Samstag 25. Mai 2013, 21:13

Umwelt & Agrar

E 10: Das ILUC-Märchen

Brüssel beabsichtigt den Anteil von Biosprit vorerst zu reduzieren. Neuen Studien zufolge ist die Umweltfreundlichkeit geringer als erhofft, der Wachstumsmarkt Bioenergie entfacht das Thema der Landnutzungsänderungen. Ist Europa für die Umweltschäden auf der Südhalbkugel der Erde verantwortlich?

E 10: Das ILUC-Märchen
E 10: Das ILUC-Märchen
Bild: borntobewild1946/flickr.com
Der mediale Dauerbrenner Biosprit brilliert mit weniger umweltfreundlichen Attributen als angenommen. Die Kommission präsentiert ein neues Regelwerk, prompt hagelt es Kritik von den Biospritproduzenten. Neue Studien tauchen auf und werden verworfen. In Verbindung mit der IFPRI-Studie ist immer wieder der Begriff iLUC (indirect Land Use Change) zu vernehmen. Kann man der Kommission das Regenwaldsterben in Brasilien in die Schuhe schieben? Verursachen indirekte Landnutzungsänderungen einen messbaren und zugleich auch nachvollziehbaren Effekt bei der Produktion von Biokraftstoff?

Falsche Benchmarks: IFPRI-Report

Um erste Vorstellungen über den Biokraftstoffbedarf und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Umwelt zu gewinnen, wollte sich die Kommission pflichtbewusst am Bericht des IFPRI (Internationales Forschungsinstitut für Ernährungspolitik) orientieren. Doch aufgrund bestehender Modellbeschränkungen ist es nicht möglich, zwischen direkter und indirekter Landnutzungsänderung zu unterscheiden. Das hat zur Folge, dass keine reelle Möglichkeit besteht, anhand dieses Berichts einen europäischen ILUC-Faktor zu erstellen. Viele Komponenten bleiben unberücksichtigt, für Brasilien beispielsweise prognostiziert das Modell die größten Landnutzungsänderungen, obwohl diese dort ohnehin verboten sind.

Datenfehler und unzulässige Modellannahmen

Die nicht berücksichtigten 410 Mio. Hektar im IFPRI-Modell entsprechen einem Datenfehler von 27 %, zu viel, um ernst genommen zu werden. Weitere Auffälligkeit ist eine unangemessene Modellierung des Ölsaatensektors, wobei der Ölbedarf für Nahrungsmittel unberücksichtigt bleibt, die Relation zwischen Haupt- und Nebenprodukten ist ebenfalls falsch kalkuliert. Da keinerlei wie immer geartete Modellkalibrierung erkennbar ist, sind sämtliche Folgeüberlegungen ebenfalls mit einer naiven Milchmädchenrechung zu vergleichen. Dazu kommt, dass eine Experten-Evaluierung des Modells rigoros abgelehnt wurde, die empirische Nachvollziehbarkeit geht grad den Bach hinunter, von wegen Glaubwürdigkeit: Pustekuchen! Die ILUC-Werte an den IFPRI-Report zu knüpfen ist defacto pure Willkür.

ILUC missachtet Verursacherprinzip

Die ILUC-Theorie geht davon aus, dass bedingt durch eine erhöhte Nachfrage von Biokraftstoffen in Europa die an sich schützenswerten Flächen in tropischen Regionen zweckentfremdet werden müssen, um die Nachfrage von Rohstoffen zu decken. Die tatsächliche Nutzung der Agrarkulturen bleibt reine Nebensache und darf bestenfalls als billiger Versuch gewertet werden, Probleme in anderen Regionen auf Europa umzuwälzen, das Verursacherprinzip bleibt auf der Strecke. Die Steuerwirkung von ILUC-Werten darf somit als nichtig angesehen werden, es besteht keinerlei Anreiz für regulierende Massnahmen gegen irgendwelche Landnutzungsänderungen. Die Produzenten in den Problemregionen als Verursacher der Landnutzungsänderungen werden hingegen begünstigt. Eine globale Quantifizierung ist zudem nicht möglich, die Landnutzungsänderungen sind in den Problemzonen zu bewerkstelligen. Die Behauptung, europäischer Biosprit wäre für die Abholzung des Regenwalds verantwortlich führt sich selbst ad absurdum, das braucht andere Argumente. Zudem kommt, dass die Union mittels Nachhaltigkeitsbestimmungen mittlerweile ohnehin sehr vorsichtig agiert, was mögliche Nebenwirkungen betrifft.          

Falsche Annahmen rundum

Dass die Zerstörung des sensiblen Regenwalds stetig voranschreitet hat mannigfaltige Ursachen, die überwiegend und ganz speziell auf politischer Ebene zu finden sind. Die Nachhaltigkeitskriterien der Union sollten endlich einmal berücksichtigt werden, ebenso die jeweiligen Nationalen Schutzprogramme. Um die Sache auf den Punkt zu bringen: Der Faktor ILUC macht Fortschritte in Schwellenländern zunichte, national  unterschiedliche legislative Begebenheiten erschweren die Beurteilung der Situation an sich. Als Rechenmodell mag ILUC recht unterhaltsame Auswirkungen haben, die ausgegebenen Werte sind jedoch fernab jeglicher Nachvollziehbarkeit und Logik. Was im Regenwald geschieht, darüber entscheiden regionale Zuständigkeiten oder eben auch nicht, das ist von Europa aus kaum zu beeinflussen.

Bioenergie als Wachstumsmarkt

Nationale Instrumente helfen, die jeweiligen Strategien im Sinne maximaler Nachhaltigkeit in der Praxis kontrolliert zu realisieren. Angesichts des weltweit steigenden Bedarfs an geeigneten Rohstoffen für Bioenergie sind Tag-Emissionen sehr wohl in ihrer gesamten Summe zu bewerten, wobei sehr wohl zu differenzieren ist, welche Kriterien mit welchen Umständen in Verbindung gebracht werden müssen. Angesichts der aktuellen Vorgaben der Union bleibt der Markt für Bioenergie sehr wohl überschaubar, mit Biosprit der neuen Generationen dürfte sich der aufkeimende Konkurrenzkampf nicht zuletzt dank nahezu kontinuierlich steigender Nachfrage von selbst in Wohlgefallen auflösen. Die aktuellen Befürchtungen der Bioenergiewirtschaft sind insofern kaum nachvollziehbar, als die Dekarbonisierung wie geplant realisiert werden muss. Dass es endlich auch im Bereich Bioenergie mit Biosprit der zweiten und dritten Generation konkrete Weiterentwicklungen gibt, muss als evolutionärer Fortschritt gewertet werden.

Der Tank-Teller-Kampf wird durch die Neuregelung rund um E 10 weitgehend entschärft. Food-First ist im Interesse der Union und darf wohl auch als klarer Auftrag an die verunsicherte Agrarindustrie gewertet werden.           


 




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