Energiewende: Zukunftsfähige Strategien - Teil 1
Wien. Der Verband Erneuerbare Energie Österreich hat eine hochkarätige Expertenrunde geladen, Strategien und Vorschläge für die Energiewende zu analysieren. Ein Jahr nach Fukushima hat ein regelrechter Öko-Boom eingesetzt. Werden wir die Ziele aus Brüssel erreichen oder scheitert es an den Rahmenbedingungen?

Bild: bittersweetchoc/flickr.com
Dänemark und Deutschland gelten als unumstrittene Musterschüler in Sachen Energie, entsprechend fallen die Lobeshymnen aus. Die Beispiele eröffnen zugleich neue Chancen für Österreich.
Dänemark: Konsequenz und Windkraft
Die Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist gar nicht so teuer: H.J. Koch beziffert die Kosten für die dänische Energiewende salopp mit „einem Burger pro Haushalt und Woche weniger, das reicht für die Revolution im Energiebereich.“ Die dänische Strategie besteht dabei aus fünf relevanten Punkten: Energiesicherheit – die Gesellschaft soll die Menge Energie zur Verfügung haben, wann immer diese gebraucht wird. Energie muss erschwinglich bleiben, um Wachstum zu ermöglichen. Die Umwelt ist im Interesse des Klimas und der Umweltbelastung zu schonen. Sicherheit für die Bevölkerung ist ein weiteres Kriterium, und Akzeptanz der erneuerbaren Energie in der Öffentlichkeit. Das betrifft Kernkraft ebenso wie CCS, Wind, Photovoltaik und neue Errungenschaften, die noch bevorstehen. Erneuerbare Energie ist in der Wettbewerbsfähigkeit unumstritten auf der Überholspur. Im Bereich der Energieeffizienz besteht nach Ausführung von H.J. Koch jedoch enormer Handlungsbedarf – hier wird reichlich Potenzial verschenkt.
Dänemark: CCS als Sorgenkind
Einmal mehr ist zu vernehmen, dass die Preise für Energie auf Steigflug sind. „Cheap Oil“ ist vorbei, jetzt wird es kostenintensiv. Kohle ist ein weiterer heikler Faktor, die CO2-Belastungen sind enorm, die Preisentwicklung hängt davon ab, wie China seinen Bedarf zu decken gedenkt. Die Weiterentwicklung von CCS ist eine kostspielige Sache, die mittlerweile komplett aus dem Zeitplan geraten ist. Auf diese Technik zu vertrauen, ist angesichts der Umstände unangebracht.
Strom und Raumwärme aus erneuerbarer Energie
Der Gast aus Dänemark hat zudem noch einige gute Nachrichten mitgebracht: Was 2020 betrifft, warten die Dänen mit vorbildlichen Zahlen auf. Über 35% des Endbedarfs kommen aus erneuerbarer Energie. Windkraft wird bis dahin annähernd 50% des Strombedarfs decken. Dafür sollen Windparks mit rund 2.000 MW installiert werden, die Hälfte davon werden Offshore-Anlagen sein. Zusätzlich setzt Dänemark vermehrt auf Smart-Grids. Doch das ist nicht alles: Gegenüber 2010 sind Energieeinsparungen von knapp 8% realisierbar, Treibhausgase werden gegenüber 1990 um 34% reduziert. Bis 2030 soll die Ära der Kohlekraftwerke beendet sein, bis 2035 sollen Strom und Raumwärme zur Gänze aus erneuerbaren Energien stammen. Bis 2050 soll das komplette Energiesystem auf erneuerbarer Energie beruhen. Das klingt nach Musterschüler. Dänemark hat erkannt, dass eine auf fossilen Brennstoffen basierende Wirtschaft sehr leicht verletzbar ist.
Deutschland: Der Energiemarkt steht Kopf
Die erneuerbaren Energien haben in Deutschland den Energiemarkt ziemlich heftig durcheinander gewirbelt. Während Energieeffizienz nach wie vor als heikles Thema gilt, gibt es mittlerweile reichlich Strom aus Windkraft und Solarenergie. Das führt fast schon regelmäßig zu einem Systemkonflikt, der die deutschen Netzbetreiber zur Verzweiflung bringt. Oktober 2009 gab es dermaßen viel Wind, dass die Netze glühten – mit der Folge eines Negativ-Preises am Strommarkt. Netzbetreiber Vattenfall Europa verlor in einer einzigen Nacht drei Millionen Euro, ähnliche Szenarien häufen sich. Am 8. Mai 2012 waren zur Mittagszeit 18500 MW aus Photovoltaik verfügbar, insgesamt konnten 141 GWh Strom aus den Photozellen gepresst werden. Das bringt das System ins Schwanken. Einspeisungen im Prozentbereich sind keinerlei Problem, doch bereits eine 20 prozentige Einspeisung stellt die Netzbetreiber auf die Probe. Das liegt am Einspeisegesetz, demnach Grüner Strom bevorzugt abzunehmen ist.
Fossile Kraftwerke bald unrentabel
Die Umwelt freut sich, die Kraftwerksbetreiber schwitzen: Das Einspeisegesetz räumt Grünstrom den Vorrang ein, das schmälert die Gewinne einer ganzen Branche. Kernkraft ist zum Abfangen von Stromspitzen denkbar ungeeignet, auch Kohlekraftwerke haben eine zu lange Anlaufzeit. Die Problematik liegt in der Teilauslastung, die an der Rendite nagt, die kalkulierte Amortisation ist aufgrund der reduzierten Betriebsstunden nicht erreichbar. Lediglich Gaskraftwerke bleiben im Rennen, da diese binnen Minuten auf Stromschwankungen reagieren und diese kompensieren können. Investitionsanreize für Gaskraftwerke wären eine Lösung, um dem Problem entgegen zu wirken. Strom und Wind übernehmen somit die Grundlast, ausreichend Reservekapazitäten sind jedoch unumgänglich. Der Rest muss flexibel gestaltet werden, um den Strommix nach Bedarf zu modifizieren.
Speicherkapazitäten als technische Herausforderung
Jürgen Maier, Forum Umwelt & Entwicklung / Berlin setzt auf Gas. Er erachtet den Bedarf an ausreichend Speicherkapazitäten als eine der größten Herausforderungen für Forschung und Technik. Der Experte sieht eine Möglichkeit, das europäische Pipeline- und Speichernetzwerk für Erdgas dafür zu nutzen. Zudem lässt sich mit Biogas das Gassystem verstärkt vergrünen. Weiters könnte überschüssiger Windstrom zur Wasserelektrolyse eingesetzt werden. Der „Grüne Wasserstoff“ wiederum könnte bis zu einem gewissen Grad ins Erdgasnetz eingespeist oder zu Methan weiterverarbeitet werden. Dennoch sind einige Hürden zu erwarten, die der weiteren erfolgreichen Energiewende noch im Wege stehen.
Solarkürzung gestoppt. Solarkraft boomt
Das latente Geplänkel um die Kürzung der beliebten Solarförderung hat einen regelrechten Boom ausgelöst. 2011 gab es in Deutschland einen Zuwachs von 7500 MW an Solarenergie, viele sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Die deutsche Bundesregierung hat ohne es zu wissen die Energiewende ziemlich nachhaltig beschleunigt. Die Kosten für erneuerbare Energien verursachen jährlich 8,9 Milliarden Euro pro Jahr gegenüber konventionellem Strom, das macht pro Haushalt eine Mehrbelastung von sechs Euro und ersetzt Energieimporte über 11 Milliarden Euro. Problematisch ist jedoch die EEG-Umlage, da sich die Unternehmen gekonnt abputzen und einmal mehr der Steuerzahler gerupft wird. Seitens der Investoren werden die Rahmenbedingungen mangels Vorhersehbarkeit bekrittelt, was beim dem Zickzackkurs nur allzu leicht verständlich ist.
Erneuerbare Energien haben die erste Feuertaufe bestanden. Die Energiewende in Deutschland ist nicht mehr zu stoppen, schon gar über die politische Ebene. Wer steckt wohl dahinter, dass gerade im korrekten Deutschland immer wieder energiepolitische Querschläger zu verzeichnen sind?
So viel zu den tollen Leistungen von Dänemark und auch von Deutschland. Wie es in Österreich aussieht, darüber berichtet Teil 2.


















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