Griechenland: Ein Staat ohne Boden
Der Fasching ist zwar vorbei, doch die Posse um das griechische Schulden-Schlamassel ist prolongiert. Die hinlänglich bekannten Sager, die führende EU-Politiker seit Monaten runterleiern, werden noch lange zu hören sein: „Wir werden retten...“, „Wir retten...“, „Wir haben gerettet...“, „Wir müssen weiter retten...“ - im Fall Griechenland wird nach jeder EU-Operation vor der nächsten EU-Operation sein.

Bild: eu-infothek
Die aufgebrachten Demonstranten, die ihrem Frust in Athens Straßen immer wieder Luft machen, werden auch nach der Geldspritze, die in den kommenden Jahren bei Einhaltung strenger Auflagen zitzerlweise ausbezahlt wird, gegen ihre Regierung protestieren und zugleich ihren Unmut gegen die strengen Helfer in und um Brüssel artikulieren. Sie werden die drastischen Sparmaßnahmen, die ihnen laufend von oben verpasst werden, weiterhin bekämpfen, weil sie einfach nicht verstehen können, dass ihr Heimatland weitgehend aus eigener Schuld zu einem Fass ohne Boden wurde. Immerhin hat der südeuropäische Inselstaat einen Schuldenberg in Höhe von 350 Milliarden Euro angehäuft - und muss folglich notgedrungen, um noch einmal halbwegs heil über die Runden zu kommen, so beinhart sparen, dass es quietscht. Die dramatische Krise hat den Griechen jedenfalls den Boden unter den Füssen weggerissen. Künftig müssen sie daher fast ausnahmslos den Gürtel so eng schnallen, bis das entsetzlich schmerzt.
Der allgemeine Zorn, dass wie üblich zumeist die Schwachen die Zeche zahlen müssen, vermengt sich mit dem Hass auf die vermeintlich Starken, die sich‘s bisher richten konnten und - zumindest in den Augen vieler BürgerInnen - das Dilemma zu verantworten hätten. Jetzt stehen die Politiker, die Milliardäre, die Banker, die Steuerhinterzieher und die Spekulanten am Pranger, die Griechenland in ein wirtschaftlich-soziales Chaos bugsiert haben - gigantische Schulden, die hartnäckige Rezession, eine extreme Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeiten, wenig Chancen für die Jugend und dann noch die unvermeidlichen Kürzungen und Sparmaßnahmen, die nicht nur Rentner, Staatsbedienstete oder das Gesundheitswesen treffen. Leider fehlt dem Volk die Einsicht, dass es das Land aus eigener Kraft nicht mehr schaffen kann und im Alleingang dem Untergang geweiht wäre. Genau deshalb müsste es irgendwann begreifen, dass etwa die heftig abgelehnten Auflagen der Troika nicht ungerecht sind, die budgetäre Souveränität ein frommer Wunschtraum bleiben muss und das Treuhandkonto eine durchaus logische Kontrollmaßnahme darstellt.
Rettung mit vielen Fragezeichen
Die zunehmende Radikalisierung der Proteste ist nur eine von vielen großen Unbekannten, die den Erfolg der monströsen Rettungsaktion in Frage stellen: Die nächste griechische Regierung wird sich nämlich nach den Wahlen im April immens schwer tun, dem Volk die dringend erforderliche nächste Spar-Therapie zu verschreiben. Ob die vereinbarten Hausaufgaben erledigt werden können, etwa via Privatisierung von Staatsbetrieben bis Ende 2015 gut 15 Milliarden Euro zu erlösen oder aber bis dahin 150.000 Staatsdiener des überdimensionierten, als ineffizient geltenden Beamten-Apparats abzubauen und obendrein weitere Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst durchzuboxen, das alles ist überaus fraglich. Und ob der weit verbreitete Hang zur Korruption, der beliebte Volkssport Steuerhinterziehung oder die blühende Schatten-Wirtschaft wirksam zu bekämpfen sein wird, ebenfalls. Das künftige Schicksal Griechenlands, das bislang bereits durch die Euro-Zone und den Internationalen Währungsfonds cash mit mehr als 70 Milliarden Euro Krediten unterstützt wurde, ist also von mehreren Fragezeichen überschattet. Dazu kommt, dass die - noch dazu freiwillige - Beteiligung privater Gläubiger wie Banken, Versicherungen und Fonds an einem umfassenden Schuldenschnitt im geforderten Ausmaß beileibe nicht ausgemachte Sache ist.
Das Haushalts- und Schuldendebakel, das seit zwei Jahren den EU-Partnerländern nicht nur eine beträchtliche Solidarität abverlangt, ist der bislang schlimmste Überlebenskampf eines Landes, das in seiner Geschichte schon mehrmals einschlägige Erfahrungen hatte sammeln können. Bereits im Jahr 1858 hat der französische Schriftsteller Edmond About geätzt: „Griechenland ist das einzige bekannte Beispiel eines Landes, das seit dem Tag seiner Geburt im totalen Bankrott lebt“. Die Serie an finanziellen Katastrophen zog sich von 1833, als der damals vom Bürgerkrieg ausgezehrte Staat für eine Anleihe nicht mehr die Zinsen zahlen konnte, über das Jahr 1893, als der damalige Ministerpräsident den Staatsbankrott ausrief, bis 1932, als nach den Parlamentswahlen eine Pleite des Landes erneut nur hauchdünn abgewendet werden konnte.
Jetzt - wir haben es mit der zweifellos schwierigsten Krise Griechenlands zu tun - kann man sich darauf gefasst machen, dass die Devise des größten Problem-Landes der Euro-Zone nur lauten kann: The Show must go on. Jede Wette, dass es rund um den Dauerbrenner Griechenland noch unendlich viele zähle Verhandlungen, verstrichene Deadlines, leere Versprechungen, entnervte Drohgebärden, nicht nachvollziehbare Zahlenspielereien und wilde Gerüchte geben wird. Die Realität wird irgendwo zwischen zwei extremen Polen liegen: Dass sich die Griechen rasch derrappeln und sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, das ist so gut wie auszuschließen. Dass Griechenland eine Mega-Pleite hinlegt, aus der Euro-Zone ausscheidet und zur Drachme zurückkehrt, scheint - zumindest aus heutiger Sicht - auch nicht wahrscheinlich zu sein. Bleibt als wahrscheinlichste Variante ein langwieriger Sanierungsfall. Es wird zu einer beinharten, langfristig angelegten Bewährungsprobe kommen, nicht nur für die abgewirtschafteten Hellenen, sondern für die gesamte Europäische Union. Wir haben nämlich noch nicht wirklich gerettet, wir müssen daher weiter retten...


















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