Energiefahrplan 2050: Falsch kalkuliert?
Brüssel: Der Energiefahrplan 2050 hat gerade mal eben das Licht der Welt erblickt – und sorgt für weitreichende Aufregung. Die Strategie zielt darauf ab, den europäischen CO2-Ausstoß bis 2050 um zumindest 80% senken zu wollen. Das Ziel ist löblich, der Teufel steckt im Detail. Gehen die bunten Zahlenspiele gar an der Realität vorbei?

Bild: Andreas Arnold
Preisannahmen nicht nachvollziehbar
Brüssel kann nicht rechnen. Zumindest erwecken die vorgelegten Zahlen diesen Eindruck. Die Umweltschützer zürnen, auch aus dem Bundesumweltministerium (BMU) ist kein Applaus zu vernehmen. Die Annahmen aus Brüssel gehen an der Realität vorbei: Während die Kosten für Kernenergie und CCS zu nieder angesetzt sind, sind die Kosten für die erneuerbare Energie zu veranschlagt, so das BMU. Und es kommt gar selten vor, dass Ministerium und Umweltaktivisten einer Meinung sind. Die Kommission kalkuliert für die Installation einer KW-Stunde Sonnenstrom über 4000 Euro, in der Praxis sind es gerade mal 2000 – 3000 Euro, so die Experten von Greenpeace. Diese Differenz ist mit einem harmlosen Rechenfehler kaum zu erklären, daher ist von grundlegend falschen Annahmen für diese reichlich seltsame Kalkulation auszugehen.
Atomkraft soll Energiewende finanzieren
Die Kommission jongliert mit Szenarien, in denen die Modelle mit Kernenergie die eindeutig niedrigsten Energiekosten aufweisen. Eberhard Brandes, WWF – Chef, kann diesem Konzept nichts abgewinnen, da die Kernkraft mit sehr zweifelhaften Annahmen billig gerechnet wird. Der erhebliche Beitrag zur Energiewende dient defacto als blanko Persilschein für die Kernkraft, da hat die Lobby wieder mal ganze Arbeit geleistet. Dietmar Schütz, Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie vertritt ebenfalls die Meinung, dass die Annahme für die Kostenentwicklung konventioneller Energieträger zu optimistisch ausfällt. Immerhin: Die Kommission denkt über ein Zwischenziel für 2030 nach. Wind, Sonne und Co. müssen sich eben gedulden. Brüssel setzt auf Kernkraft, das steht jetzt fest – die Zahlen beweisen es.
Erneuerbare Energien von Kommission unterschätzt
Kritik kommt auch von Baden-Württembergs Europaminister Peter Friedrich / SPD. Dieser wirft der Kommission ebenfalls vor, das Potenzial der Erneuerbaren Energien deutlich zu unterschätzen. Es fehlt sichtlich an einer überzeugenden Strategie für die EU-weite Förderung der Erneuerbaren Energien, und zwar gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten. Während in Deutschland hinter den Kulissen lautstark um Förderungen für alternative Energien gestritten wird, gibt es harsche Kritik für die Kommission. „Wir brauchen eine europäische Energiewende, die zentral auf Erneuerbare Energien und Energieeffizienz setzt und der Kernenergie eine klare Absage erteilt“, so die Forderung des Europaministers. Für ihn ist es nicht akzeptabel, dass Brüssel weiterhin der Hochrisikotechnologie Atomkraft vertraut.
Halbherzigkeiten aus Brüssel
Angesichts der Tatsache, dass 2010 in der EU27 rund 30 Prozent der Stromerzeugung aus Kernkraftwerken stammt, ist die Strategie, diesen Anteil europaweit während der nächsten 40 Jahre nur zu halbieren nicht gerade ambitioniert. Die für 2030 gesetzte 30 Prozentmarke bei der Erneuerbaren darf somit wohl zurecht als halbherzige Sache bezeichnet werden. Eigentlich darf man von der Kommission mit gutem Recht erwarten, eine überzeugende Strategie für die EU-weite Förderung der Erneuerbaren Energie gemeinsam mit den Mitgliedstaaten zu erarbeiten.
Die europäischen Erneuerbare-Energien-Verbände sind mit dieser Vorgabe naturgemäß nicht zufrieden und fordern ein verbindliches EU-Mindestziel von 45 Prozent bis 2030, was nach Meinung vieler Experten durchaus machbar ist.
Kritik aus allen Richtungen
Während Günther Oettinger, EU-Energiekommissar, harsche Kritik abbekommt, herrscht im EU-Parlament seltene Einigkeit in Sachen Energiefahrplan. Den Ladenhüter Atomkraft als kostengünstigen Klimaretter wollen die Parlamentarier nicht länger hinnehmen, G. Oettinger steuert hilflos, aber zielsicher an einer nachhaltigen Energieversorgung vorbei. Sein Fahrplan ist gezeichnet von fehlerhaften Kostenannahmen und pessimistischen Ausbauszenarien für Erneuerbare Energie, so das missgestimmte Credo der zahlreichen Kritiker. Öttinger wird nachhaltige Ignoranz gegenüber der Bevölkerung und deren zunehmender Abneigung gegen Atomkraft vorgeworfen, die Abgeordneten gehen in die Offensive. Es folgt die Forderung nach einem länderspezifisches Ausstiegsszenario aus der Atomkraft, welches für Frankreich mit 58 Reaktoren anders aussehen müsse als für die Niederlande mit nur einem Reaktor am Netz.
Der neue Energiefahrplan erhitzt die Gemüter. Was auch immer Brüssel ausbrütet, die Sache mit der Atomkraft kommt bei der Bevölkerung mittlerweile gar nicht gut an. Doch wie kommt es zu den bunten Zahlenspielen mit konventioneller Energie? Ist es Unachtsamkeit oder redet Brüssel gar mit gespaltener Zunge?













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