Fracking: Schiefergas statt Dekarbonisierung?
Zur Erinnerung: Die Roadmap 2050 der EU setzt ganz gezielt auf Dekarbonisierung. Erneuerbare Energien sollen fossile Brennstoffe ersetzen. Im Kampf gegen schädliche Emissionen scheint jedes Mittel recht zu sein. Jetzt geistert Fracking durch die Schlagzeilen. Wo bleiben die guten Vorsätze?

Bild: Xciteride/flickr.com
Träume aus Schiefergas
Der Gedanke, die kostenintensiven Energieimporte einzustellen ist verlockend. Europa sowie einige kleine Staaten Osteuropas könnten die Abhängkeit von russischen Gasimporten durchwegs minimieren und der Machtzentrale im Kreml ein Schnippchen schlagen. South Stream ist nichts anderes, als das Machtgefüge zu wahren indem Nabucco geschwächt wird. Weniger russischer Einfluss wiederum stärkt Europa am Weltmarkt, das könnte spannend werden. Die Problematik liegt jedoch an der Ergiebigkeit der Vorräte. Deutschland beispielsweise müsste nach kolportierten 13 Jahren den Gashahn zu Russland wieder reumütig öffnen, in anderen Ländern ist es nicht viel besser. Polen und Frankreich sind aktuellen Schätzungen zufolge mit unkonventionellen Gasreserven gut bestückt, doch erneut erhebt sich die Frage nach der Rentabilität. Zur Erinnerung: Die Fördermenge ist zuverlässig inflationär und reduziert sich pro Monat um 5 – 7 %, vereinzelt noch mehr.
Unkonventionelle Gasreserven in Europa
Laut EIA (U.S. Energy Information Administration) lagern in Frankreich rund 20.400 Mrd. m³ Schiefergas, rund ein Viertel davon ist technisch gewinnbar. Polen weist eine marginal höhere Gesamtmenge auf, erreicht jedoch nicht die technisch machbare Fördermenge Frankreichs. Norwegen könnte sich angesichts der aktuellen Schätzungen von über 9.400 Mrd. m³ als durchaus profitabel erweisen, zumal hier eine bessere Erschließbarkeit besteht. Schweden darf sich ebenfalls beträchtlicher Mengen Schiefergas erfreuen, die technisch gewinnbare Menge ist aus heutiger Sicht jedoch ruhigen Gewissens als uninteressant zu bezeichnen. Großbritannien und Dänemark haben mit über 2.500 Mrd. m³ ebenfalls beträchtliche Mengen Schiefergas gebunkert, die aktiviert werden könnten. Deutschland liegt mit 900 Mrd. m³ Schiefergas ziemlich abgeschlagen, Vorräte und technisch gewinnbare Menge machen in etwa die Hälfte der Möglichkeiten der Niederlande aus. Unterm Strich gesehen könnte das für einige Jahre Unabhängigkeit reichen sofern Europa die emotionale Bereitschaft aufbringt, ganze Landstriche in Schweizer Käse zu verwandeln.
Fracking als teure Zwischenlösung
Die merkliche Vorlaufzeit für das komplexe Förderverfahren hält die Erfolgsaussichten auch angesichts der enormen Investitionen und sowie der hohen Folgekosten für diese Fördermethode in überschaubaren Grenzen. Es reicht, um den Energiemix zu bereichern, mehr nicht. Darüber sind sich die zahlreiche Fachleute bereits heute einig. Zudem kommen beträchtliche Kosten aufgrund von Umweltauflagen, welche nebst den zuverlässig abfallenden Förderraten ebenfalls am ohnehin knappen Profit nagen. Angesichts dieser Umstände dürfte es sehr unwahrscheinlich sein, dass Fracking in Europa einen ähnlichen Triumphzug erlebt wie auf der anderen Seite der Erde. Lediglich Polen ist diesbezüglich besser gestellt. Angesichts des relativ geringen Bedarfs können bereits 30 % davon mit Schiefergas abgedeckt werden, eine Steigerung ist realisierbar, wenn auch auf Kosten der Umwelt. Frankreich hätte zwar solide Gasreserven der unkonventionellen Art, doch hagelt es zunehmend Proteste der sichtlich besorgten Umweltschützer, die bislang neugierig, aber leider vergeblich auf Pro-Fracking-Argumente hoffen.
Keine Senkung der CO2-Emissionen
Mittels Schiefergas eine Reduktion der CO2-Emissionen zu erreichen ist nicht möglich. Das beweisen Analysen, die übrigens auch in Brüssel aufliegen. Beauftragt vom Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelssicherheit des Europäischen Parlaments hat sich die Ludwig-Bölkow-Systemtechnik Gmbh dieser Problematik angenommen. Selbst bei maximaler Erschließung der in Europa lagernden bleiben die erzielbaren Einsparungen reines Wunschdenken der Schiefergasbefürworter. Zudem wird bestätigt, dass der Gasboom jenseits des großen Teichs erst durch eine Lockerung der Umweltauflagen ermöglicht wurde. Fundierte Studien über die Unbedenklichkeit von Fracking sind nach wie vor Mangelware und könnten die Gasblase mit einem Schlag zerplatzen lassen, zumal auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erste, aber vehemente Proteststimmen der Umweltschützer zu vernehmen sind.
Fracking kontraproduktiv
Auf Schiefergas zu setzen ist der falsche Weg. Ludwig-Bölkow-Experten führen unter Berufung auf aktuelle Bedarfsprognosen an, dass die Gasimporte aufgrund der globalen Nachfrage möglicherweise nicht in dem erforderlichen Ausmaß gesteigert werden können wie erforderlich. Das hätte unweigerlich nachteilige Auswirkungen auf die europäische Strategie, welche gezielt auf Gas setzt. Der vorerst einzige Ausweg aus der vorprogrammierten Krise ist in Ressourceneffizienz zu finden und zugleich konsequent auf erneuerbare Energie zu setzen.
Fracking gleicht einer energiepolitischen Sackgasse, die uns der geplanten Dekarbonisierung nicht einen Meter näher bringt. Setzt Brüssel einmal mehr aufs falsche Pferd?


















~Anonymous
Kritik
..hat sich Gasprom finanziell an diesem Artikel beteiligt?
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