Dienstag 18. Juni 2013, 07:05

Binnenmarkt & Wettbewerb


„Flüssige Werte“ als Frühindikatoren

Das sorgt mancherorts für Katerstimmung: Der Preisindex für edle Weine ist im Zuge der europäischen Schuldenkrise abgestürzt. Schlimmer noch: Der in London ermittelte Index gilt als Indikator für das Anlegervertrauen und somit für die Situation der Weltwirtschaft. Sollte das stimmen, dann ist die Krise noch längst nicht überwunden. Bleibt immerhin ein Trost: Europas Weine behaupten ihr „Triple-A-Rating“.

„Flüssige Werte“ als Frühindikatoren
„Flüssige Werte“ als Frühindikatoren
Bild: Reto Fetz (swisscan)/pixelio.de
Es gibt mehrere Möglichkeiten, das aktuelle Befinden der Wirtschaft zu testen und daraus Schlussfolgerungen für die Aktienmärkte abzuleiten. Man analysiert das Unternehmens- und Verbrauchervertrauen, nimmt die Quartalszahlen führender Unternehmen unter die Lupe, versucht den Charts wichtige Informationen zu entlocken oder man bemüht die Weisheit Leonardo Fibonaccis, eines Mathematikers aus dem 13. Jahrhundert, um Prognosen zu erstellen. Auf die Weinpreise jedoch achten Analysten allenfalls im Restaurant. Möglicherweise ein Fehler, denn die Preise für Edelweine gelten seit Jahrzehnten als wichtige Indikatoren für die allgemeine Entwicklung der Wirtschaft und das Vertrauen einkommensstarker Investoren. Europa spielt dabei eine entscheidende Rolle.

In London werden regelmäßig der Liv-ex 100 und der Liv-ex 500 ermittelt. Was für Börsianer der Dax oder der ATX, das sind diese beiden Indices für den Markt der weltweit führenden Weine. Jahrelang schien der Liv-ex nur den Weg nach oben zu kennen. Lediglich die Finanzkrise und der Zusammenbruch von Lehman Brothers sorgten für einen kurzzeitigen Rückschlag. Dennoch: Die Performance vor allem der europäischen Top-Gewächse kann sich sehen lassen. Innerhalb von fünf Jahren stieg der Liv-ex 100 um fast 54 Prozent, der marktbreitere Liv-ex 500 schaffte sogar über 67 Prozent.

Noch keine echte Trendwende

Soweit die gute Nachricht. Die schlechte: Im Sommer vergangenen Jahres gingen beide Indices auf Talfahrt. Die europäische Schuldenkrise strahlte auch auf den Markt edler Weine aus, was im Übrigen die immer wieder zu hörende Behauptung widerlegt, luxuriöse Sachwerte seien krisenresistent und korrelierten nicht mit der Entwicklung an den Finanzmärkten. Der Absturz im letzten Sommer war tief – und er setzte sich etwa bis Anfang 2012 fort. Auf Jahresbasis berechnet, mutet die Performance der Wein-Indices daher alles andere als berauschend an. Der Liv-ex 100 verlor 18,2 Prozent, der Liv-ex 500 büßte 7,6 Prozent ein. Zwar erholte sich der Markt seit Jahresbeginn leicht, doch von einer nachhaltigen Trendwende kann noch keine Rede sein.

Sollten also die Weinindices tatsächlich ein verlässlicher Frühindikator für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft sein, so besteht kein Grund zum Optimismus. Obwohl die Preise für Top-Weine teilweise gefallen sind und die Gefahr einer Blasenbildung heute geringer erscheint als noch vor einem Jahr, verhält sich die Mehrheit der Investoren noch sehr zurückhaltend. Wer mit Marktexperten spricht, hört immer wieder zwei Gründe für diesen Attentismus der früher so begeisterten Wein-Investoren. Allgemein wird noch in diesem Sommer mit einer weiteren Zuspitzung der europäischen Schuldenkrise gerechnet. Ein Marktbeobachter sagte dieser Tage, er rechne spätestens bis September mit einem „Crash mediterranée“, sprich: mit einem endgültigen Ausscheiden Griechenlands aus dem Euroraum und einem Kollaps in Spanien, der zu einem ersten Stresstest für die Euro-Rettungsschirme ESM und EFSF werden könnte. Außerdem fürchten Investoren ein baldiges Platzen der China-Blase. Beides würde auch die Fine-Wine-Indices noch einmal erheblich unter Druck setzen.

Frankreich dominiert im Weinindex

Ob „Weinnasen“ auch den richtigen Riecher für die Weltwirtschaft haben, sei dahingestellt. In der Vergangenheit jedenfalls erwiesen sich die Liv-ex-Indices als recht verlässliche Indikatoren. Es erscheint also allemal interessant, genauer hinzuschauen, welche Top-Weine die beiden Indices abbilden. Denn dies gibt Aufschluss darüber, welche Spitzen-Gewächse überhaupt als Kapitalanlage taugen. Die wenig überraschende Erkenntnis: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben ausschließlich europäische Weine „Investment-grade“, also gleichsam ein Triple-A-Rating.

Im Liv-ex 100 dominieren französische Spitzenweine mit sage und schreibe 98,7 Prozent. An der Spitze stehen Bordeaux rot (95 Prozent), Jahrgangschampagner (2 Prozent) und rote Burgunder (1,7 Prozent). Darunter befinden sich die international renommierten Spitzenmarken Lafite Rothschild, Petrus, Mouton Rothschild, Cheval Blanc, Louis Roederer Cristal, Dom Perignon und Romanée-Conti. Neben Frankreich ist lediglich Italien mit einigen Spitzenweinen im Liv-ex 100 vertreten. Zwar bilden Bordeaux-Weine auch im Liv-ex 500 mit Abstand das Schwergewicht, doch fällt der Anteil Italiens stärker aus, gleichzeitig fließt die Preisentwicklung bei alten Portweinen in die Berechnung des Index mit ein. Außereuropäische Anbaugebiete (Kalifornien und Australien) sind lediglich mit 2,7 Prozent vertreten.

Immerhin eine beruhigende Botschaft: In Sachen Wein bleibt Europa mit weitem Vorsprung  Weltmeister.


 


 




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