Samstag 25. Mai 2013, 18:43

Energie & Ressourcen

Energie 2050: Strommanagement als Chance

Energiemärkte neu denken: Die Visionen aus Brüssel zum Energiefahrplan 2050 basieren auf  Dekarbonisierung. Unterschiedliche nationale Begebenheiten verlangen spezifische Lösungen. Es ist Aufgabe der EU dafür zu sorgen, dass nationale Bemühungen aufeinander abgestimmt werden und negative Spillover-Effekte tunlichst vermieden werden.

Energie 2050: Strommanagement als Chance
Energie 2050: Strommanagement als Chance
Bild: BMLFUW/Kern Bernhard
Die Pläne sind ambitioniert, die Herausforderungen komplex. So präsentiert sich die Situation am europäischen Energiebinnenmarkt angesichts des Energiefahrplans 2050. Der integrierte Binnenmarkt ist nach Meinung der Kommission des Rätsels Lösung, um die erforderliche Dekarbonisierung erfolgreich zu bewerkstelligen und zugleich die notwendige Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Doch wie komplex diese Aufgabe wirklich ist, lässt sich angesichts der unterschiedlichen nationalen Rahmenbedingungen und der technischen Voraussetzungen für adäquate Lösungen kaum erahnen.

Flexible Ressourcen und flexible Märkte

Brüssel setzt auf weit reichende Flexibilität. Das betrifft sowohl die Ressourcen im Bereich von Produktion, aber auch Speicherung und Nachfragemanagement. Damit soll es realisierbar sein, die gegenwärtig noch sehr unterschiedliche Verfügbarkeit der Erneuerbaren Energien kompensieren zu können. Die weitere Herausforderung sieht Brüssel bei den Grosshandelspreisen. Die Grenzkosten bei Wind- und Solarstrom tendieren gegen Null, was wiederum die Erlöse jener Stromerzeuger schmälert, die nur mehr zum Ausgleich der Versorgungslücken vorgesehen sind, weil die erneuerbaren Energien systembedingt unter gewissen Bedingungen nicht verfügbar sind. Investoren wiederum fürchten angesichts dieser Umstände um Rentabilität und Betriebskosten, es gibt zu viele Variablen und unvorhersehbare Komponenten im System. Eine Marktordnung, die auf kosteneffiziente Lösungen ausgerichtet ist, gewinnt somit an zunehmender Bedeutung.

Nachfragemanagement sichert Rendite

Ein verbindlicher weil gewährleisteter Marktzugang ist eine der Kernvoraussetzungen für das Konzept aus Brüssel, Flexibilität muss eben mal belohnt werden. Für Investoren müssen für alle Kapazitäten verbindliche und zugleich angemessene Rendite gegeben sein, zudem darf die politische Entwicklung in den einzelnen Mitgliedstaaten keine Hindernisse bei der Strom- bzw. Gasmarktintegration mit sich bringen. Diese könnten das übrigens sehr sensible Versorgungsgefecht nämlich sehr leicht aus der Balance bringen. Es besteht ausgesprochener Koordinierungsbedarf, um die mannigfaltigen Auswirkungen nationaler energiepolitischer Entscheidungen im Binnenmarkt, von dem wir letztlich alle abhängig sind, ausreichend zu integrieren. Die angedachten Regulierungsmassnahmen in Verbindung mit der neuen Marktordnung sollen profitable Anreize für langfristige Investitionen bilden.   

Lokale Ressourcen und zentralisierte Systeme

Sämtliche der von der Kommission skizzierten Szenarien gehen von einer signifikanten Steigerung der erneuerbaren Energien aus. Das wiederum erfordert eine drastisch verbesserte Infrastruktur, den aktuellen Netzen fehlt es an Kapazität. So sieht es die Roadmap vor, die Verbindungskapazität bis 2020 um 40 Prozent zu steigern, Energieinseln sollen von der Landkarte eliminiert werden. Zudem stellt sich Brüssel Synchronverbindungen zwischen dem europäischen Festland und dem Ostseeraum vor. Eine Verordnung über eine geeignete Energieinfrastruktur wäre eine vorstellbare Option,  die europäische 10-Jahresplanung des Infrastrukturbedarfs durch ENTSO und ACER liefert bereits greifbare Szenarien für Investoren, auch wenn die integrierte Netzplanung, Speicherkapazitäten und Stromautobahnen erst zu einem späteren Zeitpunkt zum Tragen kommen. Selbst eine CO2-Infrastruktur wird in Aussicht gestellt – wir dürfen gespannt sein.

Variable Erzeugung und intelligente Verteilernetze

Regenerative Energien verlangen aufgrund variabler Erzeugungsleistungen intelligente Netze, um den dezentralen Quellen ebenso wie dem „Demand Response“ Rechung tragen zu können. Windkraft und Fotovoltaik liefern höchst unterschiedliche Energiemengen, neue Nutzer auf der anderen Seite wiederum erfordern eine stärkere Integration von Übertragung, Verteilung und Speicherung der Energie. Besonderes Augenmerk erfordert der Nordseestrom und die damit verbundene Infrastruktur, die wiederum in einen modularen Entwicklungsplan für das gesamteuropäische Stromnetz bis 2050 einfließen soll. Wettbewerbsfähige Gaskapazitäten zu wettbewerbsfähigen Preisen sollen einer dekarbonisierten Stromerzeugung hilfreich zur Seite stehen, die Kommission denkt zudem an einen  funktionierenden EU-weiten Gasgrosshandelsmarkt, wie immer dieser auch funktionieren soll.

EU will Investoren mobilisieren

Die Energiewende ist sowohl eine technische als auch logistische Herausforderung der Superlative. Die Finanzierung ist auch nicht ganz ohne. So müssen Infrastruktur und Kapitalgüter weitgehend ersetzt werden. Das gilt ebenso für Verbrauchsgüter in privaten Haushalten. Die reichlich lange Vorlaufzeit speziell im Bereich Infrastruktur und Anlagenbau darf keinesfalls unterschätzt werden. Denn, so behauptet jedenfalls der „World Energy Outlook“ der IEA, für jeden bis 2020 nicht getätigten US-Dollar müssen in Folge weitere 4,3 US-Dollar eingesetzt werden, um die durch dieses Versäumnis bedingten erhöhten Emissionen zu kompensieren. Und das wiederum geht mächtig ins Geld.

Politik muss Rahmenbedingungen schaffen

Ein einheitlicher Politrahmen wäre angesichts der Aufgabenstellung durchaus angebracht, jetzt ist der Zeitpunkt, um in Forschung und Innovation zu investieren. Die Investitionsentscheidungen können durch gute Rahmenbedingungen sehr wohl beeinflusst werden, doch diese müssen erst realisiert werden, um die Energierevolution bis 2050 gemeistert zu haben. Und damit wiederum ist die EU gefordert: Es müssen erst geeignete Rahmenbedingungen für Finanzierungen am Energiesektor geschaffen werden, um die Vorgaben der Roadmap erfolgreich realisieren zu können.     

EU-Minister bleiben am Ball

Beim dem dieser Tage abgehaltenen informellen Treffen signalisierten die Energieminister Einigkeit. Dabei standen einmal mehr die Effizienzrichtlinie und der Emissionshandel auf der Tagesordnung. Immerhin: Trotz vereinzelter Unstimmigkeiten bekennen sich die Minister weiterhin zum Energienfahrplan 2050 und wollen bei der nächsten Ratssitzung im Juni ihre Schlussfolgerungen zum Energiefahrplan verabschieden. Nichtsdestotrotz ist fest zu stellen, dass einige Mitgliedstaaten den Richtlinienvorschlag mit Konsequenz und Nachhaltigkeit verwässern. Inwieweit der zur Schau getragene Optimismus von Energiekommissar Günther Oettinger noch berechtigt ist sei dahingestellt.   
   

 


 




Kommentar hinzufügen