Die Ölscheichs im Schottenrock begehren auf
Für viele Schotten ist es eine verheißungsvolle Perspektive: Nach einer Loslösung ihres Landes von England könnte Schottland zu einem der reichsten Staaten in der OECD aufsteigen und den ohnehin nicht sonderlich geliebten Süden abhängen.

Bild: Frank Foehlinger/flickr.com
In Schottland freut sich längst nicht jeder auf die bald beginnenden Olympischen Spiele in London. James Jenkins, 72, ehemaliger Tageszeitungsredakteur, sitzt bei seinem Lieblings-Italiener am St. Andrews Square in Edinburgh und grantelt: „Die Spiele werden doch zum großen Teil mit den Einnahmen aus schottischem Öl und Gas finanziert“, glaubt der überzeugte Anhänger der Scottish National Party (SNP). Mit seiner Skepsis gegenüber der britischen Regierung im rund 600 Kilometer entfernten London steht er nicht allein. Jüngsten Umfragen zufolge sind schon heute über 35 Prozent der Schotten entschlossen, bei dem für Herbst 2014 geplanten Referendum für die Unabhängigkeit Schottlands zu stimmen. Das ist zwar einerseits eine erstaunlich hohe Zahl, andererseits aber eben noch keine Mehrheit. Trotzdem reagiert man in London zunehmend gereizt auf die Eigenwilligkeiten im Norden, gleichzeitig warnen einflussreiche Wirtschaftsverbände vor den Folgen einer Trennung Schottlands von England.
Hinter den Unabhängigkeits-Bestrebungen steht vor allem der bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr mit absoluter Mehrheit wiedergewählte Premierminister („First Minister“) Alex Salmond von der SNP. Er bedient sich eines bereits in den 1970er Jahren bewährten Schlachtrufs: „It’s Scotlands oil“. Ein unabhängiges Schottland, verspricht Salmond, könnte zum sechsreichsten Land innerhalb der OECD aufsteigen. England hingegen würde dann nur Platz 15 belegen.
Norweger investieren in Schottland
Die Idee klingt in der Tat verführerisch: Nach Norwegen ist Großbritannien der zweitgrößte Erdölförderstaat Europas. Rund 90 Prozent der Vorkommen werden im Meer vor Schottland gefördert. Die Ölindustrie überwies im Jahr 2010 umgerechnet über zehn Milliarden Euro an direkten Steuern und Abgaben an das Londoner Finanzministerium. Und obwohl die Fördermenge rückläufig ist, sind die Öl- und Gas-Ressourcen längst noch nicht verbraucht. Erst Mitte Mai kündigte der norwegische Mischkonzern Aker Solutions neue Investitionen und die Schaffung von 500 zusätzlichen Jobs im schottischen Energiesektor an.
„Allein unsere Öl- und Gasvorkommen sind nach Expertenschätzungen eine Billion Pfund wert“, sagt der schottische Finanzminister John Swinney. Das entspreche ziemlich genau der britischen Staatsverschuldung. Kein Wunder also, dass man in Edinburgh die Begehrlichkeiten aus dem Süden fürchtet und von einem unabhängigen, wohlhabenden Land im Norden träumt. Von „Ölscheichs im Schottenrock“ ist bereits die Rede.
Doch ausschließlich auf Öl und Gas will die Regierung von Alex Salmond nicht setzen. Eine wichtige Rolle sollen in dem Land an der oft stürmischen Nordsee ferner die erneuerbaren Energien spielen. „Wir verfügen über ein Potenzial von 25 Prozent von Europas Gezeitenstrom, von 25 Prozent der Offshore-Windkraft und 10 Prozent der Wellenkraft“, sagt der selbstbewusste Alex Salmond, der vor seiner politischen Laufbahn unter anderem ein paar Jahre als Ökonom bei der Royal Bank of Scotland tätig war.
Reich mit Öl, Wind und Whisky?
Können Öl, Wind und Whisky Schottland aber zu einem reichen Land machen, wie unlängst die Tageszeitung „The Guardian“ mit einem leisen Anflug von Sarkasmus fragte?
Die eher konservative Denkfabrik „Public Policy for Regions“ (CPRP) an der Universität Glasgow ist skeptisch, ob die Rechnung der schottischen Nationalisten, die im Europäischen Parlament übrigens der Fraktion der Grünen angehören, wirklich aufgeht. Sie warnt vor einer hohen Abhängigkeit eines unabhängigen Schottlands von der Energiewirtschaft. „Das kann sich als riskant erweisen, vor allem angesichts der hohen Fluktuation der Preise, die wir in den zurückliegenden Jahren gesehen haben“, heißt es in der CPRP-Studie Comparing Scottisch and UK economic growth. Außerdem habe die SNP nicht die Milliarden-Investitionen berücksichtigt, die zur Stilllegung von alten Nordsee-Ölfeldern investiert werden müssten.
Alex Salmond hält dagegen, seine Regierung wolle endlich umsetzen, was London jahrzehntelang versäumt habe: Die Einrichtung eines Staatsfonds nach norwegischem Vorbild, in den Geld für die Zeit nach der Öl- und Gasförderung fließen soll.
Tatsächlich ist die schottische Wirtschaft schon heute breiter aufgestellt, als mancher Politiker in London Glauben machen möchte. Die Palette erfolgreicher Unternehmen umfasst unterschiedlichste Branchen und reicht vom Ingenieur-Dienstleister Weir Group mit rund 14.000 Beschäftigten bis zum Unterwäschekonzern MJM International in Glasgow. Auch viele Finanzdienstleister haben dem teuren London den Rücken gekehrt und sich in Edinburgh niedergelassen.
Vom Wohlstandsbogen zur Pleiteallianz
Vor allem die Großunternehmen stehen einer Unabhängigkeit Schottlands skeptisch bis ablehnend gegenüber. Sie fürchten Unsicherheiten angesichts einer Vielzahl offener Fragen. Wird ein unabhängiges Schottland in der EU bleiben, wird es das britische Pfund behalten oder spekuliert es auf einen neuen „Nord-Euro“? Und wie ernst sind Drohungen aus London zu nehmen, im Fall einer Loslösung Schottlands Grenzkontrollen zwischen beiden Ländern einzuführen?
Mancher unterstellt Alex Salmond, ein Träumer zu sein, der trotz seines Ökonomiestudiums nichts von der realen Wirtschaft verstehe. So warb er vor einigen Jahren dafür, ein unabhängiges Schottland solle mit Irland und Island einen „Bogen des Wohlstands“ bilden. Hätte er diesen Plan umgesetzt, wäre sein Land heute in einer Pleiteallianz.
James Jenkins beeindruckt das nur mäßig: „Was ist denn die Euro-Zone anderes als eine Pleiteallianz? Und auch London macht Schulden ohne Ende. Wenn die nicht von unserem Öl und Gas profitieren könnten – dann ‚Gute Nacht’“.


















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