Donnerstag 14. Dezember 2017, 21:44

Interviews

Erneuerbare Energien statt Atomkraft

 „Es ist ein Irrtum, ein Haus mit Wärme zu versorgen, braucht eine Pipeline bis Sibirien. Ein Haus kann mehr Energie produzieren, als es verbrauchen kann“, erklärt Energieexperte. Prof. Dr. Schleicher.


Europa ist reich an erneuerbaren Energiequellen. Geothermik, Solarkraft, Wasserkraft, Wellen, Wind und Biomasse lassen Experten die Meinung vertreten, eine Versorgung für Europa sei aus diesen Quellen sicherzustellen. In einem gemeinsamen trans-europäischen Netz soll die Vollversorgung durch Ökostrom bis 2050 technisch und ökonomisch möglich sein. Wie realistisch ist ein Atomausstieg und können erneuerbare Energien den Bedarf in Europa decken?

 

Prof. Dr. Stefan Schleicher | Bild: Fondazione Eni Enrico Mattei (FEEM)
Prof. Dr. Stefan Schleicher
Bild: Fondazione Eni Enrico Mattei (FEEM)


EU-Infothek sprach mit Univ.-Prof. Dr. Stefan P. Schleicher von Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz.

Kann Europa den Ausstieg aus der Atomenergie schaffen und wie lange schätzen Sie die Dauer für die Umsetzung eines atomfreien Europas?

Der Ausstieg ist möglich und wird für die einzelnen Staaten unterschiedlich lange dauern, Die meisten Staaten sollten dies bis 2020 schaffen.

Wie können Länder wie etwa Frankreich mit einem Atomstromanteil von über 75% eine alternative Energieversorgung erreichen?

Frankreich soll sich am Beispiel jener Länder orientieren, die eine viel geringere Atomquote haben oder auf Atomenergie verzichten konnten. Die Antworten sind immer: radikale Erhöhung der Energieeffizienz (mindestens 30% Reduktion des Energieverbrauchs bis 2020, erst dann kommt die Rolle der möglichen Erneuerbaren voll zum Tragen.

Was halten Sie von den angekündigten Stresstests für die AKWs? Sollte man nicht davon ausgehen, dass Kraftwerke laufend einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden?

Die bisherigen Informationen über die angekündigten Stresstests lassen die geplante Vorgangsweise dafür als sehr ungenügend erscheinen. Dieses Problem lässt sich nur auf internationaler Ebene lösen. Wenn die IAEA dazu nicht in der Lage ist, dann muss die EU selbst eine staatenübergreifende Aktion setzen. Ähnliches geschieht bereits für die Bewältigung der Finanzkrise.

Österreich importiert 6% Atomstrom. Ist dieser Import unbedingt notwendig?

Das wäre nicht notwendig, würde allerdings einen strengen Ursprungsnachweis für den Importstrom erfordern. Auch das reicht nur bedingt aus, denn dann würden eben andere europäische Länder mehr Atomstrom einsetzen der den nach Österreich exportierten atomfreien Strom substituiert.

Können Sie sich einen Europäischen Energiepool verstellen, aus dem Länder mit geringerer Eigenversorgung gespeist werden, um so einen Anreiz zum Ausstieg zu geben?

Das erscheint mir schwer möglich, da es nicht einfach wäre, beispielsweise die großen Mengen für Frankreichreich und Deutschland zur Substitution von Atomstrom durch andere Mitgliedsstaaten bereitzustellen. Die Antwort ist auch hier: radikale Erhöhung der Energieeffizienz und forcierter Ausbau der Erneuerbaren.

Welche Energiequellen stellen echte und quantitativ ausreichende Alternativen dar?

Genauso wie es unvorstellbar ist, dass wir 1:1 Kohle, Erdöl und Erdgas durch Erneuerbare substituieren, so gilt dies auch für Atomenergie. An erster Stelle steht immer die radikale Verringerung des Energieverbrauchs durch erhöhte Energieeffizienz, dann kommen mit auch ländermäßig sehr unterschiedlichen Potentialen die Erneuerbaren zu tragen. Frankreich hat beispielsweise hohe Potentiale bei der Nutzung der Gezeiten und bei Wind. Immer ist auch auf hocheffiziente Co- und Polygeneration aufmerksam zu machen, womit die Wirkungsgrade bei Gas mindestens verdoppelt werden können, zusätzlich helfen noch Wärmepumpen.

Japan baut seine Energieversorgung zu 30% auf Atomstrom auf. Selbst wenn der Wille zu einem Umdenken gegeben wäre, könnte ein Land dieser Größenordnung sich und die Einwohner seiner Millionenmetropolen durch andere Energieformen – in absehbarer Zeit - überhaupt versorgen?

Die Situation für Japan ist eigentlich sehr klar. Derzeit ist der Ausfall von ca. 15% des Nuklearstroms zu bewältigen. Das ist relativ rasch in drei Schritten möglich:

  1. Verbesserte Steuerung bei den jetzigen Anwendungen – also nur Einschalten, wenn die Dienstleistung wirklich gebraucht wird – bringt die ersten 5%.
  2. Erste Effizienzinvestitionen – in Japan vor allem bei den Gebäuden, die sehr viel Elektrizität für Kühlung und Heizen verwenden – bringt die zweiten 5%.
  3. Investitionen bei Erneuerbaren – naheliegend ist vor allem Windkraft, die Japan wohl aus China zukaufen wird – bringt die dritten 5%.



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