Mittwoch 19. Juni 2013, 22:09

Justiz


EU-Justizkommissarin Viviane Reding drängt auf höheren Frauenanteil in Vorstandsetagen

Europas Unternehmenslandschaft ist noch immer männlich dominiert: nur jedes zehnte Vorstandsmitglied in Europas größten Unternehmen ist eine Frau, und in 97% der Fälle ist der Vorstandsvorsitzende männlich. Studien haben ergeben, dass Unternehmen mit einer höheren Zahl an weiblichen Führungskräften besser abschneiden als solche mit „rein männlich“ besetzten Vorständen.

Viviane Reding
Viviane Reding
Bild: Europ. Union
Frauen stellen 60% der Universitätsabgänger, sind aber in Entscheidungspositionen weiterhin unterrepräsentiert. Auf einem speziell zu diesem Thema einberufenen Gipfel in Brüssel trifft die Vizepräsidentin der EU-Kommission Viviane Reding heute Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende von börsennotierten Unternehmen aus zehn europäischen Ländern. Auf dem Programm stehen Diskussionen darüber, wie erreicht werden kann, dass mehr Frauen in die Vorstandsetagen einziehen und ob eine deutliche Veränderung der Situation eher über Selbstverpflichtungen oder auf dem Verordnungsweg erreichbar ist. Am Nachmittag wird in der Generaldirektion Justiz der Kommission ein „Mini-Hearing“ mit den Sozialpartnern zum selben Thema abgehalten.

Den Vorsitz des heutigen Meetings haben zwei Frauen, EU-Justizkommissarin Viviane Reding und Gertrude Tumpel-Gugerell, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank.

Erstaunlicherweise enthält die Liste der 14 weiteren Teilnehmer des „Mini-Hearings“ mit Ulla-Britt Fräjdin-Hellqvist (Kongsberg Automotive Holding) nur eine Frau. Selbst den CEO des Kosmetikkonzerns Guerlain stellt mit Laurent Boillot ein Mann. Vertreter Österreichs sind Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer (STRABAG AG) und Peter Michaelis (OMV, Österreichische Post AG, Telekom Austria AG).

Das heutige Treffen zwischen der Kommission und den Führungskräften und Sozialpartnern ist der erste Schritt zu einem ausgewogeneren Geschlechterverhältnis in den Vorstandsetagen und den leitenden Positionen der größten europäischen Unternehmen.

Frauen sind ein Gewinn

„Ich möchte eine klare Botschaft an die europäischen Unternehmen richten: Frauen sind ein Gewinn“, sagte die für Justiz zuständige Kommissarin Reding. „Wir müssen alle Talente unserer Gesellschaft nutzen, damit die europäische Wirtschaft erfolgreich ist. Deshalb ist der Dialog zwischen der Kommission und den Sozialpartnern so wichtig. Ich glaube, dass Selbstverpflichtungen schon etwas ändern könnten, wenn sie glaubwürdig sind und in ganz Europa Wirkung zeigen. Ich werde das Thema in einem Jahr noch einmal aufgreifen. Wenn die Selbstverpflichtungen wirkungslos sind, werde ich weitere Maßnahmen auf EU-Ebene ergreifen.“

Der neue Bericht über das Geschlechtergleichgewicht in Führungspositionen (Gender Balance in Business Leadership, in englischer Sprache) kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen im Durchschnitt 12% der Vorstandsmitglieder der größten börsennotierten Unternehmen in der EU und lediglich 3% der Vorstandsvorsitzenden stellen (siehe Anhang). Die Zahlen sind je nach Land unterschiedlich, von 26% weiblichen Vorstandsmitgliedern in Schweden und Finnland bis zu 2% in Malta.

Obwohl das Ziel eines ausgewogenen Geschlechterverhältnisses (ein Mindestanteil von 40% Frauen bzw. Männern) in Europa nur langsam erreicht wird, gibt es in einigen Ländern Fortschritte. Finnland, Schweden, die Niederlande und Dänemark haben Corporate-Governance-Kodizes und/oder freiwillige Vorgaben eingeführt, die zu einem höheren Frauenanteil in den Vorstandsetagen geführt haben. In Norwegen sind bereits gesetzliche Quoten vorhanden, in Frankreich und Spanien hat man diese soeben beschlossen. In den Niederlanden, Italien und Belgien wird eine Einführung diskutiert.

Positive Trends – geringer Fortschritt

Die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen und Männern an Entscheidungsprozessen ist eines der Ziele der „Charta für Frauen“ (siehe IP/10/237), die von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Vizepräsidentin Reding im März 2010 initiiert wurde. Im September 2010 nahm die Kommission zur Bekräftigung ihres Engagements eine Strategie zur Chancengleichheit für die nächsten fünf Jahre an (siehe IP/10/1149 und MEMO/10/430), in der gezielte Initiativen für mehr Frauen in Entscheidungspositionen in der Wirtschaft enthalten sind.

Es gibt sowohl wirtschaftliche als auch unternehmensinterne Gründe für ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis in den Leitungsgremien von Unternehmen. Mehr Frauen (59%) als Männer (41%) erwerben in Europa heutzutage einen Universitätsabschluss, auf der Karriereleiter fallen sie jedoch hinter die Männer zurück. Das bedeutet, dass das Arbeitskräftepotenzial für die Wirtschaft nicht voll genutzt wird. Gleichzeitig können Unternehmen von mehr Frauen in Führungspositionen profitieren. Eine Reihe von Studien weist auf Zusammenhänge zwischen Geschlechtergleichgewicht und hervorragenden Leistungen in den Bereichen Kreativität, Innovation, Rechnungslegung, Audit und interne Revision hin. Frauenfreundliche Unternehmen sind auch attraktiver für Kundinnen und potenzielle talentierte neue Mitarbeiterinnen.

Im Geschlechtergleichstellungsbericht für 2010 wird betont, dass zwar überall positive Trends erkennbar sind, der Fortschritt jedoch zu gering ist. Der Unterschied in der EU-weiten Beschäftigungsquote zwischen Frauen und Männern hat sich 2009/2010 von 13,3% auf 12,9% verringert, und die Frauenbeschäftigungsquote beträgt nun 62,5%. Die Arbeitslosigkeit ist jedoch sowohl bei Männern als auch bei Frauen durch die Krise gestiegen. Frauen üben mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Teilzeitbeschäftigung aus als Männer.

Zusätzlich bewältigen die Frauen noch immer den Großteil der Betreuungsaufgaben. Die Arbeitsmarktbeteiligung von Müttern ist um 11,5% geringer als bei Frauen ohne Kinder, während die Beteiligungsquote von Vätern um 8,5% höher ist als bei kinderlosen Männern. Die Probleme bei der Vereinbarung von Beruf, Familie und Privatleben sind einer von vielen Gründen für die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede: Frauen verdienen EU-weit durchschnittlich 17,5% weniger als Männer, und der Lohnunterschied hat sich in den letzten Jahren nicht verringert.

Finanziell unterstützt werden die praktische Umsetzung des Gleichstellungsgrundsatzes und die Förderung des Gender-Mainstreaming in allen Politikbereichen durch die EU im Rahmen des Programms PROGRESS (2007-2013). Auch der Europäische Sozialfonds fördert die Gleichstellung von Frauen und Männern.

Gesetzliche Frauenquote statt freiwilliger Selbstregulierung

Die enttäuschende Entwicklung bei den börsennotierten Unternehmen macht deutlich, dass freiwillige Selbstverpflichtung in Form von Kodexempfehlungen nicht ausreicht, um die Gleichstellung von Frauen in Führungspositionen zu erreichen. Auch in Deutschland schlägt die öffentliche Diskussion dazu hohe Wellen. In Österreich sollte nun schnellstmöglich gehandelt werden, um in der Frage der Gleichstellung nicht eines von Europas Schlusslichtern zu bleiben.

Die Arbeiterkammer fordert die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote von 40 Prozent bei der Besetzung von Aufsichtsratsgremien. Die legistische Umsetzung einer Frauenquote im Aktien- und GmbH Gesetz sollte rasch erfolgen, Übergangsfristen zur Umsetzung in den Unternehmen könnten ca. drei Jahre betragen. Zunächst sollen börsennotierte Gesellschaften, Unternehmen im öffentlichen Interesse und Unternehmen, die mehrheitlich der öffentlichen Hand gehören, erfasst werden, später dann alle großen Kapitalgesellschaften. Sanktionen bei Nichteinhaltung sollen spürbare Strafen und eine Eintragung im Firmenbuch sein. Als Sofortmaßnahme fordert die AK wirksame und konkrete Regelungen im Corporate Governance Kodex, die auf eine ausgewogene Vertretung beider Geschlechter im Aufsichtsrat abzielen. Die bestehenden Bestimmungen sollten umgehend verschärft und an die Standards anderer EU-Mitgliedstaaten angepasst werden. Darüber hinaus verlangt die AK eine zertifizierte, an eine offizielle Stelle angebundene Datenbank mit qualifizierten Frauen, die für die Tätigkeit im Aufsichtsrat zur Verfügung stehen und empfohlen werden. Bei der Bestellung von Aufsichtsrätinnen steht den Unternehmen dann ein umfassender Pool an kompetenten, hochqualifizierten Frauen zur Verfügung.

Report on Progress on Equality between Women and Men in 2010

 


 




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