Mittwoch 26. Juli 2017, 10:58

Global

Für Putin ist auch Sport Krieg

Wladimir Putin wird gestrahlt haben, als sein Landsmann Beslan Mudranov in Rio die erste Goldmedaille für Russland holte - noch dazu im Judo. Für den Kreml-Boss sind die Olympischen Spiele letztendlich nicht wie befürchtet in ein Fiasko ausgeartet, weil seine Athleten großteils doch antreten dürfen. Sie werden in der Medaillenbilanz vermutlich wie gewohnt ziemlich weit vorne liegen - worauf der Präsident stets größten Wert legt.

Die Sperre russischer Athleten mit körperlicher Beeinträchtigung wird den Präsidenten mit Sicherheit bis zur Weißglut reizen.
Die Sperre russischer Athleten mit körperlicher Beeinträchtigung wird den Präsidenten mit Sicherheit bis zur Weißglut reizen.
Bild: (C) EU-Infothek

Freilich: Während das Internationale Olympische Komitee auf die harte Tour verzichtet hat, verpasst das Internationale Paralympics Komitee Putin nunmehr einen - wenn auch fragwürdigen - Tiefschlag: Auf Grund der von der Welt-Anti-Doping-Agentur geäußerten Vorwürfe, dass Russland seine Sportler systematisch dopen würde, wird das Land von dem im September stattfindenden Wettbewerb, der ebenfalls in Brasilien stattfinden wird, ausgeschlossen. Die Sperre russischer Athleten mit körperlicher Beeinträchtigung wird den Präsidenten mit Sicherheit bis zur Weißglut reizen.

Was diese internationale Demütigung bei ihm auslösen könnte, ist vorerst offen. Nina L. Chruschtschowa, die in den USA lebende Tochter des früheren Sowjet-Präsidenten Nikita Chruschtschow, befürchtet in einem kürzlich in der „Presse“ erschienenen Gastkommentar jedenfalls Schlimmes: Putin, argumentiert sie, pflege nämlich bei oder nach großen internationalen Sportereignissen gerne überzureagieren. Während der Sommerspiele in Peking im Jahr 2008 führte er einen Blitzkrieg gegen Georgien. Nach den spektakulären Winterspielen in Sotschi wiederum annektierte er die Krim und installierte separatistische Stellvertreter im Osten der Ukraine.

Eine antirussische Intrige?

Und jetzt? Chruschtschowa befürchtet, dass es angesichts des aufgeheizten Politklimas zwischen dem Westen und Russland vor allem die Republik Moldau treffen könnte. Trotz der Sanktionen, die sein Land schwer in Mitleidenschaft gezogen haben, ist die Übernahme von Transnistrien, einer prorussischen Enklave, nicht mehr auszuschließen. Außerdem stuft Chruschtschowa  Weißrussland als latent gefährdet ein. Der dortige Machthaber Alexander Lukaschenko gilt zwar seit eh und je als Moskau-hörig, er flirtet allerdings seit geraumer Zeit - so wie es die Ukraine getan hat - mit dem Westen, wohl aus nackter Angst vor dem russischen Bären. Schließlich deutet absolut nichts darauf hin, dass Putin die Absicht hätte, den immer noch schwelenden Ukraine-Konflikt auch nur geringfügig zu entschärfen - zu sehr dürfte ihn die Entschlossenheit der Nato wurmen, mit verstärkten, aber immer noch bescheidenen Einheiten in Polen und dem Baltikum präsenter als bislang zu sein.

Putin, offenbar felsenfest davon überzeugt, dass sportliche Erfolge seiner Reputation  im In- und Ausland dienen,  muss einerseits zwar  die Dopingvorwürfe ernst nehmen, anderseits wäre er als Top-Propagandist in eigener Sache laut Nina Chruschtschowa niemals bereit, sich dem Druck von außen zu beugen.  Vielmehr  stellt er  das, was  ihm  die internationalen Sportverbände in den Wochen vor Rio  eingebrockt haben, als himmelschreiende Ungerechtigkeit und antirussische Intrigen seitens feindlicher Mächte  dar - primär natürlich der Amerikaner.

Hoffen auf die Fußball-WM

Die massive politische Isolation, in der er sich seit zwei Jahren befindet, versucht der Kreml-Chef mit allen Mitteln abzuschwächen. Indem er sich beispielsweise mit einem anderen Minus-Mann, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, trotz monatelanger Kontroversen am Dienstag bei einem persönlichen Treffen in St. Petersburg wieder offiziell versöhnt hat. Obendrein goutiert er zweifellos, dass  sich in den USA mit Donald Trump ein Mann um das Präsidentenamt bewirbt, der ihm gegenüber gewisse Sympathien erkennen hat lassen. Dass sich russische Hacker zigtausende interne Mails von den Servern der Demokratischen Partei gesichert hätten, um der Trump-Rivalin Hillary Clinton zu schaden, klingt zwar beinahe absurd, ist allerdings keinesfalls auszuschließen. Schon weitaus weniger glaubwürdig scheint die von einem ehemaligen CIA-Chef ausgestreute Spekulation zu  sein, wonach Putin den Milliardär Trump „als ahnungslosen Agenten rekrutiert“ habe.

Trotzdem zeichnet sich ab, dass Putin, allzeit zu militärischen Aktionen bereit, die Welt weiterhin mit seiner Unberechenbarkeit verunsichern wird. Für diesen „meisterhaften Manipulator“ (Chruschtschowa) gibt es derzeit offensichtlich nur einen einzigen Grund, sich zu mäßigen und den Good Guy zu mimen - 2018 soll in Russland plangemäß die Fußballweltmeisterschaft stattfinden. Dieses Großereignis würde ihm - weniger dem russischen Kickerteam - die optimale Bühne bieten, um wieder einmal im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit zu stehen und sich so wie in Sotschi großartig bejubeln zu lassen. Genau das liebt der eitle Präsident ungleich mehr als er sich vor internationalen Repressalien fürchtet. Bleibt zu hoffen, dass seine Athleten in Rio de Janeiro noch etliche Goldene holen und ihn besänftigen....




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