Europas Mentalitätsproblem: Die Gier und Wir
Es scheint das Modewort der Zeit zu sein: G I E R. Alles, was man heute ablehnt, lehnt man ab, weil es „gierig“ ist. Banken, Konzerne und Finanzwirtschaft. Selbst der Papst fühlte sich bemüßigt, die Christen vor der Gier zu warnen. Im kapitalismuskritischen Deutschland analysiert man da besonders gründlich. Die Klimaanlagen uralter ICE-Garnituren fallen aus? „Die Gier der Manager ist daran schuld, denn an Klimaanlagen sparte man, um den Börsengang der Bahn vorzubereiten!“ − so Politiker und Volksmund unisono

Bild: CC-BY-SA 3.0
Fernsehsender wie das ZDF haben ihre eigenen Formate, die des Volkes Lust an fremder Gier bedienen. Auf „Wiso“ („Wirtschaft und Soziales“) kriegen Sparsame Tipps, wie man noch mehr sparen kann: Wie komme ich zu billigerem Strom? („Beim Wechsel auf die 14-Tagesfrist aufpassen!“) − Wie kann ich weiterhin billig mit dem Prepaid-Handy telefonieren? („Wenigstens ein Telefonat alle drei Monate. Noch besser: ein sms schicken – ist noch billiger!“) − Wie komme ich zu kostenloser Navigationssoftware? („Kostenlos“ – Das Sparerherz im Freudentaumel).
Konsumenten erzwingen „Europa der Konzerne“
Europa sei eine Union der Konzerne, das Soziale komme viel zu kurz. Deren Kapitalismus hätte Bürger und Konzerne zur Gier erzogen, so Europas linker Mainstream. Doch weder Kapitalismus noch Konzerne erziehen uns zur Gier. Ihnen wären großzügige Bürger lieber. Die gesellschaftliche Paranoia hat besonders Deutschland schlimm getroffen. In keinem Land der Erde sind Lebensmittel − gemessen am Einkommen − so billig wie in Deutschland. Weil es der Geiz der Mehrheit eben will.
Das wichtigste Auswahlkriterium für deutsche Shopper ist der Preis. Erst danach werden Kriterien wie Qualität oder Hygiene genannt. Ganz zum Schluss kommen die ökologischen oder sozialen Produktionsbedingungen. Immer wieder versuchen Händler oder Produzent, für bessere Ware etwas höhere Preise durchzusetzen – Stichwort „Fairtrade“. Meist vergeblich, ihre Waren bleiben liegen. Einen weiteren Verlust kann der Kaufmann aber nicht mehr wagen und so fährt er wieder nur die Billigschiene. Nirgendwo ist der Lebensmittelumsatz bei Diskountern so hoch wie bei unseren nördlichen Nachbarn, nirgendwo muss Fleisch so minderwertig und billig produziert werden, damit Konsumenten es auch kaufen wollen. In kaum einem westlichen Land ist der Anteil an biologisch erzeugten Lebensmitteln so gering. Es ist die Gier der kleinen Leute, die beim Billig-Kaufen „profitieren“ wollen.
Um Kosten zu sparen, müssen sich deutsche Produzenten zu immer größeren Konzernen mit immer größeren Produktionsmengen zusammenschließen. Es ist die Sparsamkeit, die die Wirtschaft Deutschlands prägt. Europa braucht endlich Wirtschaftsbildung. Dann würden die Europäer endlich verstehen, dass sie mit ihren Euro-Noten täglich abstimmen, was und vor allem wie in unserem Land produziert wird. Kapitalismus bedeutet, dass ein Unternehmer sein Kapital nur in die Produkte investiert, die er mit Erfolg verkaufen kann. Sie als Bürger investieren Ihr Geld ja auch nur in etwas, das Ihnen gefällt und Ihnen Freude bringt.
Wer ist gieriger? Die Arbeiter oder ihr Konzern?
Konzernmitarbeiter sind traditionell stärker gewerkschaftlich organisiert als die Belegschaften kleinerer Branchenmitbewerber. Deutsche Gewerkschaften sind traditionell besonders stark, bei Volkswagen sind sie noch stärker. Und wenn die wollen, dann steht VW. Und so stand der Konzern Mitte der 90er Jahre ordentlich in der Bredouille. Streiknervöse Gewerkschaften wollten ihre Mitglieder weniger arbeiten sehen. Mehr als 28 Stunden in der Woche sollten es nicht sein, die Löhne lagen mit 3.100 Euro aber 20 Prozent über dem Branchenschnitt. So schrieb der Riese rote Zahlen. Irgendwann sah VWs damaliger Chef, Ferdinand Piech ein, dass er gegen die Gewerkschafter nicht ankommen konnte. Da verfiel man auf den Plan, bei den Zulieferern zu sparen und kürzte VWs Einkaufspreise.
Ignacio Lopez hieß der Mann fürs Grobe. Den „Würger“ nannten ihn die Lieferanten. Er zahlte pauschal einfach 20 Prozent weniger für deren Teile. Bei 3 Prozent Gewinn am Umsatz hätte eine 20-prozentige Preiskürzung einen Verlust von 17 Prozent am Umsatz und damit das sofortige Aus der gesamten Branche bedeutet. Um überleben zu können, lösten die Zulieferer ihre Forschungs-, Entwicklungs- und Qualitätssicherungsabteilungen auf und verbauten Teile aus billigerem Material. Ende der 1990er Jahre wurde der gesamte Volkswagen-Konzern von großen Qualitätsproblemen erfasst. Zum Synonym für die Klapperqualität wurde der berühmt-berüchtigte Luftmassenmesser, der in allen VWs, Audis, Skodas und SEATs für Ärger sorgte. Die Audis, Golfs, Passats und Sharans fielen auf mittlere und hintere Ränge in den Pannenstatistiken zurück.
In den Augen vieler Europäer war es die Gier des kapitalistischen VW-Konzerns, die an den Zulieferteilen gespart hatte.


















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