Dienstag 21. Mai 2013, 20:04

Gesundheit

EU-Drogenbeobachtungsstelle besorgt über komplexen Stimulanzienmarkt

Europa ist mit einem immer komplexer werdenden Stimulanzienmarkt konfrontiert, auf dem den Konsumenten ein breites Angebot an Pulvern und Pillen zur Verfügung steht. Auch wenn Kokain, Ecstasy und Amphetamine in der Stimulanzienszene nach wie vor die wichtigste Rolle spielen, stehen sie inzwischen im Wettbewerb mit einer wachsenden Zahl neuer synthetischer Drogen, beispielsweise mit Cathinonen, einer der größten Gruppen neuer Drogen, die in Europa gemeldet wird.

EU-Drogenbeobachtungsstelle besorgt über komplexen Stimulanzienmarkt
EU-Drogenbeobachtungsstelle besorgt über komplexen Stimulanzienmarkt
Bild: lkalamujic/flickr.com
Auch andere Stimulanzien stehen unter Überwachung und es gibt Hinweise darauf, dass Methamphetamin auf dem Markt weiter auf dem Vormarsch ist.
In den Augen der Konsumenten sind diese Drogen in gewisser Weise „austauschbare Produkte“, erklärt die Beobachtungsstelle, wobei Faktoren wie Verfügbarkeit, Preis und Reinheit die Entscheidung der Konsumenten beeinflussen und für einen unbeständigen Markt sorgen. Der Bericht macht auch deutlich, dass Konsumenten oftmals gar nicht wissen, was sie tatsächlich kaufen.

Stimulanzien und synthetische Drogen spielen für die europäische Drogensituation eine zentrale Rolle, da sie einen sich schnell verändernden, unbeständigen und schwer zu kontrollierenden Markt schaffen. Mehr denn je zuvor bietet sich jungen Menschen eine Fülle von Pulvern und Pillen. Daten aus Notaufnahmen, Toxikologieberichten und Drogenbehandlungseinrichtungen lassen vermuten, dass die mit dem Konsum verbundenen Risiken den Nutzern nicht immer bewusst sind.

Kokain - weitere Anzeichen für sinkenden Konsum und Status

In den vergangenen zehn Jahren hat sich in Europa Kokain als das am häufigsten konsumierte illegale Stimulans etabliert, wobei die meisten Konsumenten in einer kleinen Anzahl westlicher EU-Länder zu verzeichnen sind. Rund 15,5 Millionen Europäer (zwischen 15 und 64 Jahren) haben irgendwann in ihrem Leben Kokain probiert, und etwa vier Millionen haben die Droge in den letzten zwölf Monaten konsumiert. Zwar ist der Kokainkonsum nach wie vor ein wichtiger Teil des Stimulanzienproblems, aktuelle Daten bestätigen jedoch die Analyse des letztjährigen Berichts, die besagt, dass die Popularität von Kokain zu sinken und es sein Image als Statusdroge allmählich zu verlieren scheint.

Belege dafür, dass sich weniger Drogenkonsumenten um eine Behandlung wegen Kokainproblemen bemühen, lassen ebenfalls darauf schließen, dass die Popularität von Kokain möglicherweise schwindet. Rund 15 % der Drogenkonsumenten, die sich einer Drogenbehandlung unterziehen, nennen Kokain als die Droge, die ihnen die größten Probleme bereitet.

Hinweise auf Comeback von Ecstasy

Rund 11,5 Millionen Europäer (zwischen 15 und 64 Jahren) haben irgendwann in ihrem Leben „Ecstasy“ probiert, und etwa zwei Millionen haben die Droge in den letzten zwölf Monaten konsumiert. Die aktuellen Daten bestätigen die Analyse des letztjährigen Berichts, dass MDMA - die bekannteste Droge der Ecstasy-Gruppe - ein Comeback feiert. Vorausgegangen war eine Verknappung von MDMA in den letzten Jahren - als „Ecstasy“ verkaufte Tabletten enthielten in dieser Zeit oftmals andere Substanzen (z. B. mCPP, BZP, Mephedron). Der Rückgang bei der Herstellung von MDMA wird mit erfolgreichen Maßnahmen zur Begrenzung der Abzweigung von PMK, dem für seine Herstellung benötigten chemischen Grundstoff, in Verbindung gebracht. Die Hersteller finden allerdings inzwischen Alternativsubstanzen als Grundstoffe für MDMA. Während als „Ecstasy“ verkaufte Tabletten nach wie vor unterschiedlichen Inhalt haben, scheint die Verbreitung von Pulvern und Tabletten mit hohem MDMA-Gehalt zuzunehmen.

Methamphetamin auf dem Vormarsch

Der Konsum von Amphetaminen (ein Begriff, der Amphetamin und Methamphetamin umfasst) ist überall in Europa nach wie vor geringer als der von Kokain. Rund 13 Millionen Europäer (zwischen 15 und 64 Jahren) haben irgendwann in ihrem Leben Amphetamine probiert, und etwa zwei Millionen haben die Droge in den letzten zwölf Monaten konsumiert. Die jüngsten Trenddaten zeigen, dass die 12-Monate-Prävalenz des Konsums von Amphetaminen junger Erwachsener (zwischen 15 und 34 Jahren) insgesamt stabil oder rückläufig ist. Im Vergleich der beiden Drogen wird Amphetamin häufiger konsumiert. Die Verbreitung des Konsums von Methamphetamin  in der Vergangenheit in Europa gering und überwiegend auf die Tschechische Republik und die Slowakei beschränkt  scheint allerdings zuzunehmen.

Die letzten Jahresberichte der EBDD haben deutlich gemacht, dass die Verfügbarkeit von Methamphetamin zunimmt, und dass die Droge neue Märkte im Norden Europas erobert, wo sie Amphetamin als das Stimulans der Wahl bereits teilweise verdrängt hat (Lettland, Schweden, Norwegen, Finnland). Zudem stellt die EBDD fest, dass Deutschland, Griechenland, Zypern, Ungarn und die Türkei im Jahr 2010 Anzeichen für einen problematischen Methamphetaminkonsum gemeldet haben, wenn auch auf sehr niedrigem Niveau.

4-MA - amphetaminartiges Stimulans unter Überwachung

Auf die zunehmende Besorgnis hinsichtlich des Konsums des Stimulans 4-Methylamphetamin (4-MA) hat Europa reagiert, indem formell eine Untersuchung der gesundheitlichen und sozialen Risiken der Substanz (einschließlich der Beteiligung der organisierten Kriminalität) verlangt wurde. Die Risikobewertung wird in Lissabon durch den Wissenschaftlichen Ausschuss der EBDD in Zusammenarbeit mit Sachverständigen von der Europäischen Kommission, Europol und der Europäischen Arzneimittel-Agentur vorgenommen werden.
Die Risikobewertung ist die zweite Phase eines dreistufigen rechtlichen Verfahrens, durch das Europa neue Drogen überwacht und auf neue Drogen reagiert. Veranlasst wurde sie durch mit dieser Substanz in Verbindung gebrachte Todesfälle in Belgien, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich (in den beiden letztgenannten Staaten wird die Substanz kontrolliert) sowie durch Berichte über Sicherstellungen in 14 europäischen Ländern. Nach der Sitzung wird der Europäischen Kommission und dem Rat der EU ein Risikobewertungsbericht vorgelegt werden, auf dessen Grundlage der Rat beschließen kann, die Droge EU-weit Kontrollmaßnahmen zu unterwerfen.

2012 bereits mehr als 50 neue Drogen entdeckt

Nach wie vor wird in der EU pro Woche etwa eine neue Droge gemeldet. Im Jahr 2011 wurden über das Frühwarnsystem der EU (EWS) insgesamt 49 neue psychoaktive Substanzen erstmals offiziell gemeldet. Dies entspricht der größten Zahl von Substanzen, die jemals in einem einzigen Jahr gemeldet wurde - ein Anstieg gegenüber 41 gemeldeten Substanzen im Jahr 2010 und 24 im Jahr 2009. Die vorläufigen Daten für 2012 deuten nicht auf eine rückläufige Entwicklung hin, da bereits mehr als 50 Substanzen entdeckt wurden.

Rekordzahl von Online-Shops, die „Legal Highs“ verkaufen

Eine Rekordzahl von 693 Online-Shops wurde festgestellt, die psychoaktive Substanzen in EU-Staaten verkaufen - ein Anstieg von 170 im Vergleich zu Januar 2010. Obgleich drei Naturprodukte - Kratom, Azteken- oder Göttersalbei und halluzinogene Pilze - die Top 10 der am häufigsten online angebotenen „Legal Highs“ anführen, handelte es sich bei den anderen sieben um synthetische Substanzen.
Bisher zielten die meisten neuen Drogen auf Freizeitkonsumenten von Drogen ab. In manchen Ländern konsumieren jedoch auch problematische Drogenkonsumenten neue Drogen. Berichte aus Ungarn ergaben, dass Opioidkonsumenten bei Heroinknappheit synthetische Cathinone (Mephedron, MDPV) injizieren.

„Ältere neue Drogen“ dürfen nicht übersehen werden

Während sich die Aufmerksamkeit auf alte, etablierte Drogen oder auf das Aufkommen neuer Substanzen konzentriert, hat sich eine Reihe „älterer neuer Drogen“ auf dem Markt etabliert, die nicht übersehen werden sollten, warnt die EBDD. Dazu gehören heute GHB, GBL, Ketamin, Mephedron und PMMA (8), für die „Inseln“ starken Konsums oder erhöhter Verfügbarkeit gemeldet werden. Mit diesen Drogen wurden negative gesundheitliche Auswirkungen, darunter die Abhängigkeit bei chronischen Konsumenten, in Verbindung gebracht, es sind aber auch unerwartete Probleme zutage getreten, beispielsweise Blasenleiden bei Ketaminkonsumenten. Diese Entwicklungen machen deutlich, dass die Drogeninformationssysteme der Länder sensibler auf aufkommende Trends und neuartige Gesundheitsprobleme im Zusammenhang mit diesen Substanzen reagieren müssen.

Neue Rechtsvorschriften

Die Europäische Kommission arbeitet mit Unterstützung der EU-Mitgliedstaaten, der EBDD sowie von Europol und der Europäischen Arzneimittel-Agentur an neuen Rechtsvorschriften, um künftig besser auf das Auftauchen neuer psychoaktiver Substanzen in der EU reagieren zu können.

In ihrer Stellungnahme zu dem Bericht erklärte Cecilia Malmström: „Diese neue Analyse der EBDD ist umso mehr zu begrüßen, als sie deutlich macht, mit welchen Drogenproblemen wir alle in der Europäischen Union gemeinsam zu kämpfen haben. Sie liefert Informationen für unsere Arbeit, mit der wir gegenwärtig versuchen, im Bereich Drogenhandel und Drogenkonsum das strategische und operative Konzept Europas zu stärken. Besonders betroffen macht mich die Geschwindigkeit der Entwicklungen, die heutzutage im Bereich der synthetischen Drogen zu beobachten sind. Ich denke, es ist allen klar, dass überzeugende und koordinierte Maßnahmen erforderlich sind, wenn wir in diesem Bereich wirksam reagieren wollen.“


 




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