Sonntag 19. Mai 2013, 00:50

Telekommunikation & Verkehr

Europas Carrier auf Crash-Kurs

Für die europäische Zivilluftfahrt droht 2012 zu einem schwarzen Jahr zu werden. In den vergangenen Monaten gerieten bekannte Fluggesellschaften gleich reihenweise in die Insolvenz. Bis zum Jahresende könnten weitere folgen. Andere Carrier stecken tief in den roten Zahlen und müssen massiv Stellen abbauen. Hier der aktuelle Befund für eine Krisenbranche.

Europas Carrier auf Crash-Kurs
Europas Carrier auf Crash-Kurs
Bild: Globespotter/flickr.com
Am frühen Morgen des 3. Februar 2012 endeten 66 Jahre der ungarischen Luftfahrtgeschichte. Die seit langem schwer angeschlagene Fluggesellschaft Malev musste ihren Betrieb einstellen, nachdem die wirtschaftliche Situation des Unternehmens „unhaltbar“ geworden war, wie es der damalige Airline-Geschäftsführer Lorant Limburger formulierte. Die Bruchlandung eingeleitet hatte letztlich die Forderung der EU-Kommission, Malev solle illegale Staatsbeihilfen zurückzahlen.

In kaum einer anderen Branche ist es seit Anfang des Jahres zu so vielen Firmenzusammenbrüchen gekommen wie in der europäischen Zivilluftfahrt. Malev ist nicht der einzige prominente Name, der von den Anzeigetafeln der Airports verschwand. Bereits Ende Januar hatte die spanische Fluggesellschaft Spanair ihren Betrieb eingestellt und offiziell Insolvenz beantragt. Über 22.000 Passagiere waren in den Tagen danach von den Flugausfällen betroffen.

Auch Air Finland, der dänische Carrier Cimber-Sterling, die Swedish Skyways sowie die kleinen deutschen Airlines Cirrus und Hamburg International mussten aufgeben. Bis zum Frühsommer hatten nach Branchenangaben acht europäische Airlines Insolvenz angemeldet. Andere renommierte Fluggesellschaften gerieten tief in die roten Zahlen. Air France zum Beispiel sitzt aktuell auf einem Schuldenberg von 6,5 Milliarden Euro und plant bis Ende 2013 den Abbau von rund 5100 Jobs. Gleichzeitig will der zum Air France-KLM-Konzern gehörende Carrier seine Flugzeugflotte deutlich verkleinern und innerhalb von zweieinhalb Jahren 34 seiner derzeit noch 148 Kurz- und Mittelstreckenmaschinen aus dem Verkehr ziehen. Dadurch sollen die Verbindlichkeiten bis Ende 2014 auf dann 4,5 Milliarden Euro reduziert werden.

Air Berlin spart schon bei den Keksen

Schwer angeschlagen ist darüber hinaus Air Berlin. Presseberichten zufolge treiben die Sparmaßnahmen beim zweitgrößten deutschen Carrier bisweilen bizarre Blüten. So sollen Dokumente nicht mehr farbig, sondern preiswerter schwarz-weiß ausgedruckt werden. Bei langen Meetings würden keine Kekse mehr gereicht, heißt es in Branchenkreisen kopfschüttelnd. Selbst an der Lufthansa, die vor wenigen Jahren noch als Paradebeispiel für eine gut gemanagte Airline galt, ging die Krise der Branche nicht folgenlos vorüber. Die Kranich-Linie flog im vergangenen Jahr einen Verlust von 13 Millionen Euro ein, in erster Linie wegen ihrer Sorgenkinder AUA und der mittlerweile verkauften British Midland.   Damit steht sie zwar besser da als die Konkurrenz, dennoch ist es sicher kein Trost für die Aktionäre, wenn ihr Unternehmen gleichsam der Einäugige unter Blinden ist. Stellenstreichungen und die Umsetzung eines ehrgeizigen Sparprogramms sollen bald wieder für wirtschaftlichen Auftrieb sorgen. Andere Airlines, wie die kleine Air Malta, überleben derzeit nur dank massiver staatlicher Hilfe.

Während die bislang etablierten Airlines in schwere Turbulenzen geraten sind, meldeten Low-cost-Carrier wie Ryanair und Easyjet jüngst steigende Passagierzahlen. Die irische Billigairline Ryanair versucht gerade erneut, den nationalen Erzrivalen Air Lingus zu übernehmen, was in der Vergangenheit regelmäßig scheiterte. Ryanair meidet die großen internationalen Airports und wählt vor allem kleine Flughäfen aus, meist umgebaute ehemalige Militär-Flugplätze. Wenn Ryanair zum Beispiel von Frankfurt-Hahn spricht, dann meint die Airline den Flughafen in der abgelegenen Hunsrück-Gemeinde Hahn, mehr als 100 Kilometer von Frankfurt entfernt. Und wer mit Ryanair in „München-West“ landet, kommt im Allgäu-Städtchen Memmingen an und hat noch eine gute Stunde Fahrt mit dem Zug oder dem Auto vor sich, um in die bayerische Landeshauptstadt zu gelangen. In den vergangenen Jahren haben ehrgeizige Regionalpolitiker solche Mini-Flughäfen massiv ausgebaut. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, schreiben alle rote Zahlen und müssen von den europäischen Steuerzahlern mit Millionensummen subventioniert werden.

Zwar trifft zu, dass sich die Krise der Zivilluftfahrt in den vergangenen Monaten nicht nur auf Europa beschränkte. So beantragte Ende vergangenen Jahres der US-amerikanische AMR-Konzern für seine Tochter American Airlines Gläubigerschutz nach Chapter 11. Nun soll der angeschlagene Carrier mit einer anderen Gesellschaft fusionieren. Auch Mexicana, die zweitgrößte Airline Mexikos, musste Insolvenz anmelden.

Düstere Aussichten für Europas Carrier

Doch während der internationale Branchenverband IATA für die nord- und südamerikanische Zivilluftfahrt angesichts gesunkener Treibstoffkosten wieder bessere Zeiten prognostiziert, bleiben die Aussichten für Europa düster. Die europäischen Airlines dürften nach einer IATA-Schätzung im laufenden Jahr mindestens 880 Millionen Euro Miese einfliegen. Wie zu hören ist, gehen viele Fluggesellschaften inzwischen von einer weiteren Verschärfung der Euro-Krise aus. Derweil planen die Piloten der portugiesischen Fluggesellschaft TAP Air Portugal für Anfang August einen Streik. Sie fordern mehr Geld und ein Mitspracherecht bei der geplanten Privatisierung des Unternehmens.

Neben der Euro-Krise machen Experten Sonderfaktoren wie die deutsche Luftverkehrsabgabe und die EU-Klimaschutz-Abgabe für die Probleme der Airlines verantwortlich. Zu Beginn des Jahres hatte die EU-Kommission einen Handel mit CO²-Verschmutzungsrechten für alle Carrier eingeführt, die Europa anfliegen. Die daraus resultierenden Belastungen sind erheblich. Die Lufthansa schätzt die eigenen Kosten durch diese Abgabe auf rund 120 Millionen Euro pro Jahr.

Fluggesellschaften in den USA, China und Russland sind aber nicht bereit, diese Emissionsrechte zu kaufen. Sie kritisieren in erster Linie, dass sie sogar für Flugstrecken zahlen sollen, die außerhalb der EU liegen. Während die europäischen Carrier über Wettbewerbsverzerrung klagen, ergreift Russland schon Gegenmaßnahmen. Nach IATA-Angaben erhalten Frachtmaschinen von Aerologic keine Überflugrechte für Sibirien mehr. Finnair wiederum soll für die Nutzung russischen Luftraums erheblich mehr zahlen als bisher.

Es macht also durchaus Sinn, wenn Anlageberater ihren auf Stabilität bedachten Klienten schon seit Jahren empfehlen, keine Aktien von Fluggesellschaften oder Banken zu kaufen. Es sei denn, sie lieben die Spekulation.


 




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