Geschacher mit dem Gold der Bürger
Die Österreichische Nationalbank hat in den zurückliegenden Jahren mit Goldleihe-Geschäften in erheblichem Umfang Erlöse von rund 300 Millionen Euro erzielt. Sie steht damit nicht allein. Immer wieder drehten auch die großen Notenbanken an diesem Rad. Allerdings höchst diskret. Denn was der Bürger nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Wie die Goldleihe funktioniert und welche Risiken damit verbunden sind, zeigt der folgende Beitrag.

Bild: Thorben Wengert / pixelio.de
Allmählich freilich wächst die Sensibilität der Menschen. Als jüngst etwa bekannt wurde, dass die Österreichische Nationalbank in den vergangenen Jahren große Mengen ihrer Goldreserven verliehen hatte, war die Empörung groß. Überraschend sind nicht die Geschäfte an sich, sondern deren Umfang. Berichten zufolge waren noch Ende des vergangenen Jahrzehnts bis zu 80 Prozent der insgesamt rund 280 Tonnen umfassenden Goldreserven verleast. Im Jahr 2008 soll es etwa noch die Hälfte gewesen sein. Bemerkenswert: Die Deutsche Bundesbank stellte zu diesem Zeitpunkt ihre Goldleihe-Aktivitäten nach offiziellen Angaben ein, weil „zu Beginn der Finanzkrise eine angemessene Risiko-Ertragsrelation bei der Goldleihe nicht mehr gegeben war“, wie dieser Tage Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, feststellte. Seit dieser Zeit hätten die Frankfurter Notenbanker keine Goldreserven mehr verliehen. „Spekulationen über Goldleasinggeschäfte entbehren jeder Grundlage“, betonte jetzt der Bundesbanker. In den Jahren zuvor haben aber auch die Deutschen Teile ihrer Goldreserve verliehen – und dabei offenbar recht gut verdient.
Lukrativer Deal für alle
Der Deal ist einfach und für alle Beteiligten lukrativ, solange nichts passiert. Die Notenbanken verleihen ihr Gold an Geschäftsbanken (Buillon-Banken), die wiederum das eigentliche Leasinggeschäft mit Minengesellschaften vermitteln. Diese verkaufen das geleaste Gold am Markt und verschaffen sich dadurch Liquidität, um weiteres Gold zu fördern. Damit begleichen sie dann später ihre Goldschuld bei der entsprechenden Nationalbank. Auf den ersten Blick bergen solche Geschäfte für alle Beteiligten nur Vorteile. Die Zentralbanken sichern sich Mehreinnahmen durch den Leihzins. Nach Angaben der Österreichischen Nationalbank machten die Einnahmen aus dem Goldleasing in den vergangenen zehn Jahren rund 300 Millionen Euro aus. Die als Vermittler eingeschalteten Buillon-Banken kassieren eine Provision, und die Minengesellschaften sichern sich auf günstige Weise Liquidität. In Zeiten sehr niedriger Zinsen verliert dieser Deal aber zunehmend an Attraktivität.
Ein normales Termingeschäft, wie es scheint, sieht man einmal davon ab, dass die eigentlichen Eigentümer dieser staatlichen Goldschätze – nämlich die Bürger des betreffenden Landes – niemals gefragt wurden, ob sie solchen Deals zustimmen. Überdies ist die Goldleihe natürlich auch mit Risiken verbunden. Vor ein paar Jahren zum Beispiel sorgte die portugiesische Notenbank für Aufsehen, nachdem sie infolge einer Bankenpleite etliche Tonnen Gold verloren hatte. Wer Gold verleiht, geht also immer ein Insolvenzrisiko der beteiligten Geschäftsbank oder der Minengesellschaft ein. Die Notenbank gibt während der Leihe den direkten Zugriff auf das verliehene Gold auf und kann nur hoffen, es später wieder zurück zu bekommen. Das Leihgeschäft unterliegt, wie es im Fachjargon heißt, einem „Kontrahentenrisiko“, das bei physisch eingelagertem Gold nicht besteht.
Seltsam mutet es zudem an, dass die Notenbanken sowohl den tatsächlichen Goldbestand als auch das verliehene Gold in einer gemeinsamen Bilanzposition ausweisen. Das nährte in den vergangenen Jahren immer wieder Spekulationen, bei den angeblichen Goldbeständen handle es sich zum Großteil lediglich um Forderungen aus Gold-Leasinggeschäften.
Mit besonderen Risiken behaftet sind die so genannten Gold Carry Trades. Dabei sichern sich die Buillon-Banken nicht bei den Minen ab, vielmehr verkaufen sie das Gold am Markt und investieren die Erlöse zum Beispiel in Anleihen. Die Bank profitiert von der Differenz zwischen jenem Zinssatz, den sie an die Notenbank abführen muss, und jenem, den sie vom Anleihe-Schuldner vereinnahmt. Steigt der Goldpreis, macht die Bank Verluste, denn zu einem bestimmten Zeitpunkt muss sie Gold kaufen, um es an die Notenbank zurückzugeben. Fällt hingegen der Preis für das gelbe Edelmetall, entstehen Gewinne.
Marktmanipulation mit Leasinggeschäften?
Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass die Möglichkeit der Goldleihe auch immer wieder gezielt genutzt wird, um den Preis des Edelmetalls zu drücken. Indem die Notenbanken Teile ihrer Goldbestände verleihen, erhöhen sie am Markt das Angebot, was zu fallenden oder zumindest stagnierenden Preisen führt. Doch die tatsächlich verfügbare Menge an Gold ist dadurch nicht gestiegen. Im Laufe der Finanz- und Euro-Krise haben die führenden Notenbanken wohl mehrfach interveniert, um den Goldpreis zu drücken. Ständig steigende, vielleicht sogar explodierende Preise für das gelbe Edelmetall, so die Befürchtungen, hätten zu einer dramatischen Flucht aus dem Papiergeld und einem Run ins Gold führen können. Vor fast genau einem Jahr – in der Nacht nach dem dritten Advent – kam es offenbar zu solchen massiven Marktinterventionen.
Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele räumte dieser Tage ein, sein Institut habe zwischen 1996 und 2008 auch Goldleihe-Geschäfte betrieben. Dabei habe die Bundesbank einen geringen Teil ihres in London lagernden Goldes an ausgewählte Banken verliehen. Thiele spricht von einem „einstelligen Prozentbereich“. Die deutsche Notenbank hält derzeit knapp 3.400 Tonnen Gold. Das ist der zweitgrößte Bestand einer Zentralbank nach den amerikanischen Goldreserven. Selbst wenn die deutschen Notenbanker also nur fünf Prozent dieser Bestände verliehen, dann entspricht dies immerhin 170 Tonnen Gold.
Die Notenbanker versichern, Goldleihe-Geschäfte seien ganz normale Vorgänge und kein Stoff, aus dem Verschwörungstheorien werden. Wenn dem so ist, dann fragt man sich, weshalb jahrelang Geheimniskrämerei und Intransparenz vorherrschten, obgleich es doch um das Gold der Bürger geht.


















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