpreis um 9:00 Uhr von 30,10 Dollar auf 30,20 getrieben hat, dann kann die Milchgenossenschaft Y nur 1 Minute später vielleicht die Bauernmilch auch schon zum höheren Preis verkaufen. Spekulation kann einen Preistrend immer nur beschleunigt. Die Preise wären auch so gestiegen oder gefallen, nur eben langsamer.

Gleich vier (!) Studien (Europäische Kommission, IWF, OECD und deutsche Welthungerhilfe) kamen übrigens zu einem Schluss: Die Rohstoff-Hausse 2008 war dem Rohstoffhunger Asiens und den ersten Bio-Spritprogramme geschuldet. Nur 15% waren Spekulation.

Europas Bildungssystem hat versagt

Wer es nicht einmal im Betriebswirtschafts-Unterricht gehört hat, der glaubt, dass Preise immer nur im selben Ausmaß steigen, als die Nachfrage sinkt. Demnach hätten durch den Ausfall des lybischen Erdöls (2% der Weltproduktion) die Preise eben nur um 2% steigen dürfen. Weil sich die Preise aber verdoppelt hatten, vermutete man dahinter das Werk von Spekulanten.

Tatsächlich haben sich die Öl-Einkäufer der großen europäischen Raffinerien aber in die Höhe gesteigert. Sie wussten, die finanzschwächsten (2%) Raffinerien würden leer ausgehen und müssten die Benzinproduktion sogar stoppen. Über die Petro-Milliarden freuten sich auch nicht private Spekulanten, sondern staatliche: Finanzminister aus Ländern wie Saudi Arabien, Norwegen oder (dem sozialistischen) Venezuela.

Europas Jugend verlässt unser Bildungssystem heute nahezu ohne (betriebswirtschaftliche) Kenntnisse. In eine Welt voller Wirtschaft. Wer aber nicht versteht, wie Märkte - also wir Menschen - ticken, der vermutet hinter Preisveränderungen erst einmal was Böses. Im besten Fall noch das „unbekannte Wesen Wirtschaft“. Im schlechtesten Fall die Verschwörung des Kapitals, der Konzerne und der Spekulanten.


 




Kommentar hinzufügen