Energiepolitik nach Fukushima – Teil 1
Wien: Eine hochkarätige Expertenrunde analysiert den Energiefahrplan 2050 auf Machbarkeit. Das Konzept aus Brüssel sieht vor, die CO2-Emissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu senken. Dabei rückt das heikle Thema Atomkraft erneut in den Mittelpunkt der Diskussionen. Welche Möglichkeiten hat Europa, um ohne Kernenergie auszukommen?

Bild: Uni Frankfurt
Zu viele politische Unsicherheiten
Die erforderlichen Investitionen für erneuerbare Energie sind, von den Forschungs- und Entwicklungskosten abgesehen, eine schwere Belastung für die einzelnen Mitgliedsstaaten. Investoren wollen klare Verhältnisse. Die kostenintensiven Projekte müssen kalkulierbar sein. Angesichts der exorbitanten Höhe der erforderlichen Investitionen und der teils unvorhersehbaren politischen Verhältnissen sind die Rahmenbedingungen denkbar ungeeignet und nur schwer abschätzbar. Es fehlt an der langfristigen Orientierung. Das gibt auch Michael Kilpper von der Kommission in Brüssel ganz offen zu. Verbindlichkeit ist gefragt, doch genau diese ist in dem Energiefahrplan 2050 kaum zu erkennen. Die öffentlichen Haushalte stehen massiv unter Druck, die Wirtschaftskrise im denkbar ungünstigsten Moment gekommen.
Wege zur Dekarbonisierung der Energiesysteme
Energieeffizienz bedeutet Energieeinsparung. M. Kilpper von der Kommission setzt diese kurzfristig aktivierbare Energiequelle dem Erschließen einer neuen Energiequelle gleich. Dadurch ist es möglich, den Vorrat endlicher Energiequellen beträchtlich zu strecken. Energieeinsparungen entwickeln sich in der Praxis nicht umsonst zu einem richtigen Selbstläufer. Um nachhaltige, langfristige Erfolge verzeichnen zu dürfen, sind ganzheitliche Konzepte gefragt. Ein Portfolio aus erneuerbaren Energiequellen, CCS, Kernenergie und diversifizierter Versorgung gilt als Basis für das Energieszenarium der Zukunft. Kohle gilt aufgrund der CO2-Emissionen als eindeutiger Verlierer im System, Gas ist zu wichtig, um den Anteil in absehbarer Zukunft zu reduzieren. Strom gewinnt enorm an Bedeutung, zumal die Elektrifizierung des Verkehrs drastische Einsparungen im Bereich der schädlichen Umweltbelastungen bringt. CO2-Emissionen und Feinstaubbelastungen werden gleichermaßen reduziert. Kernkraft ist nach Meinung der Experten aus Brüssel vorerst unverzichtbar. Doch obwohl Brüssel diese günstige gerechnet hat, steigen die Kapitalkosten in diesem Bereich, relevante Komponenten bleiben dabei unberücksichtigt, so M. Kilpper weiter.
Flexible Ressourcen gefragt
Erneuerbare Energie wie Wind und Sonne sind unberechenbar. Bei optimalen Verhältnissen liefern diese kurzfristig beträchtliche Mengen an Energie. Und genau diese Unberechenbarkeit schafft Probleme: Weder Kohle- noch Kernkraftwerke sind darauf ausgelegt, diese Schwankungen kurzfristig kompensieren zu können. Flexible Ressourcen wie Gaskraftwerke sind dafür systembedingt schon wesentlich besser geeignet. Österreich hat dank Speicherkraftwerken gegenüber den Nachbarstaaten einen enormen Vorteil, wobei die Ausbaumöglichkeiten in diesem Bereich mittlerweile ziemlich erschöpft sind.
Infrastruktur und Stromnetze als Schwachstelle
Bedingt durch die Bindung an regionale Begebenheiten bei Wind- und Sonnenenergie kristallisiert sich die Infrastruktur als ungeeignet heraus. Die Stromnetze müssen entsprechend optimiert werden, um den Anforderungen gerecht zu werden, es gilt, tragfähige Speicherlösungen zu entwickeln. Um die Rentabilität der Investitionen sicher zu stellen, müssen Kapazitätsmärkte und Marktmechanismen implementiert werden. Ein durchdachtes Marktdesign mit integrierten Strom- und Gasmärkten soll den Kostenfaktor überschaubar machen und zugleich der kontinuierlichenVersorgungssicherheit dienen.
Die Energiepreise werden bis 2030 steigen, so viel steht fest. Das 20:20:20 Konzept gilt als unabdingbare Voraussetzung, um die Ziele bis 2020 zu realisieren. Dabei gilt es, drei No-regrets zu berücksichtigen, nämlich Effizienz, EEG und intelligente Infrastrukturen. Ein umfassender, koordinierter Ansatz scheint des Rätsels Lösung zu sein, wir brauchen Innovationen betreffend der CO2-Emissionen. Die heute praktizierten Methoden reichen definitiv nicht aus.
Der enorme Aufwand für die angestrebte Energiewende bietet langfristig gesehen jedoch einen schier unglaublichen Vorteil in der europäischen Energiebilanz. M. Kilpper meint dazu wörtlich: „Saudi wird für unsere Energiewende bezahlen!“


















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