Sonntag 24. September 2017, 08:51

Interviews

„Es bleibt nichts an Fördergelder liegen“

Als einziges Bundesland hat Oberösterreich vor sechs Jahren mit der in der Wirtschaftskammer situierten EU+ OÖ Förderlobby eine professionelle Anlaufstelle für Unternehmen, die an Fördergeld aus Brüssel herankommen wollen, geschaffen. Die Bilanz fällt laut Geschäftsführer Robert Leitner sehr positiv aus.

Robert Leitner
Robert Leitner
Was war das Ziel bei der Gründung der EU+ OÖ Förderlobby?

Die Gründung erfolgte zur Zeit der EU-Erweiterung 2004. Damit ist das Förderthema stärker in den Mittelpunkt gerückt, weil ja das Förderbudget nicht größer wurde, sondern weil mehrere Förderwerberländer hinzugekommen sind. Deshalb haben wir in der Wirtschaftskammer OÖ gesagt, wir müssen gemeinsam mit dem Land OÖ gegensteuern, um uns noch so viel vom Kuchen abschneiden zu können, wie das in der Vergangenheit der Fall war.

Die Initiative kam aus der Wirtschaftskammer OÖ?

Die Idee wurde von der Kammer zum Land OÖ getragen, und die damaligen politischen Entscheidungsträger befanden dies als gut. Wir verfolgen auch heute noch die ursprüngliche Idee, Unternehmen zu Fördertöpfen zu führen, die nicht in Österreich sind, etwa in Tschechien.

Gibt es dafür Beispiele?

Im Jahr 2008 hat ein großer oberösterreichischer Backwarenmittelhersteller ein Backdienstleistungszentrum in der Nähe von Prag unter Inanspruchnahme von EU-Strukturfondsmittel errichtet. Diese Mittel waren zwar für Tschechien bestimmt. Allerdings wurde dieses Vorhaben des Unternehmens zu 42 Prozent aus tschechischen Fördermitteln gefördert, weil es dazu beitrug, die tschechische Backtradition zu beleben.

Welche Rolle spielte dabei die EU+ Förderlobby?

Wir haben den Unternehmer zunächst über die Chancen aufgeklärt: welche Möglichkeiten hat er, wie muss er es strategisch anlegen, dass er zu diesen Fördertöpfen kommt, wer hilft ihm? Wir haben ihm einen kompetenten Berater zur Seite gestellt, der schon einmal mit Erfolg tschechische Fördermittel angezapft hat. Insgesamt haben wir ihn bei diesem Projekt zwei Jahre lang begleitet, bis schlussendlich die Förderung geflossen ist.

Erfolgte die Kontaktaufnahme durch das Unternehmen?

Ja, es gab ein Erstgespräch im Betrieb, bei dem wir die Situation ausgelotet und gesagt haben, dass er es alleine nicht schaffen wird und daher professionelle Begleitung und Betreuung braucht. Im Verbund mit unserem Beraterpool und unserem Möglichkeiten im Außenwirtschaftsbereich haben wir ihn zu den Fördertöpfen geführt. Gleiches galt für eine Steyregger Lüftungsfirma, die für die Modernisierung ihres Betriebes in Südböhmen Fördertöpfe anzapfen wollte. Hier zeigte sich der positive Effekt, dass die Erweiterung jenseits der Grenze erfolgte, ohne dass dies zu Lasten der Arbeitsplätze in Oberösterreich ging. Grundsätzlich schauen wir zuerst, ob es für das Unternehmen Erweiterungsmöglichkeiten in unserem Bundesland gibt.

Wie viele Unternehmen bzw. Personen kontaktieren die EU+ Förderlobby?

Es sind mehr als 1000 Anfragen pro Jahr, wobei wir nicht nur Auskünfte über EU-Förderungen geben, sondern über die Enterprise Europe Network-Stelle, deren Geschäftsführer ich ebenfalls bin, auch über EU-Recht, Lieferungen und Ausschreibungen informieren.

In welchen Bereichen gibt es für Unternehmen die besten Aussichten, an Förderungen heranzukommen?

Die besten Aussichten bestehen momentan sicher im Bereich Innovation. Hier gibt es in Oberösterreich, auf Bundesebene und auf der europäischen Ebene viele Möglichkeiten. Es ist heute bei der Projekteinreichung notwendig, dass es sich um ein Projekt im Bereich Innovation handelt. Reine Ersatzinvestitionen sind nicht mehr das Thema. Dann gibt es interessante Förderschienen im Umwelt- und Energiebereich, wo wir auch Chancen für unsere Unternehmer sehen, aber auch bei den Drittstaatenprogrammen.

Wird es immer wichtiger, grenzüberschreitend zu agieren, um Förderungen lukrieren zu können?

Der Trend geht auf europäischer Ebene in diese Richtung. Das beginnt bei der Forschung und reicht bis zu den grenzüberschreitenden Programmen, wo man einen Partner braucht. Diese Programme sind aber eher für Institutionen offen. Darüber hinaus gibt es die Diskussion, größere Wirtschaftsräume innerhalb der EU wie etwa den Donauraum zu forcieren. Dies würde letztlich wieder den Unternehmen zugute kommen.

Wie finanziert sich die Förderlobbystelle, ist die Beratung für Unternehmen kostenlos?

Es gibt eine Basisförderung sowohl für EU + als auch für Enterprise Europe. Bei EU+ zahlt 50 Prozent das Land OÖ, wobei nach jeweils drei Jahren eine Evaluierung erfolgt, ob es weitergeführt wird. Bei Enterprise Europa kommt der Zuschuss von der EU-Kommission. Wir machen auch selbst Projekte und versuchen, Kostenschüsse zu erhalten. Der Unternehmer braucht aber nichts zu bezahlen. Damit sprechen wir auch viele Firmen an, die sich das sonst nicht leisten könnten und nicht zu uns kommen würden – vor allem die kleineren und mittleren Unternehmen. Wenn sich die Firma jedoch einen Berater nimmt, muss sie mit ihm abrechnen.

Gibt es Firmen, die sich aus Kosten- oder sonstigen Gründen scheuen, Projekte zu entwickeln, die gute Chancen haben, EU-Fördermittel zu erhalten?

Ja, das ist ähnlich wie im Export. Manche Unternehmer nehmen Fördermöglichkeiten nicht in Anspruch, weil sie das Tagesgeschäft stark beansprucht oder die Firma gerade im Wachsen begriffen ist. Wir appellieren daher an die Verantwortlichen, Förderprogramm so zu konzipieren, dass sie auch für kleine Unternehmen nutzbar werden und sie nicht tagelang Reporting machen müssen.

Wie fällt Ihre Bilanz nach sechs Jahren als Chef der EU+ Förderlobby aus?

Die Bilanz fällt sehr positiv aus. Wir sehen, dass sich die oberösterreichischen Unternehmen, was die EU-Erweiterung anbelangt, sehr positiv geschlagen haben. Es wurden in den neuen EU-Ländern viele Investitionsprojekte unter Inanspruchnahme von EU-Fördermitteln umgesetzt. Zudem werden die Fördergelder genutzt, es bleibt nichts liegen. Es wird nicht nach der Gießkanne gefördert, sondern es werden die besten Projekte gefördert. Es wird genau geschaut, ob es ein innovatives Projekt ist und ob es einen Nutzen für die Region und die Arbeitsplätze bringt. Darum sagen wir als Kammer, es muss möglich sein, dass auch nach 2013 in Oberösterreich EU-Fördergelder fließen. Denn entscheidend ist, welche positiven Wirkungen mit den Fördergeldern erzielt werden.

Gibt es Verbesserungsmöglichkeiten?

Die Abwicklung durch die Stellen des Landes, des Bundes und der EU, die genau prüfen, stellen bei manchen Programmen einen großen Aufwand dar, der von einem Unternehmer nicht mehr zu bewältigen ist. Hier sollte das Procedere einfacher gemacht werden, indem man etwa die Erstkontrolle bei der Kammer belässt. Zudem wollen wir noch mehr Partner auf institutioneller Ebene motivieren, gemeinsam Programme zu entwickeln.

Wo sehen Sie die künftigen Herausforderungen?

Künftig wird im Förderbereich einer allein kaum noch etwas bewegen können. Man muss ein Projekt, entsprechende Partner und ein Experten- oder Beraterteam haben. In der Wirtschaftskammer beraten wir Förderwerber stets im Team, wo sich jemand über Landesförderungen, jemand über Bundesförderungen und jemand über EU-Förderungen auskennt. Gegebenenfalls ziehen wir noch einen Spezialisten bei.



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