Freitag 18. Mai 2012, 20:07

Telekommunikation & Verkehr


Galileo – Europäische Emanzipation im Orbit

Unabhängigkeit von den Amerikanern wünscht sich die Europäische Union nicht nur in Sachen Ratingagenturen, auch die Satellitennavigation soll bald von Brüssel aus gesteuert werden. Mit dem europäischen Satellitennavigationssystem Galileo will sich die EU ab 2014 schrittweise vom amerikanischen GPS-System emanzipieren. Heute wurden die ersten beiden von insgesamt 30 Galileo-Satelliten mit 24 Stunden Verspätung in den Orbit geschickt.

Sojus Rakete-Start in GF
Sojus Rakete-Start in GF
Bild: ESA
]Ob Güter- oder Personentransport, Mobilfunk, Rettungsdienste oder Verkehrsmanagement – eine funktionstüchtige Satellitennavigation ist mittlerweile für sechs bis sieben Prozent des europäischen BIP, rund 800 Mrd. Euro, verantwortlich. Diese Wirtschaftsbereiche sollen nicht vom Funktionieren oder der Verfügbarkeit des amerikanischen (GPS) oder russischen (GLONASS) Systems abhängig sein.

Das lässt sich die EU auch einiges Kosten: Ursprünglich mit 3,4 Mrd. Euro veranschlagt, werden die Kosten für den Galileo-Aufbau mittlerweile mit mehr als fünf Mrd. Euro beziffert. Zudem werden die jährlichen Betriebskosten auf 220 Mio. geschätzt – Körberlgeld, glaubt man von der EU zitierten unabhängigen Studien, wonach Galileo in den ersten 20 Betriebsjahren rund 90 Mrd. Euro zur EU-Wirtschaft beitragen soll. Diese Wertschöpfung soll einerseits direkt aus Einnahmen kostenpflichtiger Dienste, andererseits aus der Umwegrentabilität über effektivere Transportsysteme, effizientere Rettungsaktionen etc. lukriert werden.

Galileo will GPS mit Präzision und Flächendeckung ausstechen

Das europäische System soll viel präziser als die US-Konkurrenz arbeiten und weltweit metergenaue Positionsbestimmungen ermöglichen. Zudem soll Galileo eine bessere Abdeckung in den von GPS schlecht erfassten hohen Breiten erreichen und damit einen optimalen Betrieb in Nordeuropa gewährleisten. Auch wenn das zivil gesteuerte Galileo die Vormachtstellung des militärisch kontrollierten GPS brechen soll, ganz auf die Konkurrenz verzichten will man nicht. Galileo und GPS können kombiniert werden, wodurch die geballte Kraft beider Systeme genutzt wird. Denn je mehr Satelliten zur Berechnung der Position zur Verfügung stehen, desto genauer das Ergebnis.

Vom Autonavi über satellitengesteuerte Düngung bis zur punktgenauen Rettung

Eingesetzt werden soll Galileo sowohl für die Navigation in Auto und Handy wie auch für die Zeitsynchronisation – offene Dienste, die in direkter Konkurrenz oder als Ergänzung zum GPS-System kostenlos auch Privaten zur Verfügung stehen werden. Ein kommerzieller Dienst mit kostenpflichtigen Zusatzinfos ist für professionelle Anwender etwa aus den Bereichen Vermessungswesen, Netzsynchronisation, Flottenmanagement oder Landwirtschaft geplant. So können Bauern durch satellitenbasiertes Düngen höhere Ernteerträge bei weniger Düngemitteleinsatz erwirtschaften oder  Spediteure durch Verkehrsmanagement a la Galileo Sprit und Zeit auf der Straße reduzieren. Zudem sollen ein so genannter Safety-of-Life-Dienst für sicherheitskritische Anwendungen in Luft-, Schifffahrt und Bahnverkehr sowie ein regulierter Dienst für  PolizeiKüstenwache oder Geheimdienst – beide verschlüsselt – angeboten werden.

Zeitschiene steht trotz verspätetem Start

Den planmäßigen Betrieb soll Galileo ab 2014 aufnehmen. Bis dahin sollen mindestens 18 Satelliten in den Orbit geschickt werden. Im Vollbetrieb sollen bis 2020 30 Satelliten (27 aktive und drei Reservesatelliten) in einer Entfernung von 23.222 Kilometern um die Erde kreisen.

Der verzögerte Start der ersten beiden Satelliten, die heute, am 21. Oktober 2011, mit 24 Stunden Verspätung vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana ins All geschickt wurden, habe keine Auswirkungen auf den Zeitplan, heißt es aus Brüssel.  Die nächsten beiden Galileo-Satelliten sollen Mitte 2012 starten.


 




Kommentar hinzufügen