Dienstag 21. Oktober 2014, 07:20

Kommentare

Good News: Der Euro lebt noch

Manche Menschen leiden bekanntlich an extremen Phantasien, die bisweilen an Wahnsinn grenzen können. Ein gutes Beispiel ist der Deutsche Gerhard S., seines Zeichens Herausgeber eines Online-Finanz-Ratgebers des Verlags G. in Bonn. Dieser Herr versandte am Freitag, dem 25. Jänner, per Mail eine „Eilnachricht“ folgenden Inhalts:

Good News: Der Euro lebt noch
Good News: Der Euro lebt noch
Bild: Gerd Altmann/PIXELIO/©www.pixelio.de
„Nach meinen Informationen kommen die Regierungschefs der europäischen Staaten in diesen Tagen zu einem Geheimtreffen zusammen. Ich bin mir sicher - das kann nur eines bedeuten: Der Tod des Euro wird jetzt beschlossen. Nun kann alles ganz rasch gehen. Wahrscheinlich wird ab heute versucht, den Euro-Zusammenbruch einzuleiten und dramatische Maßnahmen durchzu-führen. Möglicherweise sind es jetzt nur noch wenige Monate oder Wochen bis zum Euro-Ende. Es kann aber auch in wenigen Tagen so weit sein! Meine Prognose: Euro-Tod kommt bis zum 17.02. ...“ -  und dann hieß es plötzlich „2012“.

Die Ursache für diese Maya-ähnliche Prophezeihung der dümmsten Art ist schwer zu eruieren: War es eine tiefe Depression in Weltuntergangsstimmung oder die Lust, andere prompt in Angst und Schrecken zu versetzen, war es Sensationsheischerei eines Querulanten oder das brutale Kalkül eines unerschrockenen Spekulanten, der auf diese abstruse Weise Profit absahnen möchte, war es die Geltungssucht eines radikalen Euro-Hassers oder einfach nur die logische Konsequenz von zu viel Promille im Blut? Vielleicht war es letztlich von allem ein wenig oder gar nur ein vorgezogener April-Scherz eines bedauernswerten Witzboldes. Die Motive von Euro-Crash-Propheten à la Gerhard S., die sich so gerne öffentlich deklarieren, sind ja gar nicht so einfach zu evaluieren, auch wenn einschlägige Experten, bisweilen auch Journalisten und sonstige Besserwisser, beispielsweise so mancher Politiker, nicht erst seit gestern ihr einschlägiges Unwesen treiben.

Und das offenbar gar nicht einmal so erfolglos: Denn laut der von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) soeben präsentierten Studie „GfK Global Trust Report 2013“ sollen nur noch 38 Prozent der Deutschen der Einheitswährung volles Vertrauen schenken. In den Krisenländern Spanien und Italien sind gar nur  35 bzw. 30 Prozent der Befragten dem Euro gegenüber positiv gesinnt. Im internationalen Vergleich ein miserables Urteil: Die GfK-Umfrage hat nämlich ergeben, dass etwa 91 Prozent der Kanadier auf ihre Währung stehen, 90 Prozent der Schweizer dem Franken vertrauen, 81 Prozent der Türken nichts über ihre Lira kommen lassen, immerhin 80 Prozent der Brasilianer mit dem Real happy sind und selbst 75 Prozent der US-Bürger am Dollar nichts auszusetzen haben. Der Euro, der im Zuge der europaweiten Finanz- und Wirtschafts-misere so gerne totgesagt oder totgeschrieben wurde und wird, steckt jedenfalls in einer schweren Vertrauenskrise, keine Frage, und Griechenland hat diesbezüglich einen riesigen Beitrag geleistet.

Der Krieg ist noch nicht gewonnen

Allerdings: Die zahlreichen Pessimisten und Besserwisser, die der Einheitswährung aus allen Windrichtungen und aus welchem Grund auch immer ein baldiges Aus vorauszusagen pflegen, können sich allmählich wieder entspannen. Und vielleicht über die Vorteile des gewiss immer noch an diversen Geburtsfehlern laborierenden Euro Bilanz ziehen, aber auch über die drohenden Nachteile nachdenken, die ohne ihn zu befürchten wären. Fest steht nicht nur, dass sich der Euro-Kurs gegenüber dem Dollar im Vorjahr trotz aller Schwankungen relativ wacker geschlagen hat. Fix ist auch, dass der Euro, wie es EZB-Chef Mario Draghi formuliert hat, „im Jahr 2012 neu gestartet“ werden konnte. Und dass er, wie ihm der US-Investor George Soros beim Weltwirtschaftsforum in Davos kürzlich attestierte, „durchaus lebt, weil die unmittelbare Krise vorbei“ sei. Die Stimmen, die vor gar noch nicht so langer Zeit vom Zerfall der Währungsunion überzeugt zu sein schienen, sind zwar nicht gänzlich verstummt, aber deutlich leiser geworden.

Eine Schlacht hat die Europäische Union im Vorjahr zwar gewonnen, den Krieg freilich noch nicht: Es ist beispielsweise immer noch denkbar, dass Griechenland die Eurozone in den kommenden zwei Jahren verlassen könnte. Obendrein wird der politische Konsens, dass die Gläubigerstaaten den Schuldnerländern beherzt aus der Patsche helfen müssen, nur schwer aufrechtzuerhalten sein. Schließlich war auch die Ankündigung eines Referendums über die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens in den kommenden Jahren für Brüssel eben so wenig motivierend wie David Camerons Sager, dass sein Land niemals den Euro einführen werde. Erfreulicherweise scheinen die EU-Partner nicht in die Knie zu gehen vor derlei britischen Drohgebärden, sondern zeigen dem schwierigen Insel-Premier vielmehr die kalte Schulter. Deutschland und Frankreich haben bereits verlauten lassen, Großbritannien keine weiteren Extrawürste mehr zugestehen zu wollen.

Ein etwaiger Ausstieg der Briten aus der Union - aus heutiger Sicht ohnedies eher unwahrscheinlich - würde jedenfalls den Euro genau so wenig killen wie ein anderes Schreckgespenst der Euro-Fangemeinde: die vieldiskutierte Verkleinerung der Eurozone auf jene Länder, die bereit sind, sich ohne Wenn und Aber zu einer politischen und fiskalischen Union  zu formieren. Der Euro müsse ohnedies, wie es der ehemalige Journalist und Buchautor sowie nunmehrige Finanzprofi David Marsh formuliert hat, „homogener werden, um das Vertrauen internationaler Investoren zurückzugewinnen“. Und sofern er - was nicht gänzlich unwahrscheinlich sein muss - auch von jenen Bürgerinnen und Bürgern, die der Mark, dem Franc oder dem Schilling nicht ewig nachzutrauern bereit sind, eines Tages deutlich besser als heute eingeschätzt wird, dann wird er auch einen David Cameron und alle anderen Widersacher locker überleben ...

 

Bild: Gerd Altmann/PIXELIO/©www.pixelio.de




Kommentar hinzufügen

Kommentar hinzufügen




Das könnte Sie auch interessieren