Dienstag 21. Mai 2013, 19:23

Binnenmarkt & Wettbewerb


Europäer suchen nach den „wahren Werten“

Luxusgüter aus Europa sind begehrt. Und zwar nicht nur in China. Auch die Europäer gönnen sich etwas – und scheren sich nicht um die Krise. Ein deutlicher Indikator für einen sogenannten Crack-up-Boom, wie er in Zeiten negativer Realzinsen häufig festzustellen ist.

Ein Renner in der ganzen Welt - Schmuck und Wertgegenstände aus Europa
Ein Renner in der ganzen Welt - Schmuck und Wertgegenstände aus Europa
Bild: CC-BY 2.5
Er war einer der führenden Ökonomen im 20. Jahrhundert, beriet die österreichische Regierung in Wirtschaftsfragen und arbeitete eng mit dem legendären Friedrich August von Hayek zusammen: Ludwig von Mises (1881-1973) gilt bis heute als einer der wichtigsten Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Er analysierte schon frühzeitig ein bemerkenswertes und im ersten Moment paradox klingendes Phänomen: In bestimmten Krisenzeiten sitzt das Geld der Verbraucher besonders locker. Sie sparen weniger und schichten in solide Sachwerte um. Ökonomen bezeichnen diesen Effekt als Crack up-Boom. Er entsteht dann, wenn die Menschen um die Stabilität ihres Geldes fürchten und das Vertrauen in Regierungen und Banken mehr und mehr verlieren.

Einiges spricht dafür, dass gerade in den wohlhabenden Ländern Europas ein solcher Crack up-Boom eingetreten ist. Die Verbraucher suchen die „wahren Werte“ in der Realwirtschaft. Sie investieren nicht nur in die klassischen Sachwerte, wie Immobilien und Edelmetalle, sondern auch in alternative Anlageformen, wie Diamanten und Edelsteine, Antiquitäten, Schmuck und Uhren. Verkehrte Welt: Während allenthalben über die Krise lamentiert wird, steigen die Aktienkurse der europäischen Luxusgüterhersteller atemberaubend: Richemont (unter anderem Cartier, Montblanc, IWC, Lange & Söhne) glänzt aktuell mit einer Drei-Jahres-Performance von über 320 Prozent. Der Marktführer LVMH (Louis Vuitton, Moet & Chandon, Hublot, Fendi, Givenchy) konnte seine Aktionäre im selben Zeitraum mit über 208 Prozent begeistern, die Swatch-Group (Omega, Breguet, Blancpain, Longines, Glashütte Original) brachte es auf einen Kursanstieg von über 300 Prozent.

Inflationsängste bremsen „Angst-Sparen“

Diese erstaunliche Performance ist natürlich in erster Linie der anhaltend hohen Nachfrage aus dem Fernen Osten geschuldet. Luxusgüter aus Europa sind in China sehr begehrt. Aber gerade auch in Deutschland und Österreich hat sich die Nachfrage nach gehobenen Konsumgütern ungeachtet der Euro-Krise sehr gut entwickelt.

Allerdings ist ein Crack-up-Boom nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Normalerweise reagieren die Menschen in Krisen mit Kaufzurückhaltung. Man spart und legt etwas „auf die hohe Kante“. Wenn aber die Verbraucher den Eindruck gewinnen, dass heute kein Bankberater mehr die Kaufkraft des Geldes garantieren kann, macht für viele das „Angst-Sparen“ keinen Sinn mehr. Sie schichten um in klassische Sachwerte.

Ein Crack-up-Boom kann auch ein Indikator für eine beginnende “finanzielle Repression” sein, mit deren Hilfe sich die Staaten entschulden. Sie ist somit eine sanfte Alternative zu einer Währungsreform, dennoch zahlen auch dabei die Sparer am Ende die Zeche. Voraussetzung für eine „finanzielle Repression“ ist ein negativer Realzins. Der entsteht, wenn die Inflationsrate höher ist als der Nominalzins. Profiteure einer „finanziellen Repression“ sind die Staaten. Sie können sich durch niedrige Zinsen günstig verschulden, beziehungsweise alte Schulden durch neue ablösen. Die Spareinlagen der Bürger indessen sind Jahr für Jahr weniger wert, weil die Zinserträge von der Inflation aufgezehrt werden. Besonders ärgerlich: Kapitalerträge sind auch dann steuerpflichtig, wenn sie faktisch gar nicht entstehen, weil nämlich die Inflationsrate höher ist als der Zins. Das heißt, die Staaten verdienen sogar am Verlust der Sparer.

Währungsreform in homöopathischen Dosen

Insofern ist eine „finanzielle Repression“ nichts anderes als eine Währungsreform in homöopathischen Dosen. Die Ausplünderung der Sparer erstreckt sich in diesem Fall über viele Jahre und ist weniger schmerzhaft als ein großer Vermögensverlust in kurzer Zeit, wie er bei einer Währungsreform eintritt. Grob geschätzt, müssten die Realzinsen mindestens 25 Jahre unter der Inflationsrate liegen, bis die europäischen Staaten ihre Haushaltsprobleme wieder einigermaßen im Griff hätten. Ein (sehr) kleiner Trost: Zweieinhalb Jahre haben wir schon hinter uns, denn seit Mitte 2009 sind in Europa die Inflationsraten höher als die Zinsen.


 




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