Samstag 25. Mai 2013, 17:47

Telekommunikation & Verkehr


Grüne: EU-Kommission für "Verkehrswende mit angezogener Handbremse"

Anstatt die Notwendigkeit eines sofortigen Umlenkens anzuerkennen, wird dem Klassenletzten beim Klimaschutz - der mittlerweile 30% aller CO²-Emissionen verursacht - weiterhin eine Vorzugsbehandlung durch Wettbewerbsverzerrungen und laschere CO²-Ziele zugestanden. Und eine Vermeidung von überflüssiger Mobilität ist in den Augen der Kommission gar grundsätzlich 'keine Option'.

Gabriela Moser, Verkehrssprecherin der Grünen
Gabriela Moser, Verkehrssprecherin der Grünen
Bild: Grüne.at
Vielmehr sollen künftige Generationen und das Klima für den Verkehrsrausch zahlen, denn echte Anstrengungen, die u.a. für die rasche Reduktion der l-Abhängigkeit im Verkehr nötig waren, werden auf die Zeit nach 2030 verschoben, dann aber umso schärfer in liebgewonnene Gewohnheiten eingreifen müssen. So begnügt sich die Kommission bis 2030 mit Mini-Reduktionsschritten von jährlich 1%, um bis dahin lediglich 20% Treibhausgase gegenüber 2008 einzusparen. Dies läge noch immer 8% über dem Niveau von 1990. Auf diese Weise würde der Verkehrssektor für seine Versäumnisse der letzten Jahrzehnte auch noch mit weiterer Vorzugsbehandlung belohnt! Ab 2030 sollen plötzlich wundersame Riesenschritte folgen, um bis 2050 eine Minderung um mindestens 60% gegenüber 1990 zu erreichen. Doch selbst wenn dies gelänge, wären diese Anstrengungen nicht dem selbst gesteckten EU-Ziel einer gesamtwirtschaftlichen CO²-Minderung von 80-95% bis 2050 vereinbar.

Sammelsurium von Einzelmaßnahmen

Für das gesamte gerade erst angelaufene Jahrzehnt begnügt sich die Kommission mit einem Sammelsurium von ohnehin bereits angestoßenen Einzelmaßnahmen und will im wesentlich ohne neue Maßnahmen auskommen - das ist hochgradig unseriös. Faire Besteuerung und das überfällige Ende der Subventionierung von Klimakillern a la Luftverkehr will die Kommission lediglich 'prüfen', für die Anrechnung externer Kosten soll ein Leitfaden (!) genügen und das immer dringendere Problem des Bahnlärms soll erst bis Ende des Jahrzehnts gemeinsam angegangen werden.

Positiv zu nennen ist das Ziel, konventionelle Autos bis 2030 zur Hälfte und bis 2050 ganz aus den Städten zu verbannen; allerdings ist die schon für das 2030-50%-Ziel unabdingbare intensive "Dekarbonisierungs-Strategie" im Verkehrssektor weit und breit nicht in Sicht. Mit auf Zuruf der Autolobby total laxen CO²-Minderungszielen für den Kfz-Sektor wie bisher wird der Pfad zu diesem Ziel meilenweit verfehlt werden. Die regierende Politik im allgemeinen und die EU-Entscheider im besonderen versagen hier unseres Erachtens kläglich bei der großen Aufgabe, den Übergang vom fossilen ins postfossile Verkehrszeitalter rechtzeitig und damit sozial verträglich zu organisieren. Die EU-Institutionen könnten in den nächsten Monaten beweisen, dass es ihnen ernst ist, indem sie beispielsweise für eine strenge Neufassung der Typgenehmigungs-Vorschriften für Einspurige Kfz sorgen, sodass Zweitakt-Stinker-Mopeds aus dem Verkehr gezogen werden und bis 50 oder gleich 125 Kubik Elektroantrieb mittelfristig verpflichtend wird. Das wären die Maßnahmen, die unsere Städte lebenswerter machen!

Positiv ist schließlich auch, dass die EU-Förderung längerfristig endlich offiziell auf 'grüne Infrastruktur', statt auf teure und langwierige Megaprojekte mit oft sehr fraglichem Nutzen konzentriert werden soll.

Verkehrspolitik nachschärfen

Unter dem Strich steht fest: Soll der Verkehrssektor nicht weiter Klassenletzter in Sachen Klimaschutz bleiben und soll der Übergang zu einer Mobilität mit Zukunft in Europa ohne grobe, vor allem sozial schmerzhafte Verwerfungen abgehen, muss das Weißbuch und die EU-Verkehrspolitik deutlich nachgeschärft werden. Die Grünen fordern die Kommission im Interesse der Bürger und des Klimas deshalb dringend auf, mehr Rückgrat zu beweisen. Die ambitionierten Langfristziele werden unerreichbar bleiben, wenn zuvor zehn oder zwanzig weitere Jahre weitergewurschtelt wird wie bisher!

Ein großes Problem haben wir mit dem EU-Weißbuch, was den alpenquerenden Güterverkehr betrifft. Die Passage auf Seite 10 lautet: "Optimierung der Leistung multimodaler Logistikketten, unter anderem durch stärkere Nutzung energieeffizienter Verkehrsträger - (3) 30% des Straßengüterverkehrs über 300 km sollten bis 2030 auf andere Verkehrsträger wie Eisenbahn- oder Schiffsverkehr verlagert werden..."

Das ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt!

Im letzten Weißbuch aus dem Jahr 2001 hieß es noch: "Deshalb muss alles daran gesetzt werden, diese Länder davon zu überzeugen, den Anteil der Eisenbahn am Güterverkehr auf einem hohen Niveau zu halten, wobei die Zielmarke auf 35% bis zum Jahr 2010 gesetzt wird."

Wir haben derzeit schon (noch?) Schienenanteile von über 30%! Das Ziel für 2030 ist beim alpenquerenden Güterverkehr in Österreich also heute schon erreicht bzw. sogar übertroffen! Rückzugsgefecht statt Offensive kann es aber speziell im ökologisch sensiblen Alpenraum sicher nicht sein!

Alpenquerender Güterverkehr

ÖBB Güterzug
ÖBB Güterzug
Bild: Marion Schneider & Christoph Aistleitner
In dieser Tonart geht es weiter: Im Arbeits-Dokument der Kommission ist der alpenquerende Güterverkehr nur ganz kurz erwähnt, früher war das umfassender. Da wird davon gesprochen, dass es "Diskussionen über ein Verkehrsmanagementsystem für den schweren Güterverkehr in der Schweiz und einigen Mitgliedsstaaten" gäbe - da waren wir schon viel weiter: Der Aktionsplan Brenner 2009 sieht als eine Maßnahme konkret die Alpentransitbörse vor. Jetzt wird daraus plötzlich nur noch eine "Diskussion". Dieser Aktionsplan sollte für Österreich die politische Zustimmung zum Bau und zur Finanzierung des BBT erleichtern.

Im selben Dokument versteckt sich noch eine große Hinterhältigkeit: Es wird davon gesprochen, dass man mit der aerodynamischen Gestaltung der Lkw Spritverbrauch senken sollte. Hinter aerodynamischer Gestaltung versteckt sich aber das Ziel, Lkw höher und breiter (und schwerer) machen zu dürfen. Das würde bedeuten, dass die Waggons im Wagenladungsverkehr und bei der Rollenden Landstraße für diese neuen Lkw nicht mehr passen. Güterverkehr wandert damit von der Schiene auf die Straße zurück - ein ganz gefährliches Kuckucksei, das konträr zur offiziellen österreichischen Verkehrspolitik steht!

Gemeinsame Offensive aller verkehrspolitischen Kräfte

Und zu schlechter Letzt: Obwohl in einer Studie im Auftrag der Kommission (Longer and heavier vehicles for freight transport - Panayotis Christidis/Guillaume Leduc) steht, dass der Einsatz von Gigalinern massiv nachteilige Auswirkungen für den Bahnverkehr hätte, vor allem bei Langstreckenfahrten mit Verlagerung zu 56 bis 100% (!!) auf die Straße, will die Kommission an diesem Konzept festhalten.

Es wird eine gemeinsame Offensive aller zukunftsgerichteten verkehrspolitischen Kräfte brauchen, damit im EU-Verkehrsgeschehen im allgemeinen und im alpenquerenden Gütertransit im Besonderen Rückschritte gestoppt und in eine Vorwärtsstrategie gedreht werden. Auf die entsprechenden Beiträge oder gar Initiativen von BM Bures ist man bei den Grünen gespannt.

Mag. Dr. Gabriele Moser, Abgeordnete zum Nationalrat und Verkehrssprecherin der Grünen

Mehr zu dem Thema auf EU-Infothek.com:

EU-Verkehrsfahrplan 2050: Mobilitätssteigerung und Emissionsminderung

 


 




Kommentar hinzufügen