Samstag 25. Mai 2013, 09:27

Umwelt & Agrar

Gentechnik: Jetzt durch die Hintertür

Einmal mehr stehen die unbeliebten Superknollen im Mittelpunkt der Diskussionen. Jetzt mischt auch die dänische EU-Ratspräsidentschaft eifrig mit. Der Gedanke der kühlen Nordlichter: Unternehmen sollen darauf verzichten, Saatgut von gentechnisch veränderten Pflanzen in jenen EU-Ländern zu vermarkten, die das nicht wollen.

Bei Durchsicht der Probleme der amerikanischen Landwirtschaft, sollten GVOs in Europa grundsätzlich verboten werden
Bei Durchsicht der Probleme der amerikanischen Landwirtschaft, sollten GVOs in Europa grundsätzlich verboten werden
Bild: umweltdirekt.de
Brüssel / Dänemark: Der Vorschlag der Kommission geht dahin, dass es die freie Entscheidung der Mitgliedsstaaten ist, ob diese den Anbau von GVOs zulassen oder eben nicht. Doch mehrere Staaten der Union lehnen diese Lösung vehement ab. Brüssel putzt sich ab, was vorn nicht geht, kommt eben  durchs Hintertürchen rein. Ergebnis: In Spanien und Portugal sind die Anbauflächen für Bt-Mais in gar Schwindel erregende Rekordhöhen gestiegen. Das gibt zu denken, denn einmal losgelassen, ist das umstrittene Turbogemüse nicht mehr zu bändigen.

Dänemark sucht liberalen Zugang zu Grüner Gentechnik

Die Dänen, derzeit in der Position der Ratspräsidentschaft, beabsichtigen in der Gentechnikfrage eine Lösung zu finden, die allen Mitgliedsstaaten gerecht wird. Der freiwillige demokratische Denkansatz als solches ist zwar löblich, doch geht es in dieser Frage um entschieden zu viel. Profitstreben auf Seite der Konzerne hier, ökologische Aspekte, Nachhaltigkeit und Sicherheit für die Bürger der Union auf der anderen Seite. Geht es nach den liberalen Dänen, so soll der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in der EU nur dann genehmigt werden, wenn sich die jeweiligen Unternehmen vor der Zulassung verbindlich verpflichten, ihr Saatgut nicht in solchen Ländern zu vermarkten, die das nicht wollen. Die Anbauzulassung wäre weiterhin verbindliche EU-Sache, würde jedoch durch eine Vereinbarung zwischen Unternehmen und Regierung außer Kraft gesetzt.   

Versuch, die politische Blockade zu überwinden

Während BASF in Sachen Gentechnik den europäischen Acker mangels Akzeptanz zähneknirschend verlassen hat, nehmen andere Konzerne einen weiteren Anlauf GVOs zu kommerzialisieren. Aus Kreisen der Biotechnologie-Industrie ist jedoch mittlerweile durchgesickert, dass dies ein letzter Anlauf sei, die politische Blockade zu durchdringen. Ist das jetzt die Ruhe vor dem Sturm? - Derzeit scheitern GVO-Zulassungen an der erforderlichen Mehrheit der Mitgliedsstaaten, fällige Neuzulassungen liegen trotz abgeschlossener Risikobewertung auf Eis.    

Angriff auf gemeinsamen Binnenmarkt

John Dalli ist mit seinem Vorschlag, dass einzelne EU-Länder das Recht erhalten sollten, den Anbau zugelassener GVOs aus sozio-ökonomische Gründen zu untersagen bereits vor zwei Jahren gescheitert. Damals haben sich Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien gegen den Vorschlag des EU-Verbraucherschutzkommissars gestellt, da dies gegen die Verträge des gemeinsamen Binnenmarktes sei. Die schleichende Aushöhlung des EU-einheitlichen Zulassungsverfahrens stand ebenfalls im Mittelpunkt der Überlegungen. Um den aktuellen Vorschlag Dänemarks ist es kaum besser bestellt, das wäre ein Persilschein für das bunte Treiben der profitorientierten Gentechnik-Konzerne.

Europa driftet auseinander

In Sachen Grüner Gentechnik sind die Zeiten der gelobten europäischen Einigkeit Vergangenheit. Frankreich will von MON810 nichts mehr wissen, in Deutschland und fünf weiteren Ländern ist MON810 ebenfalls nicht erlaubt. Im traditionsreichen Österreich haben die Turboknollen ohnehin keine legitime  Existenzberechtigung. In Ungarn wurden Felder trotz bestehendem Gentechnikverbot mit Gentech-Mais kontaminiert, Landwirte blieben auf dem Schaden sitzen. In der Schweiz gab es erst kürzlich lautstarken Protest wegen zufällig entdeckter GVOs entlang einer Bahntrasse. Die Negativmeldungen reißen einfach nicht ab, das Image ist mittlerweile zu sehr angekratzt um überhaupt eine Daseinsberechtigung zu haben, die gesellschaftliche Akzeptanz für Superknollen ist am Nullpunkt. So gesehen sollte die Sachlage eindeutig sein, wären da nicht Portugal und Spanien.

Spanien und Portugal: MON810-Mais im Vormarsch

Mittlerweile stammen 26,5 Prozent der spanischen Maiserzeugung aus MON810-Knollen, Tendenz steigend. Gegenüber 2010 bedeutet das einen Zuwachs um rund 20 Prozent in einem Jahr, noch drastischer sieht es in Portugal aus: Hier hat sich der Anteil von MON810 im Vergleichszeitraum um satte 50 Prozent erhöht. Fachleute führen dies auf den Schädlingsdruck durch den Maiszünsler zurück. Wie geht das weiter?

Angesichts vieler unbekannter Faktoren, zahlreicher Lebensmittelskandale und der nur sehr schwer kontrollierbaren Warenwege ist die Gefahr der unkontrollierten Verbreitung genmodifizierter Produkte und Waren kaum nachvollziehbar geschweige denn vorhersehbar. Das Restrisiko einer unkontrollierbaren Verbreitung von GVOs ist nicht zu unterschätzen, die möglichen Folgen sind  irreversibel.

POE-Tallowamine in der Nahrungskette?

Testbiotech München ist eine fachkundige Stelle, die den Superknollen gegenüber höchst skeptisch gegenübersteht. Speziell Zusatzstoffe wie POE-Tallowamine könnten unkontrolliert in die Nahrungskette übergehen. Dieses Pflanzengift stellt eine weit höhere Gefahr dar, als ursprünglich angenommen. Bereits  kleinste Mengen sind in der Lage, das menschliche Fortpflanzungs- und Nervensystem sowie die Entwicklung von Embryonen nachhaltig zu gefährden.

Ein entsprechender Bericht liegt bereits seit geraumer Zeit bei den Verantwortlichen auf, sowohl Industrie als auch EU-Kommission und EFSA sollten über die Gefahren informiert sein. Werden diese Berichte etwa nicht gelesen? Was ist wirklich los mit der viel zitierten Nachhaltigkeit? 

Industrie und auch die EU-Kommission wissen über die Gefährlichkeit von GVOs bestens Bescheid, ebenso über die daraus resultierenden Folgeschäden.

Brüssel: Da machen wir sicher nicht mit!

Es ist schier unglaublich, dass diese Gefahren vorsätzlich ignoriert werden und die Öffentlichkeit ganz bewusst nicht ausreichend informiert wird. Zur Erinnerung: Mit MON 89034 bzw. MON 88017 haben uns die Verantwortlichen vor nicht allzu langer Zeit klammheimlich weiteres Gengemüse untergejubelt. Die mächtige Lobby der Konzerne scheint unsere Zuständigen ganz schön fest an der Kantare zu haben. Brüssel, so geht es sicher nicht weiter. Die unübersehbaren Probleme der Landwirtschaft in den USA aufgrund gentechnisch veränderter  Organismen und Produkte sollten zum Nachdenken anregen. Wir sind in großer Sorge. Veto gegen den Vorschlag aus Dänemark.


 




Protest ist nie vergeblich

... man muss nur richtig zur Sache gehen.

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