Freitag 31. Oktober 2014, 07:09

Banken & Finanzen

Für die Boston Consulting Group ist die Finanzwelt ein „Schneeball-System“

Erstmals bestätigt ein etabliertes Mitglied des Finanz-Establishments die angeblichen „Verschwörungstheorien“ der Finanzmarkt-Kritiker.

Charles Ponzi, italienischer Immigrant in den USA und einer der größten Schwindler und Betrüger der amerikanischen Geschichte
Charles Ponzi, italienischer Immigrant in den USA und einer der größten Schwindler und Betrüger der amerikanischen Geschichte
Bild: MarkGregory007/flickr.com
Während alternative Finanzblogs wie Zerohedge oder Goldseiten.de seit Jahren nicht müde werden, die Finanzwelt als Schneeballsystem zu betrachten das unmittelbar vor dem Zusammenbruch stehe, wurde diese Einsicht vom Finanz-Establishment bislang ausdrücklich ins Reich der Verschwörungstheorien verwiesen. Nun hat sich mit der Boston Consulting Group erstmals eine etablierte Berater-Gruppe des Themas angenommen und voll auf die Seite der Kritiker geschlagen, die mittlerweile allerdings auch von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich bestätigt wurde: Die internationale Finanzwelt gleiche einem Schneeball-System und könne jederzeit zusammenbrechen, vermeldet die BCG.

Die BCG-Analysten sprechen in einer aktuellen Studie also ernsthaft von einem so genannten dem Ponzi-System, wie - nach einem US-Finanzbetrüger der 1920er Jahre - in den USA Finanzmarkt-Schneeball-Systeme benannt werden, bei denen die Gelder neuer Investoren nur dazu dienen, ältere Investoren auszuzahlen und so den Eindruck hoher Profitabilität zu erwecken, ohne dass tatsächlich produktive Investitionen vorgenommen werden. Der US-Ökonom Hyman Minsky definierte derartige System allgemein als Betrugssysteme, bei dem die Cash-Flows weder zur Bezahlung der Zinsen noch für Tilgungen ausreichen, und folglich ständig neue Schulden aufgenommen werden müssen. Dabei liegen die die einzigen legalen Hoffnungen des System-Betreibers darin, aufgrund von Preissteigerungen des Spekulationsgutes dieses rechtzeitig mit Gewinn verkaufen zu können bevor das System kollabiert.

Derlei sei im Westen laut der BCI heute flächendeckend der Fall, wobei Politiker und Zentralbanker die Probleme„selbstgefällig“ immer weiter aufgeschoben und vermieden hätten, der Öffentlichkeit die bittere Wahrheit mitzuteilen, wonach die angehäuften Schulden niemals voll zurückgezahlt werden könnten.

Das Pro-Kopf Wirtschaftswachstum bricht einIn Folge der Politik der immer massiveren Verschuldung falle das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum in der westlichen Welt aber immer weiter ab, wodurch sich die Tilgungsfähigkeit immer mehr verschlechtere und die Schulden ganz unbezahlbar würden. Dabei übertreffen die Schuldenschätzungen der BCG sogar noch die Angaben von BIZ und OECD. So hätte die Summe aller öffentlichen und privaten Schulden laut BCI in den 18 Kernländern der OECD 1980 noch rund 160 Prozent des BIP betragen, während diese Quote bis 2011 auf 321 Prozent angestiegen sei. Inflationsbereinigt hätten die Regierungen heute mehr als viermal so viele Schulden wie 1980, private Haushalte mehr als sechsmal so viele und Nicht-Finanz-Unternehmen immerhin auch noch mehr als dreimal so viele Schulden wie 1980.

Noch nie war die Staatsquote im Westen so hoch wie heuteDa es zudem in der Natur jedes Schneeball-Systems liege, plötzlich und ohne Warnung zusammenzubrechen, müssten die Entscheidungsträger nun endlich beginnen, verantwortungsvoll zu handeln. Fünf Jahre nach Ausbruch der Weltfinanzkrise seien die Politiker schon wieder viel zu gelassen und inaktiv, während eigentlich harte Opfer auf allen Seiten erforderlich wären.

Zehn Vorschläge

Die zehn Vorschläge der BCG werden allerdings vor allem neoliberalen Herzen höher schlagen lassen und klingen wie verspätete Wünsche an das Christkind. So müsse zuerst einmal aufgeräumt werden, und zwar sofort. Folglich müssten sich etliche Staaten und Unternehmen für zahlungsunfähig erklären, was zwar „kurzfristig sehr schmerzvoll“, tatsächlich aber unumgänglich sei und nur immer schwieriger werde, je länger umfassender Schuldenschnitt aufgeschoben werde. Gleichzeitig müssten die Regierungen auch ihre Versprechungen, was künftige Leistungen wie Pensions- oder Krankenversorgung angeht, an die Realität anpassen und deutlich reduzieren, was mit geringerer Pensionsleistung und höherem Pensionsantrittsalter einhergehen muss, wobei die BCD sich zudem effizientere Gesundheitssysteme wünscht.
Effizienter werden sollen zudem die Regierungen selbst, die generell Mitarbeiter abbauen und strukturelle Reformen vornehmen müssten.

Angesichts eines demografisch bedingten kommenden Arbeitskräftemangels würden die ehemaligen Staatsdiener immerhin von der Privatwirtschaft benötigt, die zudem auf eine höhere Partizipationsrate der Frauen und längere Lebensarbeitszeiten angewiesen sein werde, um überhaupt wachsen zu können. Darüber hinaus müssten die Familien gefördert, die Zuwanderung produktiver Arbeitskräfte erleichtert und auch viel mehr in Ausbildung investiert werden. Investiert werden solle zudem in die öffentliche Infrastruktur, wobei dies – aufgrund öffentlichen Geldmangels – vom Privatsektor übernommen werden müsse, sowie in eine Ressourcen-effizientere Produktion.

Das alles müsse nun global koordiniert werden, wobei die BCG abschließend auch noch auf ein Wunder hofft, dass im entstehen eines neuen „Kondratieff-Zyklus“ besteht, der in der Ökonomie eine durch wesentliche Innovationen entstehenden „lange Welle“ an Wirtschaftswachstum bezeichnet, die anrollen soll wenn die Innovationen umgesetzt werden und zu hohen Produktivitätssteigerungen führen.

Geschehe dies alles nicht – und danach sieht es ja aus – drohe eine „säkulare Krise“, die die BCI-Analysten durchaus als Weltuntergangs-Szenario schildern. Interessant ist zudem, dass sie in erster Linie Vorschläge machen, bei denen BCI nach eigenem Bekunden über hohe Beratungskompetenz verfügt, während die Rolle der internationalen Großbanken keines kritischen Blicks gewürdigt, obwohl doch von dieser Seite der Großteil der übermäßigen Kreditvergaben erfolgt ist.




Schönes Beispiel für "Demagogie"

Schönes Beispiel für "Demagogie":

Wenn sich die Wahrheit nicht mehr unterm Tisch halten läßt, dann präsentiert man die einfach selbst, und zwar allerdings natürlich aber als Halbwahrheit bei der die entscheidenden Dinge einfach weggelassen oder verschwiegen werden.

(So wie sich z.B. auch schon die Kaiser früher einfach selbst an die Spitze des Christentums gestellt haben, als es nicht mehr aufzuhalten war, und dann nur noch zu "entschärfen" galt.)

Statt die sich aus diesen Tatsachen und Eigenschaften des Finanz- und Geldsystem ergebende Notwendigkeit des Umbaus des Finanzsystems anzusprechen und anzustoßen, wird das hier einfach nur als zusätzliche Erpressungsdrohkeule für die immer gleiche verlogene Propagierung neofeudalistischer Ideen mißbraucht.

Eine kleine, feine Auswahl von Ponzis!

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute ist so nah .....! Wir brauchen den Herrn Ponzi aus Boston nicht. Wir haben unsere eigenen Ponzis, die dankenswerterweise jetzt endlich auch medial richtig angepackt werden.

Die Burgi aus Salzburg (nachzulesen zB in der "Presse" unter http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/leitartikel/1333124/Salzbur... ), und neben der Burgi auch noch die niederösterreichischen und die Kärntner Ponzis (nachzulesen zB in der "Presse" unter http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/leitartikel/1332658/Viel-Sp... !

Was wird nur aus uns werden!

Ponzi the Bosten Swindler

Sehr gutes Thema, das da aufgegriffen wird. Kompliment!

In der NZZ ist übrigens ein Artikel darüber am 07.01.2013 erschienen. Nachzulesen unter: http://www.nzz.ch/finanzen/uebersicht/boersen_und_maerkte/ponzi-system-d... !

Die Online-Leser der NZZ würden sich übrigens auch einen Link zur Studie der BCG wünschen. Ich hab da den Schweizern ein bisschen geholfen und sie auf den Artikel von Rainer Sommer verwiesen, der da ja nicht so knausrig ist bei der Zitierung und Bereitstellung von Originalquellen ...

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