Donnerstag 20. Juni 2013, 00:17

Energie & Ressourcen


Energiepolitik nach Fukushima – Teil 2

Wien: Eine hochkarätige Expertenrunde analysiert den Energiefahrplan 2050 auf Machbarkeit. Das Konzept aus Brüssel sieht vor, die CO2-Emissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu senken. Dabei rückt das heikle Thema Atomkraft erneut in den Mittelpunkt der Diskussionen. Welche Möglichkeiten hat Europa, um ohne Kernenergie auszukommen?

Energiepolitik nach Fukushima
Energiepolitik nach Fukushima
Bild: eu-infothek
CO2 Emissionen reduzieren, Energieeffizienz und Dekarbonisierung lauten die Schlagworte im Energiefahrplan der EU. Dabei zählen drei no-regrets: Effizienz, EEG und intelligente Infrastrukturen. Über 14 Prozent des BIP fließen in die Dekarbonisierung, und diese Kosten zu stemmen ist eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten. Darüber herrscht auch in Brüssel Einigkeit. Doch wie stehen österreichische Experten zu diesem Thema?

Weiterer Zuwachs an CO2-Emissionen

Eveline Steinberger-Kern, Siemens AG Österreich (Sector Cluster Lead Energy), findet reichlich lobende Worte für den europäischen Energiefahrplan. Es gibt dabei sehr gute Ansätze, gibt jedoch zugleich zu bedenken, dass keine wirkliche Verbindlichkeit besteht. Die Schwierigkeiten, die CO2-Emissionen zu senken, sind unübersehbar. Ist das Ziel zu hoch gesetzt oder liegt es an den halbherzigen Maßnahmen? Aktuelle Prognosen deuten auf einen steigenden Trend hin, zumal in diesem Zusammenhang nur global agiert werden kann. Während in Österreich in Sachen EEG ganz gut agiert wird, sind andernorts gravierende Mängel erkennbar. Aus aktueller Sicht bleibt die Abhängigkeit von Importen am Energiesektor leider weiter bestehen. Um die ambitionierten Ziele zu erreichen müssen die Anstrengungen verdreifacht werden. Auch E. Steinberger-Kern bezeichnet die Infrastruktur und Stromnetze als akute Schwachstelle im System. Die Energiewende geht nicht ohne up-and-downs. Siemens beispielsweise leistet mit Energy Help Checks im industriellen Bereich einen wesentlichen Beitrag in Sachen Energieeffizienz.

Zu viele Übergangslösungen

Gegenwärtig ist die europäische Energiepolitik geprägt von Übergangslösungen und Improvisationen. Das lässt vermuten, dass es an einem ganzheitlichen Konzept mangelt. So ist Gas beispielsweise eine klassische Übergangslösung und nicht geeignet, von Importen unabhängig zu werden. Eine konsequente Dekarbonisierung ist auf lange Sicht gesehen jedoch immer noch billiger als so weiter zu machen wie bisher. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Forschung und Entwicklung an die Industrie gekoppelt sind. Hannes Swoboda, MEP, gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass die Wirtschaftskrise nicht von der erforderlichen Umstrukturierung ablenken darf. Es gilt, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Methoden wie beispielsweise CCS sind nach einhelliger Meinung der Experten grundlegend auf langfristige Umweltauswirkungen zu überprüfen. Die Methode gilt gegenwärtig als umstritten und kostenintensiv.

Viele Methoden unausgereift

Während die Förderung von Schiefergas (Fracking)  noch in den Kinderschuhen steckt und reichlich negative Umweltauswirkungen mit sich bringt, sind in diesem Zusammenhang bereits mehrfach  Trinkwasservergiftungen aufgetreten. In den USA beispielsweise haben vergleichbare Projekte enorme Umweltschäden angerichtet, die Folgen sind  verheerend und nicht unbedingt erstrebenswert.

Elektromobilität beispielsweise ist vorerst nur in den Ballungszentren realisierbar, da die erforderliche Infrastruktur einfach nicht gegeben ist. Die Speicherkapazität der Akkus hält sich zu sehr in Grenzen und es gibt kaum Ladestationen. Zwar ist geplant, E-Mobilität zu forcieren, für längere Strecken gibt es zu den bekannten fossilen Treibstoffen aus heutiger Sicht noch keine vertretbare, serienreife und zugleich praxistaugliche Alternative.

Strukturelle Probleme überwiegen

Zu wenig Innovation, Unsicherheiten und Verbindlichkeit in Verbindung mit technischen Hindernissen bilden gegenwärtig zahlreiche Hemmnisse in der Umsetzung des Energiefahrplans. Die Erstinvestitionen sind nur die Einstiegshürde, alleine der Ausbau der Energienetze hat eine jahrzehntelange Vorlaufzeit. Den Smart-Grids fehlt es vielfach an der erforderlichen Marktdurchdringung, es gibt viele nur schwer abschätzbare Komponenten im System.

Energieeffizienz hat Priorität

Unterm Strich gesehen bietet sich Energiesparen ebenso wie Energieeffizienz dank sofortiger Einsetzbarkeit als vorerst günstigste alltagstaugliche Methode an, der Problematik sowohl im Bereich der Industrie und Wirtschaft wie auch im persönlichen Umfeld beizukommen. Das gibt der Forschung zumindest vorübergehend Zeit, neue Energiequellen zu erschließen. Zur Erinnerung: Diese sollen preiswert, umweltfreundlich und erneuerbar sein.

Das Strategiepapier aus Brüssel ist geeignet, die Diskussion zu eröffnen, diesbezüglich herrscht seltene Einigkeit unter den Experten, die im aktuellen europäischen Energiemix einen unübersehbaren Wildwuchs orten. Die Realisierung des Energiefahrplans ist ein Kampf gegen die Zeit, so viel steht fest. Auch bestärken die österreichischen Experten die Meinung der deutsche Kollegen, dass sich Brüssel in der heiklen Berechnung der Energiekosten ziemlich unprofessionell verkalkuliert hat, indem relevante Komponenten einfach unberücksichtigt blieben: Atomkraft hat aufgrund der technischen Begebenheiten geeigneter Ressourcen und der damit verbundenen Entsorgung ebenfalls ein vorhersehbares Ablaufdatum und ist zugleich keineswegs frei von CO2-Emissionen.

Die von einigen Stellen angekündigte Freie Energie wird es wohl nie geben, das Perpetuum Mobile funktioniert leider nicht wie vorgesehen und mit der Kernfusion will es auch nicht klappen. Somit scheint eine Frage berechtigt: Wie geht es wirklich weiter? Wo bleiben die Lösungen und alltagstauglichen Konzepte?

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