Dienstag 21. Mai 2013, 14:24

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Europas Clinch mit Spritpreis und mit Ölkonzernen

Das 3Sat-Wirtschaftsmagazin „Makro“ ortet die Raffgier der Ölkonzerne als (Mit-)Grund am hohen Spritpreis. Im Beitrag kompensiert man das Fehlen wirtschaftlichen Sachverstandes durch Vorurteile und bunte Oberflächlichkeit. Der Beitrag steht für Europas Unfähigkeit, pluralistische Sichtweisen bei Themen zuzulassen, für die ein „linker Mainstream“ eine offizielle Lesart vorgesehen hat.

Europas Clinch mit Spritpreis und mit Ölkonzernen
Europas Clinch mit Spritpreis und mit Ölkonzernen
Bild: Gerd Altmann/pixelio.de/© www.pixelio.de
Mit Angebot und Nachfrage habe der Ölpreis wenig zu tun, meint Eva Schmidt im 3Sat-Wirtschaftsmagazin Makro ernsthaft: Private Ölkonzerne (und OPEC) verknappten den Preis künstlich, um den Verkaufspreis zu erhöhen (3Sat, 30.11.12). Die Historikerin und Politologin widerspricht sich nicht nur selbst (wenn jemand die Nachfrage künstlich verknappt und die Preise deshalb steigen, dann sind sie ein Produkt aus Angebot und verknappter Nachfrage), sie glänzt wie so manche Wirtschafts-Journalisten mit geradezu grotesker Wirtschafts-Ferne.

„Der Markt“ – Ein Buch mit sieben Siegeln

„Die privaten Ölkonzerne sind doch raffgierig, oder?“, meint sie mehr als dass sie Studiogast Bernhard Klinzing vom Frankfurter Börsenbrief dies fragt. Und als der Ökonom die Platitude überhören will, antwortet sie: „Die Mineralölkonzerne, die sind doch raffgierig? Die könnten doch auch weniger verlangen?!“

Dass jemand den Preis seiner Ware solange erhöht, bis die Nachfrage ermüdet, ist vielen Deutschen unverständlich. Die Saudis erhöhen den Preis für ihr Öl so weit es nur irgendwie geht – weil sie nur diese eine Ressource haben: Sie können jedes Barrel jedes Mal nur ein einziges Mal verkaufen - deshalb ist für sie der höchste Preis der optimale Preis. Auch der Eigentümer einer Wohnung erhöht die Miete so lange wie „der Markt“ – also die anderen Menschen – dies zulassen. Er hat ja nur diese eine Wohnung zu vermieten und möchte seine Ressource optimal verwerten.

Deshalb ist er aber auch noch lange kein schlechter Mensch. Er ist eben „bloß“ ein Mensch. Auch der Mieter kann sein Miet-Budget nur einmal ausgeben. Deshalb drückt er den Mietpreis einer Wohnung, wenn der Markt (mit seinen alternativen Angeboten) dies zulässt. Und auch er ist weder raffgierig, noch geizig – auch er ist bloß ein Mensch. Im Gymnasium lernt man weder dies, noch die weiteren Vorteile des Naturprinzips: Erst hohe Preise ziehen (in wirtschaftlich aktiven Gesellschaften) Unternehmer-Typen an, die mit Innovationen und Produktionen nun gutes Geld verdienen wollen. Jobs und Volkseinkommen sind die Folge – und neue Wohnungen, die dann auf Mietpreise drücken.

Was heimische Gymnasiasten ökonomisch mitbekommen, ist maximal die Sehnsucht mancher Lehrer, die Menschen irgendwann dann doch noch zum Gemeinwohl-orientierten Leben umpolen zu können.

Europa braucht Wirtschaftsbildung

Wer heute über Wirtschaft philosophiert, hat nur ausnahmsweise schon im Wirtschafts-Unterricht gesessen. Oder in der Privatwirtschaft, geschweige denn an verantwortungsvoller Position. Entsprechend kindlich erfolgt die Analyse ökonomischer Probleme.
Auf 3Sat bezichtigt Schmidt Mineralöl-Konzerne der Raffgier (weil diese 9,2% Deckungsbeitrag erzielen?). Sie wirft dies nicht dem Staate vor, der fast zwei Drittel (65,4%) nimmt.

Ein knappes Viertel (25,4%) geht vom Spritpreis an den Rohstofflieferant – und der ist oft Entwicklungsland. Gerne klagt Europas Mainstream, dass „wir Europäer“ den Ländern des Südens keine fairen Rohstoffpreise zahlten. Beim Ölpreis ist dies sicher nicht der Fall – und doch passt es schon wieder nicht. Hier sind Rohstoffpreise jetzt zu hoch! Vielleicht, weil sie den Mainstream jetzt persönlich treffen (und nicht die Anderen).

Dabei gehen nur knappe neun Prozent als Deckungsbeitrag an den Mineralölmulti. Aber nicht als Gewinn, sondern eben nur als Deckungsbeitrag. Wirtschaftskundige wissen, dass mit diesem Geldbetrag die (vielen Milliarden Dollar an) Fixkosten (Stichwort „Raffinerien, Riesentankern, Förderanlagen“) abgedeckt werden. Am Ende bleiben zwei Prozent vom Tankstellenpreis als Profit. Aber das macht keine Autofahrer arm.

Man kann`s auch anders sehen: Nur 2 % vom Verkaufspreis reichen, um den Schmierstoff unserer Wirtschaft in höchster Qualität zu produzieren, ihn in jede Ecke unseres Landes hinzukarren und (am besten) 24 Stunden täglich anzupreisen. Und um so nebenbei die höchsten Gehälter und Steuerleistungen unseres Landes zu bezahlen.

Deutschlands Bürger glauben an Komplotte

„Jedes Barrel Öl wird schon auf dem Weg nach Europa zigmal an den Weltmärkten weiter verkauft. Ein Fass Rohöl, das im Irak für 1,20 Euro gefördert wird, ist in Rotterdam schon 75 Euro wert“, weiß das 3Sat-Magazin. Geschickt deutet man hier an, dass vom Rohstoffpreis nicht einmal das Erdöllieferland profitiert – sondern nur böse Spekulanten.

Die Deutschen glauben nicht an Märkte. Dafür an das Schlechte – bei den Anderen. Und sie erklären sich (zu) vieles mit Komplotten. Nicht die gewaltig steigende Nachfrage aus Asien treibt für sie die Preise – nein, Spekulanten würden sich an ihnen, den fleißig arbeitenden kleinen Leuten bereichern. Und weil angedeutete „Verschwörungen“ nie zu beweisen sind, kann man mit ihnen selbst die schwierigsten Probleme in nur zwei Sätzen lösen (Die Konzerne, Die Reichen, Die Banken haben sich abgesprochen, um Uns Kleine, Uns Indigene, Uns Konsumenten so richtig abzuzocken!“).

Ein Land fast gänzlich ohne echte Wirtschaftsbildung erklärt sich im 21. Jahrhundert Bankenkrise, Lebensmittelpreise oder Mietenanstieg mit den Tools aus längst vergangen Zeiten. Im besten Fall noch aus den 1920ern.
Die Aufklärung hat in Europa vor dem Wirtschaftswissen Halt gemacht: „Mit der Lizenz zum Bohren wird das Erdölgeschäft für BP, Shell und Co. erst richtig lukrativ da die Mineralölkonzerne die gesamte Kette, vom Bohrloch bis hin zur Tankstelle, bedienen“, schürt man auf 3Sat den Glauben an das Allmachtstreben der Konzerne. Und verschweigt, dass man hier von 2% Gewinn am Endpreis spricht. Und es die Bürger selber in der Hand hätten, dies zu ändern.

Autofahrer oder Konzern: Wer ist gieriger?

In Salzburg befragte man deutsche Tanktouristen (ORF, 20.3.2010), wer denn die Schuld an hohen Spritpreisen hätte. Die Antworten kamen prompt: „Gierige Konzerne wollen sich die Taschen vollstecken!“ So reden die, die mit ihren Schicken SUVs – von (Gier und) Geiz getrieben − kilometerweit nach Österreich fahren, nur um sich dort den Benzintank billig aufzufüllen und vielleicht drei Euro einzusparen. Man „selber“ ist doch nicht gierig! Und schon gar nicht geizig – höchstens preisbewusst. Gierig sind doch immer nur „die anderen“.
Natürlich spielen die Medien gerne auf dem Sündenbock-Klavier. Um die gewünschte Antwort zu bekommen, hatte man den befragten Tanktouristen zu Beginn des Interviews gesagt, dass (ungenannte) „Experten“ die Spritpreise als zu hoch erachtet hätten. Na, welche Antwort haben Sie sich erwartet (die besagten „Experten“ waren von der Arbeiterkammer)?

Öl ist nicht zu teuer – es ist zu billig. Nicht die Konzerne sind zu raffgierig, die Bürger sind zu geizig. Anstatt die hohen Preise als Anlass zu nehmen, um in ökologische Alternativen zu investieren, schimpft man lieber auf jene, die das bequeme Leben auf Kosten von Natur, auf Kosten unserer Kinder und Enkel und letztendlich auf Kosten unserer Volkswirtschaft erschweren.

Weil Amerika demokratisch ist

Europa braucht endlich Wirtschaftsbildung durch Wirtschaftsakademiker. In Hauptschulen und Gymnasien, aber auch an (geisteswissenschaftlichen) Fakultäten.
Wie lange wollen wir es noch hinnehmen, dass uns wirtschaftsferne Menschen, die sich ökonomische Sachverhalte mit Komplotten und mit Sündenböcken zusammenreimen, Wirtschaft erklären? Und die doch nur ihre eigenen (Zukunfts-)Ängste transportieren?
Wüsste Eva Schmidt, wie man Bilanzen liest, wäre ihr eventuell aufgefallen, dass die Umsatzrenditen großer Ölkonzerne nicht über der von anderen Branchen liegen. Weil sich aber der Ölpreis vervielfacht hat, ist dies auch mit Umsatz und Gewinn geschehen. Selbst dem französischen Staatskonzern „France Telekom“ bleibt vom Umsatz mehr (8,6%) als Konzernbösewichten wie BP (6,7%) oder E.On (-2%).

Gerne schimpfen Europäer über das Niveau des US-Bildungssystems. Tatsächlich hinken amerikanische Kinder bei den „harten“, fachlichen Qualifikationen ihren Kollegen aus Europa oder Asien hinterher. Aber bei den „weichen“ Faktoren sind sie unschlagbar: Kommunikative Fähigkeiten (Teamgeist), ein wirtschaftlicher Hausverstand - und ein unerschütterlicher Glaube an die Kraft des Individuums (selbst Arme zählen sich nur selten zu den kleinen Leuten, sondern zu der Mittelschicht) lässt eine Gesellschaft positiv in die Zukunft blicken.

Auch in Amerika haben Journalisten selten einen MBA. Aber ein anderes Wertesystem lässt Platz auch für konservative oder wirtschaftsliberale Positionen. Damit bekommt eine Gesellschaft auf die Fragen ihrer Zeit pluralistischere Antworten als Europa. Und man erhält ein Mehr an Demokratie. Aber das wollen viele, die die Demokratie vorgeblich vor der Konzernallmacht schützen wollen, bei näherer Betrachtung oft gar nicht mehr so stark.

 

Bild: Gerd Altmann/pixelio.de/©www.pixelio.de


 




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