EU-Krise: Die Jungen sind die großen Verlierer
Das Europäische Statistikamt in Luxemburg ist seit geraumer Zeit auf die Verbreitung schlechter Nachrichten spezialisiert: Eurostat meldet parallel zum täglichen Horror in den Medien rund um Griechenland, den Rettungsschirm ESM oder das EZB-Ankaufprogramm für Staatsanleihen, wie die Europäische Union im Moment wirklich dasteht. In statistischer Form wird dabei von den EU-Zahlen-Jongleuren eine Vielzahl von Problemen aufbereitet, die in der Regel und immer massiver für eine gruselige Stimmung sorgen.

Bild: EC
Im zweiten Quartal des laufenden Jahres ist das BIP laut den vorliegenden Schätzungen der Experten EU-weit zurückgegangen, zugleich haben sich die Konsumausgaben der privaten Haushalte verringert, und die Bruttoanlageinvestitionen entwickelten sich ebenfalls negativ. Die Inflationsrate im Euro-Raum für August dürfte bei 2,6 Prozent gelegen sein und so wie die Arbeitslosenquote angestiegen sein: Diese betrug im Juli 11,3 Prozent für den Euro-Raum und 10,4 Prozent für die EU27. Das heißt im Klartext: Im vergangenen Sommer waren in den Mitgliedsstaaten nicht weniger als 25,2 Millionen Menschen ohne Job - 43.000 mehr als im Monat zuvor.
Junge ohne Jobs sind Krisen-Opfer
Während sich Brüssel darauf konzentriert, schwer angeschlagene Krisenländer wie Griechenland, bald auch Spanien und Italien, mit monströsen finanziellen Hilfsaktionen halbwegs über Wasser zu halten, birgt ein nur am Rande beachtetes Thema enormen Sprengstoff für die weitere Entwicklung der Union. Und während sich marode Geldinstitute reihenweise retten lassen, drohen die wahren Verlierer der Krise massenhaft unterzugehen - und dabei geht es sicher nicht um die Banken: Die Jugendarbeitslosigkeit ist seit Februar 2008 um sage und schreibe 50 Prozent gestiegen und in zahlreichen Staaten aus dem Ruder gelaufen. Die 15- bis 24Jährigen finden zuhauf keine Lehrstelle bzw. keinen ersten Job mehr oder müssen sich mit befristeten Anstellungen und extrem niedrigen Gehältern begnügen - der Fehlstart ins Berufsleben treibt sie in die wirtschaftliche und soziale Ausgrenzung.
Im Juli waren EU-weit fast 5,5 Millionen Europäer dieser Altersgruppe arbeitslos - 182.000 mehr als im Jahr davor. Damit lag die Quote, die im Juli 2011 21,3 Prozent betragen hatte, im Durchschnitt bei 22,5 Prozent. Noch am besten dran sind zur Zeit Deutschland (8,0 Prozent), Österreich (8,9 Prozent) und die Niederlande (9,2 Prozent). Besonders schlimm indes ist die Situation in Griechenland und Spanien, wo bereits mehr als 50 Prozent der Jungen keine Chance am Arbeitsmarkt haben.
Das Desaster etwa am griechischen Arbeitsmarkt hat freilich - spät, aber doch - die EU-Kommission alarmiert: „Ich bin tief beunruhigt über die Auswirkungen, die die Krise auf junge Menschen hat“, sagte unlängst Androulla Vassiliou, Kommissarin für Bildung, Kultur, Jugend und Mehrsprachigkeit. Und weiter: „Viel zu viele von ihnen laufen Gefahr, sozial ausgegrenzt zu werden und in die Armut abzurutschen“. Die Sorge der zypriotischen Kommissarin löst das Dilemma freilich eben so wenig wie der vorige Woche veröffentlichte „EU-Jugendbericht“, ein Sammelsurium von Horrornachrichten, garniert mit schönen Worten.
In diesem nur 12 Seiten umfassenden Druckwerk wird - einmal mehr - betont, dass die EU und die Mitgliedsstaaten „mehr tun müssen, um junge Menschen, die am stärksten unter der Wirtschaftskrise leider, zu unterstützen“. Die Forderung, dass Jugendbeschäftigung, soziale Inklusion sowie Gesundheit und Wohlbefinden junger BürgerInnen oberste Priorität der europäischen Jugendpolitik sein müssten, ist auch nicht unbedingt Nobelpreis-verdächtig.
EU-Politik statt heißer Luft
Gibt es überhaupt so etwas wie eine europäische Jugendpolitik? Die Antwort ist reine Geschmackssache: Es gibt zwar die im November 2009 vom Rat verabschiedete „EU-Jugendstrategie“ für die Jahre 2010 bis 2018, in der jede Menge Ziele, Prioritäten und Initiativen formuliert sind, etwa die No-na-Aussage, dass „mehr und bessere Chancen für junge Menschen“ geschaffen werden müssten. Es gibt weiters die üblichen länderspezifischen Empfehlungen und Vorschläge für Maßnahmen zur Eindämmung der Jugendarbeitslosigkeit; nicht zuletzt etliche Programme wie die berühmten Initiativen „Erasmus für alle“ und „Leonardo da Vinci“, die lebenslanges Lernen propagieren, oder „Jugend in Aktion“, um Lernmöglichkeiten im Ausland für junge Menschen finanziell zu unterstützen. Ob das alles wirklich hilfreich und effizient ist und schon den Begriff „EU-Politik“ verdient, müssen wir ja an dieser Stelle letztlich nicht entscheiden.
Wenn die Europäische Kommission nunmehr eine Jobgarantie für Jugendliche fordert - dieses Modell stammt übrigens aus Skandinavien und funktioniert bislang etwa in Finnland recht gut - , so mag das zwar prima klingen, letzten Endes könnte das aber wieder nur heisse Luft sein. In diesem Fall ergeht es den EU-Granden genau so wie in vielen anderen Bereichen: Sie versuchen unentwegt und großflächig strategische Vorgaben zu formulieren und wirksame Ideen zu produzieren, aber durchgeführt - oder eben nicht - werden die erforderlichen Maßnahmen primär auf nationaler Ebene. Jedenfalls ist es ein Schritt in die richtige Richtung, dass Barroso & Co. die Mitgliedsländer ermutigen, den „Europäischen Sozialfonds“ stärker für die Schaffung von Arbeitsplätzen zu nutzen. Oder dass sie einigen Krisenländern geholfen haben, EU-Strukturfonds von insgesamt 7,3 Milliarden Euro umzuwidmen - eine Maßnahme, von der immerhin 460.000 junge Menschen profitieren können.
Die Union ist derzeit allerdings, wo vieles auf des Messers Schneide steht, mit scheinbar wichtigeren Themen befasst als joblosen Jugendlichen: Die Griechen könnten demnächst die EU verlassen, die Deutschen den Rettungsschirm ESM kippen - und die Zukunft des Euro ist immer ungewisser. Dennoch dürfen Brüssel und die Mitgliedsstaaten die Misere am Arbeitsmarkt und die Chancenlosigkeit so vieler junger Menschen nicht unterschätzen. Man muss gar nicht an die Folgen extrem hoher Arbeitlosenraten in der Vergangenheit denken, um zu erahnen, was für massive soziale Unruhen auf Europa zukommen könnten, wenn dieses zentrale Problem nicht bald in Angriff genommen wird - es ist mindestens genau so wichtig wie die Banken...


















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